Mo, 9. März 2009

Presswehen im Kreißsaal

72 Stunden vorm Release ihres Debütalbums „Best Most Beautiful“ haben wir Österreichs derzeit wohl spannendstes Indie/Pop/Rock-Konglomerat Freud noch einmal gefragt, wie es sich anfühlt, das Baby freizugeben. Ihm dabei zuzuschauen, wie es gehen lernt und wie furchtbar es eigentlich ist, als Eltern in der wichtigsten Phase der Flügge-Werdung des Erstgeborenen nix mehr ändern zu können. Ein arg verkühlter Axel und sein engagierter Chefsekretär Oliver standen VOLUME Rede und Antwort.

(Interview und Fotos: Christoph Löger/Klara Trautner)

Noch drei Tage bis zum Release, wie schaut’s aus bei euch? Aufgeregt?

Axel: Sicher sind wir aufgeregt. Wir freuen uns schon, wenn das Baby endlich rausflutscht und es auch die Welt in Österreich zu sehen und hören kriegt. Wir sind sehr stolz drauf, vor allem weil es sehr viel Blut gekostet hat, damit es so wird wie es jetzt ist.

Blut?

Oliver: Wir haben ziemlich lange dran gearbeitet und wollten wirklich das machen, was wir machen wollten. Das klingt jetzt trivial, aber du gehst ins Studio und hast eine Idee, wie du was machen willst und das klingt dann meistens nicht so, dass es auch tatsächlich so ist, wenn du damit rauskommst. Aber ich kann garantieren, dass wir die richtigen Leute gefunden haben, die Produzenten, die dahinter stehen. Im Endeffekt sind wir dort angelangt,  wo wir hin wollten. Darum denke ich, ist auch jeder so happy mit dem Album. Weil das eben genau die richtigen Leute waren. Ein großes Danke an das Produzententeam, dass wir eine Platte machen durften, so wie wir sie uns vorgestellt haben. Heutzutage ist es nicht so selbstverständlich, dass du die Chance dazu bekommst. Deswegen hat sich der ganze Prozess auch etwas hingezogen. Aber jetzt steht alles und wir können uns damit zu hundert Prozent identifizieren. Freud sind nicht irgendwie gemacht oder ge-mania-t worden, wir sind einfach wir.

 

Du redest von den Leuten, die dahinter stehen. Damit sind ja vor allem Patrick Pulsinger und Erdem Tunakan gemeint. Zwei, die eigentlich aus der Elektro-Szene kommen und die für Freud ein eigenes Sub-Label namens Cheap Record Rocks gegründet haben. Wie kam es überhaupt dazu?

Oliver: Was man von Pulsinger und Tunakan kennt, sind in erster Linie die Elektroniksachen. Tatsache ist, dass die Zwei sehr umtriebig sind. Und sehr viele Sachen machen, auch weltweit. Die Geschichte hat sich in Wirklichkeit auf einer Party ergeben. Erdem Tunakan ist auf Myspace auf uns aufmerksam geworden und hat uns gefragt, ob wir schon eine Plattenfirma hätten. Ich hab natürlich gesagt, dass wir schon zwei haben und wir schon mehr oder weniger vor einem Abschluss stünden. Hat natürlich so nicht gestimmt. Aber er hat gesagt, aha, er würde das aber auch gern machen. Und so ist das entstanden. 

Weil du vorhin schon einen kleinen Seitenhieb in Richtung Starmania ausgeteilt hast: Wenn man sich die Plattenverkäufe der letzten Jahre in Österreich ansieht, verkaufen sich beinahe nur Produkte von Castingshows oder sowas wie DJ Ötzi wirklich gut. Was erwarten sich Freud?

Oliver: Die Verkaufszahlen sind im Moment generell katastrophal niedrig. Ich glaub, dass wir die Möglichkeit haben, dass sich das Album einspielt. Dass es soviel Absatz hat, dass es zumindest kein Minusprojekt wird. Ich denke, dass wir die erste Auflage von 1200 Stück schon wegkriegen sollten. 

Habt ihr Angst davor, dass ‚Best Most Beautiful‘ relativ schnell illegal im Netz landet?

Oliver: Die Angst brauchen wir nicht mehr haben, das ist schon so. Ich denke, in jedem Presswerk sitzt einer, der die Alben vorzeitig verkauft. Auch bei einer kleinen und relativ unbekannten Band wie uns.

