"Männer über 30 müssen zeigen können, dass wir keine kompletten Vollidioten sind."
Love and Lose im VOLUME-Interview
Emo is not dead dammit. Seien wir mal ehrlich, Herzschmerz, Mental-Health, Zerrissenheit und Lebenskrisen passen großartigst in die 30er. Viele würden zustimmen, dass diese Themen mit mehr Lebenserfahrung sogar zunehmend an Tiefe gewinnen und gewisse Gefühle noch ärger und ernsthafter reinkicken als im Teenageralter. Auch die Regensburger Band Love & Lose sieht das so. Gut, dass sie sich fürs Musikmachen entschieden haben und nicht für den Harley Davidson-Lifestyle. Im VOLUME-Gespräch reden wir mit Sänger Daniel über all das und mehr.

Für all jene, die euch bisher noch nicht auf dem Schirm hatten: Wer seid ihr, wo kommt ihr her und warum habt ihr euch gedacht: „Wir müssen jetzt wieder Musik machen“?
Wir sind eine eher kleine Band, es gibt also wahrscheinlich noch genug Leute, die uns nicht kennen haha. Musik machen wir allerdings schon seit der Kindheit und hatten früher auch schon eine gemeinsame Band. Irgendwann hatten wir einfach wieder extrem Bock drauf und haben 2023 Love & Lose gegründet. Damals dachten wir noch pragmatisch: „Mach ma halt wieder bisschen Musik.“ Aber es hat dann einfach ultra viel Spaß gemacht und wir waren sofort voll im Flow. Es fühlt sich im Prinzip an wie mit 17, nur dass klingt es heute deutlich besser, und wir stecken einfach nur eine Menge mehr Zeit und Geld rein als damals. Das hebt das ganze Projekt, und auch die Themen über die wir singen, aufs nächste Niveau.
Wenn du von Flow sprichst, wie fühlt sich dieser Zustand für dich an?
Das ist gar nicht so leicht zu beschreiben. Früher hatte ich dieses Flow-Gefühl eher allein daheim für mich. Wenn du dann aber als Band zu fünft im Raum stehst, gemeinsam schreibst und dieser Moment entsteht, hat man sofort wieder Bock auf mehr. Flow ist ein bisschen wie eine richtig geile Serie zu schauen: Es macht unfassbar Bock und man verliert sich auch liebend gerne darin.
Stichwort Verlieren: Bei Love & Lose steckt der Kontrast aus Lieben und Verlieren ja schon im Namen. Worum geht es euch diesmal im neuen Song?
Genau dieser Kontrast aus Positivem und Negativem, dem „Love & Lose“, spiegelt sich auch in unserer Musik wider. Der neue Song behandelt das Thema Gedankenspiele und die allererste Textzeile bringt es eigentlich schon ziemlich gut auf den Punkt: Zuerst bist du gefangen im eigenen Kopf. Unsere Musik lebt generell von einer sehr emotionalen Basis, Hashtag #Emo oder so haha. Unsere Songs drehen sich hauptsächlich um Themen rund um Selbstzweifel. Mit über 30 ist das nämlich noch genauso präsent und wir kennen genug Leute in unserem Alter, die ihr Leben genauso noch nicht ganz „outgefigured“ haben. Lieben und verlieren, darum geht’s.
Also müsst ihr für solche Themen nicht allzu lange nach Inspiration suchen?
Nein, überhaupt nicht. Wir sind alle schon sehr lange und extrem eng befreundet, also wir sind nicht nur Dudes, die „abends mal ein Bier zusammen trinken“. Die Freundschaft ist teilweise enger als Familie. Unseren Bassisten kenne ich beispielsweise seit 20 Jahren. Und auch bei unserem Drummer, den wir online gefunden haben, war das privat sofort ein extremes Match. Bei uns weiß jeder ganz genau, wie der andere tickt. Wenn jemand ein Problem hat, reden wir offen darüber und manchmal entsteht daraus dann sogar ein Song.

