Eine Nachtschicht auf Rollerskates.
Interview mit Stumbling Politely
Das Wort „Nachtschicht“ löst durchaus ambivalente Gefühle aus. Damit können freudvoll-durchzechte Nächte gemeint sein. Oder anstrengendes Malochen. Oder unbarmherzig wiederkehrendes Gedankenchaos, das uns in der Nacht nicht schlafen lässt. Auch die Wiener Band Stumbling Politely befasst sich in ihrer neuen Single mit Night Shifts. In ihrer Musik kombinieren sie Punk mit bittersweetem Indie und bissl Pop und hin und wieder boxen sich dabei im Hintergrund Jugendliche. Mit VOLUME haben Lotte, Zeck und Thomas über das Alleinsein geredet, das Einreißen eigener Zäune, das Weichbleiben in einer harten Welt. Wir stumbeln rein.

Eure neue Single heißt „Night Shifts“. Was passiert bei euch, wenn ihr „home alone“ seid?
Lotte: Wenn man – freiwillig oder unfreiwillig – alleine ist, ist es manchmal gar nicht so leicht, die Zeit für sich selbst zu nützen. Genau in so einem Moment hab ich den Song geschrieben. Weil da manchmal Leere oder Gefühle aufkommen, mit denen man dann alleine klarkommen muss.
Zeck: Es gibt halt immer einen feinen Unterschied zwischen einsam sein und alleine sein.
Kennt ihr nach Konzerten oder Touren eigentlich diesen typischen „After-Show-Blues“?
Lotte: Nach unserer Tour letztes Jahr war das schon komisch. Man ist unterwegs Teil vom Team, Teil der Band, Teil vom nicht-Alltag, ist immer eingebettet in diesen Ablauf und offiziell Musikerin eben. Da kann der Übergang zurück schon schwierig sein.
Zeck: Der Blues hittet aber meistens nicht direkt nach dem Konzert, weil man da eh noch unterwegs ist. Der kommt erst nachher, wenn man wieder komplett in die Realität zurückkehrt.
Wie würdet ihr euren Sound beschreiben?
Zeck: Manchmal ist es Indie- oder Surf-Punk, manchmal Pop-Punk.
Lotte: Grundsätzlich punkig und eindeutig mit Indie-Einflüssen.
Ihr machts auch unterhaltsamen Stuff auf Insta. Wie entstehen eure Videos?
Lotte: Wir haben meistens so grobe Ideen und dann machen wir einfach. Es ist auch ein bisschen weird, darüber zu reden, weil beim Filmen so plötzlich intime Momente entstehen. Man muss sich da richtig exponieren, was ungewohnt ist. Aber genau deshalb war das Filmedrehen einer der schönsten und lustigsten Bandmomente bisher.
Zeck: Insgesamt macht es uns schon Spaß. Es ist zwar ein bisschen peinlich, aber wir können damit leben. Generell ist es auf Social Media schwierig, bei dem ganzen Überfluss überhaupt Aufmerksamkeit zu kriegen. Da muss man alle Hebel in Bewegung setzen. Selbst wenn man eigentlich nur Musik machen wollte und nicht Content createn.
„Es ist zwar ein bisschen peinlich, aber wir können damit leben.“
In einem Reel spielt ihr im Vordergrund, während sich im Hintergrund zwei junge Leute sparringsmäßig boxen?
Zeck: Die haben wir natürlich bezahlt! Nein, Spaß. Wir hatten eine Outdoor-Show in Bruck und dahinter war ein Spielplatz. Da waren zwei Jungs mit Boxutensilien, die Sparring gemacht haben und die haben sich da einfach geboxt. Irgendwann haben wir es gemerkt und da war es schon im Video.

Die Caption dazu war: „Lieb zueinander, sonst gibt’s aufs Maul.“ Wie können wir alle öfter mal einfach lieb zueinander sein?
Zeck: Wichtig ist einfach, dass man einander zuhört und ehrlich ist. In der Welt ist ständig irgendwas los, gefühlt wird alles schlechter und der Umgang miteinander härter. Selbst in progressiven Kreisen sind Zynismus und Härte an der Tagesordnung. Ich denke, es ist eine richtige Stärke, in so einer Welt weich zu bleiben. Nicht mit jedem Dogmatismus mitzugehen, sondern einen differenzierten Blick zu behalten und nicht zu verhärten. Positionen aushalten zu können und trotzdem zu diskutieren, selbst wenn man nicht weiß, ob es beim Gegenüber wirklich ankommt.
Lotte: Präsent und achtsam sein. Es gibt aktuell einfach viele reale Bedrohungen. Ich merk es ja selber, zum Beispiel beim Spazieren: die trockenen Bäume, die extreme Hitze im Sommer, generell vieles, was betroffen macht. Da ist es wichtig, aufmerksam im eigenen Umfeld für das zu bleiben, was ist, also was es darüber hinaus noch gibt.
Wie habt ihr als Band überhaupt zusammengefunden?
Zeck: Thomas wollte Schlagzeug spielen und konnte schon Bass und Gitarre spielen. Ich wollte schon immer ein Instrument lernen, weil ich mein ganzes Leben nie eines gelernt habe. Dann haben wir erfahren, dass Xandi auch Gitarre spielt. So waren wir erst zu dritt. Dann war Xandi aber überraschend gut am Schlagzeug und jetzt ist er unser Schlagzeuger! Und dann haben wir noch Lotte dazugeholt, als perfekte Ergänzung.

