Sa, 11. Mai 2019
Auf dem Scheiterhaufen der Träume

Auf dem Scheiterhaufen der Träume

Queen Leer im Interview

Neuer Name, erstes Album! Queen Leer, früher unter dem Namen Superior Street bekannt, haben sich noch vor ihrem Debüt neu orientiert und neu erfunden. Grund genug, mal genauer nachzuforschen. Das Quintett hat uns den neuen Namen erklärt, über Verwandlungen, die englische Romantik und Traumdeutung philosophiert und nebenbei auch noch gleich die Hoffnung auf eine mögliche Tour geweckt.

Ihr wart früher unter dem Namen Superior Street unterwegs. Warum diese Verwandlung zu Queen Leer und warum jetzt?

Die Zeit war reif. Das alte Konzept unter „Superior Street“ war, sowohl was Musik, Besetzung als auch Zielsetzung angeht, nicht mehr passend für unsere gegenwärtige Stoßrichtung. Es wurde also Zeit, die Reptilienhaut abzustreifen und etwas Neues entstehen zu lassen.

Wie kamt ihr auf den neuen Namen und wie darf man ihn in Bezug auf die Gestalt King Lear bzw. Queen Lear aus den Theaterstücken interpretieren?

Tatsächlich besteht der Konnex zu King Lear. Dieser ist eine der literarischen Lieblingsfiguren unseres Songwriters David . Lear verkörpert die potenzielle menschliche Fallhöhe. Eigentlich kein schlechter Mensch, lassen ihn die Umstände in einer Verblendung äußerst ungerecht handeln. Wir denken, dass das oft auf das Bild unserer heutigen Gesellschaft passt: Die meisten haben einen absolut guten Kern, stecken aber arbeits- oder stressmäßig in einer Bredouille, die sie oft mal leicht hirnrissig oder asozial handeln lässt. Die Abwandlung mit Doppel-E zu „Leer“ ist zugleich auch ein literarischer Pun: „to leer“ heißt auf Englisch auch anzüglich zu schauen. Genau mit diesem zwinkernd ironischem Auge hätten wir auch gerne vieles verstanden, was wir tun. Denn so ernst die Texte teils auch klingen: Die nächste Doppelbödigkeit ist bei uns nie weit weg.

Was hat sich außer dem Namen vielleicht noch geändert?

Vordergründig sicherlich der Stil und die Zielsetzung des Projekts. Ursprungskern der vorigen Formation war ein Folk-Rock-Trio, das musikalisch immer eine stückweise Erweiterung erfuhr. Wie bei einem Haus, das durch zahlreiche Anbauten erweitert wurde, ist da irgendwann die Ästhetik abhandengekommen. Also wurde es Zeit, eine Inventur zu betreiben und zu schauen: Über welche Talente und Assets verfügen wir und wie ziehen wir das Ganze auf, sodass jeder seine Stärken optimal ausspielen kann? Einhergehend damit war auch unser Entschluss, „es zu versuchen“: Unsere je eigenen Vorlieben Folk, Jazz, Indie, noch mal Indie und Metal (ja, Mario hört gerne Metal) aufeinanderprallen zu lassen und daraus kompositorisch die bestmöglichen Schlüsse zu ziehen.

Sehr passend zur Verwandlung beeinflussten euch beim Schreiben dieses Albums unter anderem die Metamorphosen von Ovid. Wieso sind Menschen seit Jahrtausenden so von Verwandlung/Metamorphosen fasziniert?

Eine äußerst gute Frage. Irgendwo am Weg von der Schaukel, wo man noch dem Himmel barrierefrei entgegen zu schwingen scheint, zum Arbeitsalltag kommt wohl die Erkenntnis, dass das eigene Leben in einer gewissen Bahn verläuft. Ist diese Erkenntnis mal da, fällt es nicht schwer, sich die eigene Zukunft auszumalen. Und die ist nun mal nicht immer das Erhoffte oder wirkt nur mäßig spannend für das eine Leben, das man wahrscheinlich nur hat. Der Traum von plötzlichen Verwandlungen, einem Ausbrechen aus dem Hamsterrad, erscheint da wohl vielen früher oder später in den kleinen, schlaflosen Stunden des frühesten Morgens. Das dürfte somit eine menschliche Konstante sein, die über die Jahrtausende hin nicht weg erodiert ist.

Wenn ihr euch für einen Tag in jemand/etwas anderes verwandeln könntet, wer/was wäre das?

