Die öffentliche Plattensammlung

Die Stadt ist mein Blog

Das Heuer am Karlsplatz ist zweigeteilt. Während auf der einen Seite die Nichtraucher Einmachgläser begutachten können, dürfen die mit dem Suchtproblem auf der anderen Seite ungeniert ihre Tschik rauchen. Statt eingelegten Köstlichkeiten gibt es im Raucherbereich eine Plattensammlung, der man von Besuch zu Besuch beim Wachsen zusehen kann. Die Betreiber leisten sich dafür eine Musikbeauftragte, die Platten für das Lokal einkauft und als Resident agiert.

Letzten Donnerstag lud man unter dem Namen ‚Open House‘ zum ersten Mal zur Party. Da wurden die Tische gegen 23 Uhr mühevoll entfernt und verschoben. So verwandelte sich der Restaurant-Bereich in eine Tanzfläche. Javier Mancilla, einer der Betreiber des Lokals, sieht dies als ‚geschenkte Momente in unregelmäßigen Abständen.‘

Das kulinarische Konzept steht, gibt es auch schon Ideen für Veranstaltungen?

Im Veranstaltungskonzept geht es um eine niederschwellige Bespielung dieses Ortes mit seiner exponierten Lage, um jungen und aufstrebenden Talenten national wie international eine optimale Infrastruktur zur Verfügung zu stellen. Es geht um die Reduzierung auf das Wesentliche. Dieses ‚Wesentliche‘ soll vor allem ein kreativer Schaffensprozess sein. Der Ort will sich nicht als fertiges Produkt präsentieren, sondern als ein offenes Konzept. Ein ‚Open House‘, das sieben Tage die Woche offen steht.

Ihr leistet euch eine eigene Musikbeauftrage, die Platten für das Lokal einkauft und auch den Resident gibt. Was genau verfolgt ihr mit diesem Konzept?

Wir wollen unseren eigenen Sound. Wir wollen, das sich auch jemand spontan hinter die Turntables stellen kann, wenn ihm unsere Platten gefallen. Wir wollen mit der Plattensammlung ein Statement setzten – zur qualitativen Rückbesinnung.

Wird es zukünftig auch Live-Shows geben oder beschränkt ihr euch auf DJ-Sets?

Der Fokus liegt auf echten Stimmen und echten Instrumenten. Dazu gibt es schon einige Kooperationen wie z.B. mit der VSA, mit denen wir Konzerte mit Musikern aus Ihrem Netzwerk veranstalten werden. Wir beschränken uns gar nicht, sondern geben andersrum z.B. Festivals wie dem Vienna Independent Short Filmfestival die Möglichkeit, ihr Programm mit Bands, DJ-Sets, Panels und Workshops in unsere Infrastruktur zu integrieren.

Klingt spannend, ein Besuch lohnt sich – vielleicht schon am kommenden Wochenende! Hier sind auf jeden Fall die Verantstaltungstipps für die nächsten Tage…

Donnerstag

Die heimische Band Garish lässt sich nach einer etwas längeren Pause wieder mal in der Öffentlichkeit blicken. ‚Trumpf‘, so der Titel des neuen Albums, ließ vier Jahre auf sich warten. In dieser Zeit sind reduzierte, nachdenkliche Balladen mit kryptisch-poetischen und gesellschaftskritischen Lyrics entstanden. Am Donnerstag gastiert die Band im WUK!

Wie es aussieht, bekommt das Morisson in der Zieglergasse die anfänglichen Probleme halbwegs in den Griff. Auch die Anlage wurde endlich mal neu eingestellt – darauf kann man aufbauen, hoffen wir es zumindest. Diesen Donnerstag lädt dort der Bubble Club zur Sause. Deshalb am Donnerstag, da Carlos Valdez nur an diesem Tag in Wien verweilt. Der in Amsterdam lebende Musiker und Produzent zählt zu einem der aufstrebensten Plattenverleger seiner Wahlheimat.
Nur ein paar Meter davon entfernt findet im Elektro Gönner ein Tiefentanz statt. Zu Gast sind dieses Mal die Jungs von Deep Dreams.
Die nun auch von Wien aus agierende Musikplattform Noisey lädt zur Premierenparty in die Grelle Forelle. Rein kommt man nach einem Tauschgeschäft 2.0 – Daten gegen Karten.  Am Programm steht Jungle. Damit ist aber nicht der Musikstil gemeint, sondern ein aus London stammendes Duo, über das man wenig weiß. Zum Glück ist ihre Musik nicht so ausgelutscht wie diese aktuell um sich greifende Geheimniskrämerei. Funky!