 

Freud sind eine recht internationale Truppe. Bitte um eine Vorstellungsrunde des Sextetts.

Axel: Die Mischung ist fürwahr sehr exotisch. Ungewöhnlich. Aber vermutlich gerade deshalb auch so interessant. Wir haben am Schlagzeug unseren Nordslowenen (Anm.: Jürgen, ein Kärntner), der ursprünglich aus einer ganz anderen Szene kommt als wir und mit Independent-Musik wenig bis gar nichts am Hut gehabt hat. Und natürlich bringt er seine Einflüsse mit rein, aus dem was er bisher gehört und gemacht hat. Der Bassist, unser Schwede (John), ist zum einen ein mühsamer, zum anderen ein irrsinnig lieber Kerl, ein wenig naiv lieb (lacht). Manchmal hat man das Gefühl, er würd nicht verstehen was man sagt, wenn es nicht auf Schwedisch ist. Seine Einflüsse sind wieder ganz andere, weil er von  der Avantgarde-Schiene kommt. Unser Gitarrist, der Engländer (Paul) … ein Pubbesitzer und typischer Engländer wie er im Buch steht. Ein lazy frog würd ich mal sagen, aber er ist so abgespaced, dass er oft seine Gitarre nimmt und Sachen spielt, wo wir danebenstehen, zuschauen und uns fragen wie er das jetzt aus seinen Fingern gezaubert hat. Dann unser Maestro, der tschechische Mongole (Ochiro) an den Keyboards. Er ist der ruhigste von uns allen, denkt ziemlich viel nach und ist oft ein bissl abwesend. Aber er kriegt alles mit, redet aber halt wenig. Auf der Bühne lässt er schon die Sau raus, nur eher innerlich. Keine Ahnung, was in seinem Kopf wirklich passiert.

Bleiben die zwei Personen hier am Tisch übrig. Beschreibt euch mal gegenseitig.

Axel: Oliver ist ein sehr präziser Mensch, der ganz genau weiß, was er will. Er ist ein Perfektionist. Solange etwas nicht Hand und Fuß hat, darf und wird das nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Er ist der Chefsekretär, unser Mastermind mit langjähriger Erfahrung im Geschäft.

 

Sprichst du da von eurer früheren Band (Anm.: Der Wiener Mod-Legende ‚The O5‘)? Ihr redet’s ja relativ selten und offenbar ungern darüber, aber was könnt ihr zu damals sagen?

Oliver: Es war eine wunderbare Erfahrung mit O5 fünf Konzerte mit Paul Weller zu spielen, im Cavern Club in Liverpool (Anm.: Der Geburtsstätte der Beatles) aufzutreten, England-Tourneen zu machen. Es waren alles schöne Erfahrungen. Für mich war nur der Zeitpunkt irgendwann da, wo ich mir gedacht hab „Ich will nimmer, mir macht’s keinen Spaß mehr.“ Ich mach ja keine Musik aus Größenwahn oder weil ich reich werden will, sondern weil ich gerne Leute unterhalte. Ob ich das jetzt mit Witzen mache, die ich euch gerade erzähl oder durch Musik, ist egal. Aber das tu ich halt gern. Und der Axel ist meiner Meinung nach auch so ein Typ. Axel ist ein extrem guter Musiker, er hat ein wahnsinniges Gefühl für Musik. Ich wollte damals zwar O5 nicht mehr machen, aber ich wollte weiter Musik machen, vor allem mit Axel. Ich hab ihn in der Endphase von O5 sehr schätzen gelernt, wo es mir überhaupt nicht gut gegangen ist. Ich hab damals daran gedacht, meine ganzen Gitarren an die Wand zu hängen und einfach mit allem aufzuhören.

Beatles oder Stones?

Oliver: Ich hab mal die Frage gestellt bekommen: Blur oder Oasis? Meine Antwort war Beatles (lacht). Anders kann ich’s nicht beschreiben. Aber natürlich haben die Stones auch ihre Qualitäten. „Sympathy for the Devil“ ist eine meiner Lieblingsnummern. Axel hat das mal schön gesagt. Wir waren kleine Burschen und die Beatles waren so groß, wir wurden einfach infiziert damit. Heute ist das nicht mehr so, der Einfluss der Beatles auf die Leute ist nicht mehr so da. Die waren die absoluten Musikgötter, sie haben die Musik wahnsinnig geprägt.