Vielleicht wäre gar nicht mal eine Verwandlung in jemand anders das größte Sehnen, sondern eine Verwandlung des Settings. Es muss wohl ziemlich großartig gewesen sein, als Musiker auf der Welle der British Invasion oder späteren Guitar Heroes zu schwimmen. Als Musik mangels anderer audiovisueller Unterhaltungsformen einen viel größeren Part im Leben vieler Menschen spielte. Also als Band beispielsweise in den 70ern in einer florierenden Szene groß zu werden – das hätte schon etwas äußerst Reizvolles.

Im Allgemeinen spielt ihr immer wieder mit Referenzen aus der klassischen Literatur. Ihr gebt als Inspiration auch Dichter und Autoren der englischen Romantik an. Was interessiert / fasziniert euch daran?

Vor allem hinsichtlich der Romantik ist nicht von der Hand zu weisen, dass die damalige Zeit unserer heutigen in vielem sehr nahe war. Dieses Gefühl des Verlustes von etwas Essenziellem. Damals zwar durch Eisenbahn und Industrialisierung und nicht durch künstliche Intelligenz oder dem Erodieren vieler klassischer Lebensmodelle, aber doch. Und da kanns einem passieren, dass man über einen Vers von Keats, Shelley oder Wordsworth stolpert und sich dermaßen drin wiederfindet, dass es unheimlich ist. Wie kann jemand, der 200 Jahre vor dir in einem gänzlich anderen Setting sozialisiert wurde, so ähnliche Gedankengänge gesponnen haben? Das sind dann die Momente, wo du dich als Mensch wirklich ganz klein und doch zugleich als Teil eines großen Ganzen fühlst.

 

(c) Andreas Jakwerth

Euer Album erscheint diesen Freitag, die Reaktionen der Medien waren bisher sehr positiv. Wie geht man mit diesen Vorschusslorbeeren um?

Wir freuen uns und hoffen, dass die Hörerinnen und Hörer die Meinung der Rezensenten teilen. Natürlich sind Vergleiche mit etwa Beirut aufgelegt – es kommen Trompeten in unseren Songs vor, und das scheint für solche Vergleiche schon zu reichen. Aber ja, natürlich ist das absolut erfreulich zu lesen – solche Vergleiche können sich sehen lassen. Und darüber hinaus: Die von uns intendiert ambivalenten Text- und Klangplatzierungen werden offenbar tatsächlich so verstanden wie wir sie meinten. Beim Lesen denkt man sich dann ständig nur „Ja! Voll! Oh, wow, danke, herst!“, und das ist unbezahlbar.

Dürfen wir auch auf eine baldige Tour hoffen?

Eine „Tour“ in dem Sinne ergab sich bislang nicht, aber wir spielen am 26. Juni im Wiener Fluc und am 6. August in Dresden. Über den Rest, der gerade geplant wird, werden wir noch zeitgerecht informieren. Somit: Wir vereinigen uns im Hoffen darauf!

„Dreams Pyre“ – frei übersetzt ein Scheiterhaufen aus Träumen. Wie geht man am besten mit der Angst vorm Scheitern um?

Tun. Wie oft steht man im Leben da und fragt sich in Retrospektive, wie eine gewisse Sache letztlich doch gut ausgegangen ist? Also vielleicht hin und wieder einfach die schlotternden Knie mit den Händen stützen und tun. Wobei hier helfende Hände, die einen vielleicht einmal auch ein bisschen anschubsen, natürlich unbezahlbar sind.

(c) Andreas Jakwerth

Wie viel Angst hat eine junge, österreichische Indie-Band?

Angst hat nur, wer etwas zu verlieren hat. Wir sehen es als Luxus, dass wir nicht „müssen“. Wir können in künstlerischer Freiheit unserem Herzblut nachgehen und sehen, wohin uns das führt. Aktuell sieht es eben so aus, dass sich eventuell andere dafür anstecken lassen. Was bei uns eher Euphorie als Angst hervorruft.

„Revelational Reverie“ – Was sagen unsere Träume über uns aus?

Das ist die Frage, die das Album stellt! Aus welchen Windungen unserer Psyche kommen all diese faszinierenden Bilder? Woher diese Kreativität im vermeintlich ruhenden Zustand? Leider weilt der gute Herr Freud nicht mehr unter uns, der hier Aufschluss geben könnte.

Und wovon träumt ihr?

So Musik machen zu können, dass die Leute kommen, weil du spielst, nicht weil irgendetwas los ist. Es muss auch faszinierend und ergreifend sein, auf Tour in einen verlegenen Winkel zu kommen und zu sehen, dass deine Musik bis hierher vorgedrungen ist. Das wäre schon ein kleiner Traum.

Wir hoffen, dass dieser Traum in Erfüllung geht. Danke fürs Gespräch!