Welche „Night Shift“ würdet ihr jederzeit freiwillig einlegen?
Thomas: Ich habe früher mal in einer Bowlinghalle bis 3 oder 4 Uhr nachts gearbeitet. Obwohl das echt hart war, hat es relativ viel Spaß gemacht. Das würde ich wieder machen.
Zeck: Woah, du denkst gleich an richtige Arbeits-Nachtschichten! Ich würde eher sagen: Selbst ein Konzert spielen oder für eine andere Band den Merch machen.
Thomas: Noch besser.
Lotte: Für mich wäre die perfekte Night Shift, mit Freunden und Freundinnen Musik für Serien und Filme zu erfinden. Und danach einfach draußen sein und Sterneschauen.
Im Song kommen „Little Fences“ vor, also kleine Zäune, die man sich baut. Lotte, du hast den Song geschrieben: Wie schauen diese Zäune aus?
Lotte: Das sind teilweise schon brutal starre Zäune, die man sich da selbst baut und durch die man sich selbst einschränkt. Da sperrt man sich dann ein mit Einsamkeit, Hilflosigkeit und nimmt keine Möglichkeiten in Anspruch, überhaupt mit anderen in Kontakt zu treten. Man schlägt das richtiggehend aus. Hält an alten Mustern fest. Damit umzugehen, ist schwierig. Prinzipiell gibt es immer die Möglichkeit des Einreißens – auch wenn es in dem Moment extrem schwerfällt, das zu sehen: sich mit Leuten austauschen, sich jemandem anvertrauen. Oder auch einfach rausgehen. Bei mir war es im letzten Jahr Rollerskaten.
„Prinzipiell gibt es immer die Möglichkeit des Einreißens – auch wenn es in dem Moment extrem schwerfällt, das zu sehen.“
Auf einer Skala von 1 bis 10, wie „polite“ seid ihr wirklich?
Lotte: Ich bin viel zu polite. Frauen haben ja generell oft das Thema damit, sich Raum zu nehmen, und das spüre ich bei mir auch. Also ich bin da manchmal eine 11 im Angepasstsein.
Zeck: Rauslassen kannst du das dann ja alles bei der Bandprobe. Aber Thomas ist auch besonders polite.
Thomas: Echt?
Lotte: Ja! Und Xandi am wenigsten haha.
Zeck und Thomas lachen.
Warum sollte man unbedingt zu eurer Live-Show kommen?
Thomas: Weil es Schlägereien von Kindern im Hintergrund gibt! Nein, wir haben da in Berlin mal ein wunderschönes Kompliment gekriegt: Eine Person hatte an dem Tag richtig schlechte Laune, hat uns gesehen und meinte danach, das war das erste Lächeln seines Tages.
Lotte: Wir haben auch schon oft gehört, dass Leute meinten, sie fühlen sich nach unserer Show einfach richtig gut.
Zeck: Wir spielen ja eher in autonomen Zentren bei DIY-Shows, wo wir stilistisch oft etwas rausfallen. Da weiß man vorher nie: Wie reagieren die Leute? Gefällt es ihnen? Ich glaub, bei uns ist es das persönliche Gefühl. Dass wir den Leuten für die kurze Zeit an dem Abend ermöglichen, gerade mal nichts mit dem restlichen Leben und der restlichen Welt anfangen zu müssen.

Ihr spielt am 17., 18. und 19. gemeinsam mit FEDER Shows?
Zeck: Genau, wir spielen jetzt zusammen Nürnberg, St. Gallen und Donaueschingen. Für November versuchen wir gerade noch was auf die Beine zu stellen.
Was wollt ihr als Band unbedingt noch gemeinsam erleben?
Zeck: An einem Album arbeiten und uns die Zeit nehmen, das Songwriting richtig voranzutreiben.
Thomas: Eine Italien-Tour mit ganz viel Essen gehen!
Lotte: Mehr zusammen unternehmen! So viel spielen wie möglich. Weiter Musik rausbringen. Und als Band mal gemeinsam von einer Klippe ins Wasser springen.
Danke fürs Interview und viel Spaß auf der Tour – vielleicht sehen wir uns ja noch im November!