Axel: Ohne Beatles kein Rock.

Oliver: Schau dir heute mal an, was da ist. Nimm Oasis. Die sind doch in Wirklichkeit ein billiger Beatles-Abklatsch, mit Betonung auf billig. Sie sind aber deshalb erfolgreich, weil sie einfach diese Attitüde fortsetzen.

Du sprichst das Königreich an. Der englische Einfluss auf ‚Best Most Beautiful‘ und bei Freud generell ist nicht zu überhören. Woher kommt die Vorliebe?

Axel: Ich habe mich unlängst wieder mit meiner Plattensammlung befasst und festgestellt, dass vorwiegend britische Bands drin zu finden sind. Natürlich gibt’s auch amerikanische oder schwedische oder andere Bands, das Ding ist aber nach wie vor, dass meine Lieblingsnummern zu achtzig Prozent aus England kommen. Deswegen auch die Vorliebe zur englischen Sprache und nicht zum amerikanischen Englisch. Lieber der knackige englische Sound.

 

Wenn Axel und Oliver jeder für sich allein daheim sind und Rock’N’Roll zur Abwechslung einmal satt haben, was hört ihr in ruhigen Momenten, das man nie erwarten würde?

Oliver: Bronski Beat, Spider Murphy Gang, Kraftwerk, ziemlich viel Elektronikgeschichten der 80er … Gary Numan.

Axel: Ich hab sehr gern die Singer/Songwriter-Sachen, sehr viele ruhigere, melancholische Geschichten à la Aqualung. Aber wie der Oliver auch die Spider Murphy Gang oder gerne Billy Joel. Es tendiert in die Ende 70er, Anfang 80er-Ära.

Falls euch mal ein Museum gebaut wird, habt ihr ein Problem. Ein Freud-Museum gibt’s nämlich schon. Was macht ihr dann?

Oliver:  Da sind wir schon längst tot. Als Österreicher bekommst du doch nur dann ein Museum, wennst schon lang hin bist. Das hat schon der Falco gewusst.

Was würdet ihr denn in euer eigenes Museum reinstellen?

Oliver: Also, sechs Dinge, eins für jeden von uns. Wir könnten versuchen, für die anderen vier was zu finden. Hmmm…Ochiro hätte sicher ein typisches mongolisches Zelt drinnen stehen, eine Jurte. 

Axel: Der Paul hätte ein Gulasch mit Ketchup drinnen stehen.

Oliver: Stimmt. Und ich glaub, der John würde Haarfärbemittel ausstellen. (Gelächter) Jürgen hätte sicher ein Handpflaster drinnen und einen Wecker, der sagt ‚Jetzt ist es aus mit der Probe, jetzt kann ich nicht mehr. Ich muss weg, ich muss morgen fliegen‘ (Anm.: Jürgen ist AUA-Pilot).

Und was würdet ihr zwei ausstellen?

Axel: Für mich ein Schminkkofferl. (grinst)

Oliver: Einen Spiegel.

 

Welche Ticks haben die Freuds? (betretene Pause)

Oliver: Der Ochiro ist ein typischer Grenzgänger zwischen Genie und Wahnsinn, das ist bei ihm wirklich so. Das trifft aber auch auf alle anderen zu, das ist leider wahr (lacht). Paul, hmm…stillos, extrem perverse Art zu essen? John…notorischer Zuspätkommer? Jürgen…der Jürgen ist fast schon so perfekt, dass das beinahe sein Problem ist. Aber eigentlich fällt mir zur Frage wirklich fast nix ein, weil wir alle irrsinnig gut miteinander können. Wir sind wirklich Freunde geworden, machen auch außerhalb der Band viele Sachen zusammen. Ich weiß nicht, ob das so typisch ist. Wenn ich an O5 denke, da haben wir zwar miteinander gearbeitet, aber Freunde waren wir nicht. Alles in allem sind wir ziemlich slightly normal.

Axel: Ich bin ein Heimscheißer, das geht nirgendwo sonst.

Oliver: Ich auch!

Könnt ihr Freud und Freundschaft trennen?

Axel: Wenn wir streiten, dann hat das immer mit Bandsachen zu tun.

