Fr, 16. Oktober 2015

Gut Ding braucht Weile

Jamie Lawson im Interview

Die Straße zum Erfolg über Nacht ist oft viel länger als so mancher erwartet, aber bei Jamie Lawson erreichte sie fast epische Ausmaße. Doch nach zwei Alben und unzähligen Touren durch die Weiten der Akustik-Clubs, kam mit dem Song ‚Wasn’t Expecting That‘ die unerwartete Wendung: tausende Youtube-Clicks, Platzierungen an der Spitze der irischen Charts und endlich ausverkaufte Konzerte. Das sollte aber nicht alles gewesen sein, denn der glückliche Zufall machte niemand geringeres als Ed Sheeran auf Jamie aufmerksam. Seit dem geht es für den Singer-Songwriter rasant bergauf und es bestätigt sich wieder einmal: Gut Ding braucht Weile! Aber auf Musik, die so schön ist, wartet man gern ein bisschen länger. VOLUME hat sich mit dem schüchternen Engländer über das Waves Vienna Festival, die Liebe auf den ersten Blick und One Direction unterhalten.

Na, wie war’s am Waves Vienna Festival?

Das Waves Vienna ist eine tolle Sache und ich freue mich, Teil davon gewesen zu sein. Da es als Showcase Festival die Aufmerksamkeit auf neue Musiker lenken soll, fühle ich mich sehr geehrt, dass Warner der Ansicht ist, ich sei einer von jenen, die man fördern sollte. Das ist großartig!

Es hat ja ein Weilchen bis zu deinem Durchbruch gedauert…

Ja, ich musste mich definitiv gedulden. (lacht)

Was hat dich all die Jahre durchhalten lassen?

Jedes meiner beiden Alben hatte gerade so viel Erfolg, dass ich wusste, es gibt da draußen Leute, die meine Musik nach dem ersten Hören mochten. Ich habe mir gedacht, wenn ich mehr Leute erreiche, dann werden auch mehr Menschen zuhören. Das hat sich nun zum Glück auch bestätigt. Die Reaktionen derzeit sind großartig!

Du wusstest also, deine Zeit wird kommen?

Ich habe es zumindest gehofft! (lacht) Sicher war ich mir aber nicht.

Was rätst du Musikern, die immer noch hoffen müssen?

Du musst einfach an dich selbst glauben und so ehrlich zu dir selbst sein, wie du nur kannst. Was willst du der Welt mit deiner Musik sagen? Glaubst du selbst an das, was du den Menschen mitgeben möchtest? Ich hatte nie einen Plan B. Ich habe nichts anderes gelernt. Die Musik war mein einziger Job. Man muss also auch ein bisschen stur sein. (lacht)

Konntest du damals von deiner Musik leben?

Ja. In diesem Zusammenhang war ich insofern erfolgreich, als dass ich mir mein Leben in den letzten zehn Jahren durch meine Musik finanzieren konnte. Wenn wir ehrlich sind, wissen auch jetzt nicht viele Leute, wer ich bin. Doch das zu machen, was du liebst und dadurch deinen Lebensunterhalt zu bestreiten – das ist der Traum!

Und dann hat dein Song ‚Wasn’t Expecting That‘ alles verändert. Hast du das erwartet?

Nein, nicht wirklich. Es ist irgendwie seltsam. Der Track war vor vier Jahren ein Hit in Irland und jetzt hat er eine zweite Chance bekommen. Ich bin Ed Sheeran wirklich sehr dankbar dafür, dass er mich bei seinem Label unter Vertrag genommen hat. Nun kann das Lied wieder hinaus in die Welt geschickt werden und Leute, die es beim ersten Mal verpasst haben, hören es vielleicht jetzt. Der Song verdient es, gehört zu werden.

Wie oft hast du diese Frage schon gehört?

Ich höre das jeden Tag. (lacht) Ich weiß nicht, ich finde es nicht wirklich lustig, aber es ist in Ordnung. Ich lächle dann einfach. (lacht)

Scherz beiseite. In der Nummer geht es um die große Liebe, die mit dem Tod endet – eine traurig-schöne Liebesgeschichte…

Wir kennen alle jemanden, der das durchmacht, was das Pärchen in ‚Wasn’t Expecting That‘ erlebt – egal ob in der eigenen Familie oder im Freundeskreis. Vor allem die Reaktionen der Menschen auf den Song sprechen hier für sich. Er berührt die Leute und sie können sich damit identifizieren. Dennoch denke ich, dass es eine sehr positive Nummer ist, denn es geht um die ideale Beziehung … um die eine Liebe von der jeder träumt, bei der man sich auf den ersten Blick verliebt und den Weg bis zum bitteren Ende gemeinsam geht.

Hast du Liebe auf den ersten Blick selbst schon einmal erlebt?

Vermutlich … ich weiß es nicht. Liebe ist doch eine komische Sache. (lacht) Ich habe vielleicht ähnliches schon einmal erlebt.

‚Wasn’t Expecting That‘ hat es auch in die Top20 der UK Charts geschafft, gratuliere! Wie wichtig sind dir solche Platzierungen?

Für mich persönlich sind sie nicht unbedingt wichtig, aber sie zeigen, dass die Leute zuhören, interessiert sind und darauf reagieren. Das ist schön! Außerdem hilft es natürlich dabei, im Radio gespielt zu werden. Das bedeutet mir sehr viel, denn es ist eine ungewöhnliche Nummer, die im Radio hervorsticht. Ich freue mich, dass sie den Menschen gefällt.

Apropos ungewöhnlich, du spielst als Support von One Direction…

Ja, das ist in der Tat ungewöhnlich. (lacht) Ich war sehr überrascht als sie mich dazu eingeladen haben und wusste nicht, wie ihre Fans auf einen Solo-Akustik-Folk-Sänger reagieren würden. Die Resonanz war aber überwältigend und unglaublich positiv. Durch One Direction kann ich ein Publikum erreichen, von dem ich nie gedacht hätte, dass das eines Tages möglich sein wird. Die Kids sind durchschnittlich 15 Jahre alt oder sogar noch jünger, aber meine Musik scheint ihnen zu gefallen. Die Songs von One Direction sind gute Songs! Du kannst sie auch auf Akustikversionen mit Gitarre herunterbrechen und sie sind immer noch gut – das finde ich sehr wichtig. In diesem Zusammenhang ist meine Musik nicht so weit weg von dem, was die Jungs machen. Abgesehen natürlich von ihren Dancemoves und der ganzen Performance auf der Bühne. (lacht)

Würdest du einen ihrer Songs covern?

Ja, das habe ich sogar schon gemacht – ich spiele ‚More Than This‘. Ihre Fans haben vermutlich noch nie von mir gehört, deshalb wollte ich eine Nummer, mit der ich sie vielleicht für mich gewinnen kann. One Direction performen den Song auf dieser Tour nicht, also mache ich das. (lacht) Es macht Spaß und alle singen mit. Es ist nett, wenn du 70 000 Menschen vor dir hast, die mitsingen – auch wenn es nicht mein Lied ist. (lacht)

Vielen Dank! Wir freuen uns darauf am 19. November dann zu deinen Songs im B72 mitzusingen.