Neue Freundschaften zu schließen gilt ab 30 für viele ja als komplizierter?
Ich find eine gute Freundschaft zu schließen, ist an sich nicht schwerer. Aber Leute überhaupt mal kennenzulernen wird definitiv schwieriger, weil einfach alle weniger Zeit haben und man schlicht weniger Menschen trifft. Wenn man in diesem Alter neue Leute kennenlernt, ist das fast wie der Start einer neuen Beziehung: Es geht alles viel schneller, weil man selbst schon weiter ist und auch höhere Ansprüche mitbringt.
Wie schaut’s da mit hohen Ansprüchen innerhalb der Band aus?
Wenn es im Bandkonstrukt harmoniert, ist es für uns alle leicht, was zu machen, was wir alle als gut empfinden. Wir arbeiten extrem demokratisch. Jeder gibt seinen Senf dazu und dadurch bleiben wir super flexibel.
Stichwort flexibel: Wie läuft das Songwriting ab, wenn ihr euch im Alltag gar nicht so oft sehen könnt?
Bis ein Song wirklich fertig wird, dauert es gefühlt ewig! Aber das akzeptieren wir einfach. Unser Songwriting hat sich definitiv zu 100 Prozent verändert. Zwei von uns sind mittlerweile Väter, einer ist weggezogen, weshalb wir uns nicht mehr so oft und regelmäßig sehen können. Früher haben wir es gehasst, Songs online zu schreiben, und wir sind ehrlich gesagt immer noch keine Riesen-Fans davon, aber wir machen es jetzt einfach. Wann ein Song dann schlussendlich fertig ist, ist mittlerweile ein schleichender, stetiger Prozess. Die Texte schreiben Markus, unser Drummer, und ich. Bei der neuen Single kam das Grundkonzept von Markus und ich hab dann alles finalisiert.
Wenn ihr eure neue Single PARANOIA mit einem anderen Wort beschreibt was wär das?
Zerrissenheit.
Welches Gefühl wollt ihr bei euren Live-Konzerten transportieren? Wie sollen die Leute nach Hause gehen?
Ich bin ja selbst leidenschaftlicher Konzertgänger, geh im Publikum richtig ab und schreie mit. Ich verstehe echt gar nicht, wie man auf Konzerten so völlig still und steif da stehen kann, da rührt sich ja was in einem! Und wenn wir spielen – selbst wenn es nur vor drei Leuten ist – ist das Gefühl unbeschreiblich. Wir sind live alle sehr euphorisch und extrem aktiv auf der Bühne, weil wir wollen das Publikum auch zum Tanzen bringen. Den Leuten unsere Energie weitergeben. Und ganz ehrlich: Wenn ich vor 5.000 Leuten spielen würde und alle würden still rumstehen, spiele ich tausendmal lieber vor den drei aufgedrehten Leuten.
Welches Feedback bekommt ihr so vom Publikum?
In den Gesprächen danach hören wir eigentlich nur Positives. Wir haben sogar einen echten Ultra-Fan, der uns so extrem feiert, dass mir neulich fast die Tränen gekommen wären, Shoutout an dieser Stelle! Er hat mal zu uns gesagt: Wenn wir auf der Bühne stehen, merkt man einfach, dass das echt ist. Dass das nicht nur geschrieben, sondern auch genau so gemeint ist.
„Wir haben sogar einen echten Ultra-Fan, der uns so extrem feiert, dass mir neulich fast die Tränen gekommen wären.“
Echte Emotionen erfordern ja Mut zur Verletzlichkeit. Wie schwer fällt es euch, eigene Niederlagen, also quasi das „Lose“ in euren Texten, derart offen zu legen?
Genau darum geht es uns! Wir sind eh schon eine „klassische“ Männerband, alles Cis-Männer. Dieses steife, kühle Getue wollen wir unbedingt durchbrechen. Ich bin über 30, mir gehen langsam die Haare aus, eigentlich müsste ich jetzt AC/DC hören und Harley Davidson fahren haha. Aber Männer über 30 müssen zeigen können, dass wir keine kompletten Vollidioten sind. Auch so Sachen, wie „weiblich“ als Schimpfwort oder negatives Attribut zu verwenden, so etwas gehört endlich aufgebrochen. Das Mutigste und Echteste ist es doch, zu sich selbst zu stehen und man selbst zu sein. Viele Menschen, gerade viele Männer, tun sich extrem schwer damit, über Probleme und Gefühle zu sprechen. Wir gehören da nicht dazu.
Die aktuelle Playlist- und Single-Kultur, in der Songs oft nach 15 Sekunden weitergeskippt werden, ist für viele frustrierend, die Musik machen. Wie geht ihr mit dem um?
Da sind wir absolut oldschool: Wir werden weiterhin ehrlich Musik machen, die uns selbst gut gefällt. Einen Song nach einem gewissen Schema für Klicks umzuschreiben, machen wir nicht. Der Trend geht zwar in diese Richtung, aber wir machen auf jeden Fall unser Ding weiter. Es läuft heutzutage eh schon alles viel zu schnell und stressig.

Der Stress klingt aktuell?
Vor ein paar Wochen war ich echt an einem Punkt, an dem mir alles zu viel wurde. Behind the scenes passiert ja so einiges: Management, Proben, organisieren… Selbst bei einer Band, die nach außen hin nicht permanent Content raushaut, wird im Hintergrund enorm viel unsichtbare Arbeit geleistet. Und kurzzeitig wurde mir alles echt too much. Und dann… spielst du eine Show und all diese negativen Gedanken sind schlagartig wie weggeblasen. Live zu spielen ist einfach das Schönste, was es gibt. Das Gefühl danach hält ewig an, ich bin heute noch happy, wenn ich an unsere letzte Show denke. Also bei uns gibt’s danach echt gar keinen After-Show-Blues.
Sweeter Schlusssatz. Wann seht ihr euch als Band eigentlich das nächste Mal live im echten Leben?
Da wir ja verstreut wohnen, planen wir demnächst ein gemeinsames Band-Wochenende in einer schönen Hütte: Grillen, Songs schreiben und die gefühlt hunderttausend Ideen ausarbeiten, die wir noch irgendwo rumliegen haben. Und zusammen rumliegen. Das wollten wir schon ewig mal machen!