Oliver: Wir streiten ziemlich viel, aber das ist der freundschaftliche Prozess, dass wir miteinander kommunizieren. Unser Fokus liegt nicht nur auf Album, Gigs und Geld, sondern eben darauf, dass wir gemeinsam ein Ziel haben. Musik machen zu wollen, die uns Spaß macht und die uns untereinander extrem gut gefällt. Wir wollen Spaß haben und diesen Spaß auch an die Leute weitergeben. Das ist keine Zwangsneurose, sondern eine Geschichte, die einfach so gelaufen ist. Natürlich kommt es da zu Streits. Wir streiten recht viel und recht gern. Ich streite mit jedem in der Band.

Auf eurer Myspace Seite gab’s gestern einen sehr positiven Eintrag zum Album vom feinen Herrn Robert Rotifer. Ist das etwas, wo ihr euch geehrt fühlt?

Oliver: Extrem.

Axel: Absolut!

Oliver: Das war eine super Sache. Vor allem weiß ich, wie er ist und ich weiß, dass ihm so was nicht allzu easy von den Lippen kommt. Aber wenn er was sagt, dann meint er es ernst. Was mich besonders gefreut hat war, dass er gesagt hat, er hat noch nicht einmal die ersten vier Nummern fertig angehört und trotzdem schreibt er gleich, dass er es recht gut findet. Weißt du, genau für das mach ich es eigentlich. Wenn ich die Leute kenne und weiß, wie sie denken. Wenn ich weiß, die sagen jetzt nicht einfach irgendwas. Ich hab mich über das Posting extrem gefreut, dass ist etwas, was dich sehr hoch hebt. Ein super Feeling.

Axel: Glücksgefühl!

Was uns im letzten Jahr bei den Konzerten aufgefallen ist: Ein ziemlich großer Teil der bisherigen Freud-Fans ist weiblich. An wem von euch liegt denn das?

Oliver: Axel!

Axel: Oliver! Nein, in Wirklichkeit liegt’s daran, dass der Jürgen Pilot ist. Brauchen wir nicht weiterreden, das ist es!

Axel, du giltst als schwierige Diva…

Oliver: Das stimmt!

Kultivierst du das?

Axel: Ich bin halt in gewissen Dingen sehr stur, ich möchte fast sagen tussihaft, was mein eigenes Wohlbefinden angeht. Egal, ob im Proberaum oder auf Tour. Wenn ich mein Schminkkofferl nicht dabei hab, bin ich unausstehlich. (grinst)

Ein kurzes Wort zu euren Aftershowparties. Die sind ja …hmm… recht interessant.

Oliver: Aha? 

Ja.

Oliver: Naja, sie sind immerhin so, dass man in der Spatzenpost drüber berichten kann. 

Axel: Oder der Spatzerlpost.

 

In welcher Bar auf dieser Welt sollte man einmal ein Bier getrunken haben oder abgestürzt sein?

Oliver: Ich kann in die Vergangenheit gehen und sagen, dass ich schon in vielen Ländern Bier getrunken hab, aber am besten war es immer noch beim Terassinger in Wien. Den gibt’s leider nicht mehr. Ansonsten…die Bar im Atomic Café in München hab ich immer geliebt. Eine der besten Bars die ich kenn.

Axel: Ich kann da schwer was dazu sagen, ich bin ja ein Daheimschläfer, ich bin noch nie in einer Bar eingeschlafen.

Freud spielen ein DJ-Set. Was sind die ersten Nummern, mit denen ihr die Nacht beginnt?

Axel: Pffff…das wechselt so oft. Aus meiner jetzigen Situation: 1.) The Beatles – Penny Lane, 2.) The Mooney Suzuki – Alive & Amplified, 3.) Pete and the Pirates – Mr. Understanding, 4.)  Shed Seven – Disco Down, 5.) Bloc Party – One Month Off.

Oliver: Anfangen ist schwer … wennst mich fragst, welche fünf Nummern ich sicher auflegen werd, dann schaut das so aus: The Beatles – Strawberry Fields Forever, Freud – Last Another Day, Freud – Best Most Beautiful, irgendeine Elvis Nummer, die gerade ins Konzept passt,  Small Faces – Tin Soldier und wahrscheinlich eine Clash oder Sex Pistols Nummer.

Wo sieht man Freud das nächste Mal live?

 

Oliver: Im steirischen Vorau am 14. März bei einem Benefizfestival und am 19. März im Wiener Chelsea bei unserer Releaseparty. Außerdem am 4. April im Weekender in Innsbruck und am 24. April gemeinsam mit den Jaybirds und den Staggers im Avalon in Krems.

Dankeschön, die Herren.