Fyre Festival Fail

Fyre Festival Fail

Entbehrliches Wissen #74

Festival Fails können traumatisieren. Jeder von uns hat vermutlich mindestens eine Anekdote in petto, die unzumutbare Dixi-Klozustände, Wasserversorgungsprobleme oder Pfützencamping involviert. Doch nichts, wirklich nichts toppt die auf dreisteste Weise ruinierte Story des FYRE Festivals.

Festivals laufen manchmal einfach nicht so ab, wie man es sich in seiner naiven Sommerurlaubsplanung vorstellt und auch Erholungsaufenthalte sind sie selten. Doch der Tech-Millionär Billy McFarland und Rapper Ja Rule lieferten mit der Organisation des marketingtechnisch spitzenmäßig beworbenen FYRE Festivals eine hochkarätige Bauchlandung der Superlative. Prophezeit wurde ein Luxusfestival auf der ehemaligen Bahamas Privatinsel von Pablo Escobar. Die erschlagende Realität, die die Besucher dort erwartete, ist wohl am ehesten mit der Umsetzung eines Jurassic Parks zu vergleichen.

„LEDIGLICH DIE LEUTE, DIE SICH BEREITS ALL IHRE DROGEN IM FLIEGER REINGEPFIFFEN HATTEN, WAREN IN FEIERLAUNE.“

Zunächst mal fand das Spektakel nicht auf jener Privatinsel statt, sondern auf einer Art Bootparkplatz eines Spa-Resorts. Die Flüge dorthin wurden gestrichen oder kamen verspätet an – schließlich wurden 500 erwartungsfreudige Gäste mit einem Schulbus zum Gelände chauffiert. Statt der versprochenen Luxusunterkünfte warteten rudimentäre Zelte. Bei Kälte konnte man sich nah zusammenkuscheln – es waren nämlich zu wenige. Lediglich die Leute, die sich bereits all ihre Drogen im Flieger reingepfiffen hatten, waren in Feierlaune.

Stundenlang gab es so gut wie kein Essen und wenn, dann in mindester Schulkantinenqualität. Beleuchtung war quasi nicht vorhanden, zum Glück erhellten die Insta-Stories auf den Smartphones empörter und geschockter Besucher die Nacht. Wenn sie nicht aus den behelfsmäßig aufgestellten Metallspinden gestohlen wurden. Niemand hatte daran gedacht, sein eigenes Schloss mitzubringen. Die Zahl der Überfälle häufte sich.

Immerhin gab es in der Nähe einen wunderschönen, menschenleeren Strand – dort kämpfte man jedoch mit einem massiven Haiproblem. Für Notfälle war zwar „Personal“ zugegen, allerdings ohne erkennbare Uniform, geschweige denn mit nötigem Equipment. Das allgegenwärtige Sanitärproblem löste sich glücklicherweise dahingehend, dass viele der Angestellten nach ein paar Stunden das Feld räumten. Ein Freibrief für die hungernde Meute, die sich Zugang zu den spärlich gefüllten Essens- und Getränkeautomaten verschaffte.

Für die Fans, die allen miserablen Umständen trotzten und sich zumindest auf die versprochenen Acts freuten, folgte die nächste Überraschung: Groß angekündigte Künstler wie blink-182 oder Major Lazer hatten abgesagt – oder niemals ihre Zusage erteilt. Wer sich enttäuscht in sein hart erkämpftes Zelt zurückziehen wollte, musste wahrscheinlich noch jemanden niederschlagen, der gerade das Bett entwenden wollte – auch davon gab es zu wenige.

„DAS FYRE BLEIBT EIN MAHNMAL IN DER HISTORIE DER FESTIVALORGANISATION.“

Die meisten Leute traten die überstürzte Flucht an oder heulten sich bei der Botschaft aus. Als das Festival dann von der Regierung der Bahamas zwangsgeschlossen wurde, ging der Alptraum weiter. Beim Warten auf das Verlassen der Insel wurden Besucher stundenlang ohne Wasser in ein übertemperiertes Gebäude gesperrt. Als das Ganze im Anschluss dann von Ja Rule als „augenöffnendes Sozialexperiment“ betitelt wurde, folgten ein gewaltiger medialer Shitstorm und eine Menge Klagen für den Veranstalter.

Das FYRE bleibt ein Mahnmal in der Historie der  Festivalorganisation. VIP-Tickets für das folgende Jahr standen übrigens bereits kurz danach zum Verkauf. Unser Vorschlag zur Besänftigung wütender Besucher? Ein Bällebad.

MEHR FYRELAUNE …

  • Veranstalter Billy McFarland rechtfertigte sich damit, dass ein schwerer Sturm in der Nacht vorm Start des Festivals all die Vorbereitung zunichtegemacht habe. In Wirklichkeit war das Ganze aus Gründen falscher Planung, Fehlkalkulation und Skrupellosigkeit so derb gecrasht.
  • Ja Rule twitterte nach der Veröffentlichung einer Dokumentation, er hätte die Vision verfolgt, ein Festival wie kein anderes zu veranstalten, und niemals jemanden betrügen wollen.
  • Über 400 Influencer waren mit VIP-Tickets geködert worden, um das Festival monatelang zu bewerben.
  • Die Ticketpreise waren für die versprochenen Leistungen eigentlich viel zu niedrig angesetzt – es gab sie nämlich teilweise „schon“ ab 500 Dollar.
  • Da „cashless“ Bezahlung angekündigt worden war, hatten viele hungernde Besucher kein Bargeld, sondern nur ihr aufgeladenes Wristband bei sich.
  • Es gibt einen eigenen Reddit-Thread namens r/ fyrefestival/, in dem Gäste alles aufgelistet haben, was schiefgelaufen ist.
  • Auf Netflix gibt es dazu seit kurzem eine durchaus unterhaltesame Doku mit dem klingenden Titel „FYRE: The Greatest Party That Never Happened“.