Jodel für Dodel

Entbehrliches Wissen #71

Mangelnder Lernantrieb vs. omnipräsenter Paarungstrieb. Das Studentenleben ist hart. Leute, die es gemeistert haben, sich selbst zu organisieren oder Prokrastinationssymptome mittlerweile für sich zu nutzen wissen, kommen im Studium voran – der Rest treibt sich auf sozialen Netzwerken herum. Eine App sticht in puncto Zeitgeist ganz besonders hervor. Und ihr kennt sie alle.

Jodel. Die hyperlokale App für Studenten und solche, die es vorgeben zu sein. Das Phänomen, das die GPS-spezifische Volksherrschaft in Österreich etablierte und die Pforten für ein weiteres Sammelsurium von Haustierbildern im Netz weit öffnete. Die virtuelle Klowand der Studenten.

„DAS IMPLIZIERT DAS UNFREIWILLIGE ERBLICKEN VON DICKPICS IN ALLEN FORMEN UND FARBEN.“

Jodel ist die Welt von anonymen Statements (Jodel), anonymen Antworten und mysteriösen Punkten, die man unter dem klingenden Namen „Karma“ scheffeln kann. Lustigerweise gibt es unzählige Internetseiten im Ausmaß von Diplomarbeiten, die Tipps zum effizienten Karmafarmen geben, aber keine einzige, die erklärt, wozu dieses eigentlich gesammelt wird. Mutmaßungen finden sich viele, aber fix ist, dass man die Punkte (leider) nicht gegen ECTS eintauschen kann und sie auch nicht auf dem Lebenskonto landen. Sorry, ihr werdet trotzdem als Nacktschnecken wiedergeboren.

Wenn man einen bestimmten Karmastand erreicht hat, wird man feierlich zum Moderator ernannt und darf im Zweifelsfall über kritische Posts bestimmen. Warnung: Das mag als große Ehre scheinen, impliziert aber das unfreiwillige Erblicken von Dickpics in allen erdenklichen Formen und Farben und – ihr habt es erahnt – noch viel mehr Katzenbildern. Und nein, man kann Jodel nicht „durchspielen“, aber über das Moderatorendasein lassen sich prima alle im Laufe des frustrierenden Semesters aufgestauten Machtkomplexe aufarbeiten.

Da die App hauptsächlich in der Studentenszene genutzt wird, kristallisieren sich anhand der verschiedenen Standorte gewisse Schemata heraus, die charakteristisch für die einzelnen Universitätsstädte zu sein scheinen. Das Jodel in Wien ist zum Beispiel ein sehr schnelllebiges, in dem Posts in der Flut an neuem Content und Kommentaren bald untergehen, wenn man vergisst, sie zu pinnen, um den Threads weiterhin folgen zu können. Danach muss man sich allerdings gegen unzählige Smartphone- Benachrichtigungen in Form von kleinen Waschbärköpfen wappnen.

„ACHJA: SO ZIEMLICH ÜBERALL WIRD JODEL ALS TINDER-ALTERNATIVE GENUTZT.“

Das Grazer Jodel hingegen ähnelt eher einer murübergreifenden Psychotherapiesitzung inklusive Lebensberatung. Außerdem hat man hier die größte Freude mit dem Hashtag #dummwiewien – Kompensationsmotive nicht ausgeschlossen. Wurde in St. Pölten angeblich der berühmte Ausdruck „Jodel-Dodel“ kreiert, gesteht man in Innsbruck mit dem Löschen des eigenen Posts sein menschliches Versagen ein. Und kann man anhand des Klagenfurter Jodeltreibens erkennen, dass die „I bims“-Witze jetzt endlich auch Kärnten erreicht haben, läuft in Leoben, aka Mordor, ein Battle zwischen dem Flehen um (positive) Prüfungsergebnisse und einem Repertoire an unbestreitbar eindrucksvollen Gedichten über Studienrichtungen. Achja: So ziemlich überall wird Jodel als Tinder-Alternative genutzt.

Was passiert mit einer ortsbasierten Studentenapp in den Ferien? Nun, zu diesem Zweck kann man seine „Heimat“ fixieren, um die Community trotz Ortswechsel regelmäßig mit den heiß ersehnten Urlaubsbildern zuzuspamen – muntere Standortratespiele inklusive.

Aber Achtung: Hat man seinen Heimatort festgelegt, kann man ihn nur ein einziges Mal wieder ändern! Macht also nicht den grauenvollen Fehler, euer staubiges, kleines Dorf, in dem ihr aufgewachsen seid, dafür auszuwählen – es gibt wenige Dinge, die so traurig sind, wie ein vier Monate alter Post von einem überschwänglich-verzweifelten Urlauber, der fragt „ob hier in der Gegend denn mal was los sei.“

SOME RANDOM FACTS

  • Die WG der Jodel-Gründer nennt sich Alpen-WG.
  • Auf Jodel gepostete Fotos können erst beim aktiven Draufdrücken angesehen werden, damit das Aufnehmen von Screenshots erschwert wird.
  • Die App Rubber Duck für Android- Smartphones ahmt Laute von Quietscheentchen nach.
  • Die Dating App Tinder sollte zuerst unter dem Namen „Matchbox“ erscheinen. Man blieb beim Motto Feuer, entschied sich aber für ein anderes Wort.
  • Tinder bedeutet Zunder.
  • Mit der App Big Bang Whip kann man die Geräusche des Peitschenknalls von Dr. Sheldon Cooper imitieren.