Schlagschatten - AnnenMayKantereit
AnnenMayKantereit
Schlagschatten
Vertigo / Universal
2018

Es scheint so, als würden Annen, May, Kantereit und Huck nahtlos dort anknüpfen, wo die letzten Töne ihres Debüts „Alles nix konkretes“ gerade erst verklungen sind.

Denn auch auf „Schlagschatten“ gibt sich das Quartett handwerklich bodenständig und charmant authentisch. Ihr eigentümlicher Indie-Rock lebt weiterhin von fein akzentuierten Chanson-, Folk-, Pop- und Blues-Elementen – den elektronisch angehauchten Ausreißer „Weiße Wand“ ausgenommen. Das faszinierende Alleinstellungsmerkmal bleibt Henning Mays Reibeisenstimme, die gefühlt schon mehr als ein Leben hinter sich hat und der man jede Weisheit auf Anhieb glauben möchte. Lyrisch bewegen sich die Mitt- bzw. Endzwanziger immer noch auf den unsteten Pfaden des Erwachsenwerdens mit all seinen Irrungen und Wirrungen.

(c) Martin Lamberty

Leidenschaftlich melancholisch spannt sich der Bogen erneut um die relevanten wie banalen (aber gerade deshalb wichtigen) Fragen unserer Generation: Selbstfindung, Beziehungen, Veränderung, Herzschmerz, Festanstellung, Hedonismus und Zukunftsangst.

Wieso auch nicht? Immerhin hat all das auf Album Nummer 1 großartig funktioniert und scheint noch lange nicht vollständig beantwortet bzw. bearbeitet zu sein. Obwohl AMK genau für dieses Nicht-Beantworten der relevanten Fragen vor zwei Jahren in Kritik gerieten und ihnen eine postadoleszente, halb gelangweilte Passt-schon-Attitüde unterstellt wurde, ziehen sie ihr Programm weiterhin selbstbewusst durch. Und mal ehrlich, wer kann diese Fragen überhaupt beantwortet, wenn er/sie doch noch mitten im oft verwirrenden Prozess des Erwachsenwerdens steckt?

Sucht man das Wort „Schlagschatten“ im Duden, findet man folgende Erklärung: „scharf umrissener Schatten, den eine Person, ein Gegenstand wirft“. Aha, das macht Sinn! Denn auf den ersten Hörer scheint das Debüt „Alles nix konkretes“ einen besonders langen Schatten zu werfen, der seinen Nachfolger voll und ganz einnimmt, jedoch von diesem auch zurückgeworfen wird.

Das ist per se nichts Schlechtes, denn AnnenMayKantereit wissen dabei stets genau, was sie tun und konnten ihren Sound auf ihrem zweiten Langspieler zudem noch in seinen Eigentümlichkeiten verfeinern. Gleichzeitig verdichtet sich auf dem Debütnachfolger auch das beruhigende Gefühl, dass die Dinge zwar so sind, wie sie sind, man sie aber beim Namen nennen kann und muss, auch wenn es wehtut. Doch keine Sorge! Henning May und seine Jungs trösten dich, uns und eine ganze Generation – auch audiovisuell, gibt es zu jedem Song ja auch ein Live-Video on top!

— Amy Mahmoudi
Lautstärke

Release 2018-12-07
Shortcut Langer Schatten
Highlight „Jenny Jenny“
Connection Philipp Poisel, Von wegen Lisbeth