Freitag

Bei der Karlsplatz Soiree werden sich 26 DJs zur gemeinsamen Party einfinden. Aufgeteilt auf fünf Locations kann man sich mit einem Ticket bis in die Morgenstunden und darüber hinaus die Kante geben. Dieses Mal ist neben dem Sass, Roxy, Club U auch noch das Brut Cafe dabei. Die fünfte Location ist die Grelle Forelle und dient als Austragungsort der offiziellen Afterhour.
Apropos Forelle: Dort findet vor der Afterhour das Kanal Royal mit Perc statt. Der in London beheimatete Produzent und Labelbetreiber kümmert sich einen Dreck um kommerzielle Tanzflächenware. Stattdessen versucht er es mit seiner eigenen Interpretation von Maschinenmusik. Brutal. Hart aber herzlich mit Tin Man, Ranah Geist und Helena Hauff. Letztere ist eine aufregende Erscheinung im Partyzirkus. In Hamburg bespielt sie den legendären Golden Pudel regelmäßig mit Birds and Other Instruments. Was bei Hauff auf den Plattenteller landet ist düster, räudig und ganz schön böse.

Im Queen Club am Gürtel wird der Bordellbetrieb mal wieder eingestellt oder zumindest mit Zurückhaltung betrieben. Der Grund: Shack Your Body wird zum zweiten mal von der Luv Shack Crew veranstaltet. Das heimische Label feiert ihren neuen Release LUV012.

Samstag

Eine Bootsfahrt mit Musikbegleitung gefällig? Kein Problem. Denn diesen Samstag legt das Electroboot ab. Mit an Board: Saschienne. Das Berliner Duo rund um Sascha Funke wird poppigen TechHouse mit Tiefgang auftischen. Ihr Debütalbum auf Kompakt nennt sich ‚Unknown‘ und pendelt sich irgendwo zwischen Chill Out und Club ein. Sascha Funke wird dann auch noch den DJ geben. Der Spaß geht am Boot bis 04.00. Danach geht’s in der Pratersauna weiter.
Bleiben wir gleich bei der Pratersauna. Diesen Samstag gibt es dort erneut ein Dusch dich. Nach dem letzten Freitag mit George Fitzgerald in kleiner Variante hat man dieses Wochenende die ganze Location für sich. Gut so. Dafür reist auch eine Horde an DJs an. Ein großer Teil wird dabei vom französischen Label Bromance gestellt. Das steht für kratzigen Electro-House, harte Bässe und düstere Minimal-Schleifen.
Im Leopold geht es wieder wissenschaftlich zur Sache. Das Beat Science ist aber kein Proseminar für angehende DJs und Musiker, sondern eine Veranstaltung, die in Sachen Takt- und Melodieführung ein bisschen experimentell angehaucht ist. Zu Gast ist dieses Mal die hipstertaugliche Buchstabenkombination fwdslxsh aus London – ein Produzent, der aktuell mit seinen Slow-Motion-House-HipHop-R&B-Trap-Tracks heißen Shit abliefert.
Am Praterstern übernimmt das Meat Market die Fluc Wanne. Neben den Locals Cem und Gerald van der Hint werden Cassegrain aus Berlin anreisen. Die stählernen Beats mit Härtefaktor 10 (von 10) kommen dann live vom Drumcomputer. Für Melodien bleibt da kein Platz. Auch gut.

Der Club Duplex liegt am Hernalser Gürtel Nummero 18. In diesen noch eher unbekannten, kleinen wie intimen Räumlichkeiten war früher ein Puff angesiedelt. Jetzt bietet es Platz für rund 120 Leute. im Rahmen der Le Club Chic-Reihe wird sich dort am Samstag Benjamin Damage einfinden. Ein klingender Name, der dem Liebhaber von elektronischer Musik sicherlich schon mehrmals untergekommen ist. Stichwort: 50Weapons. Ein Topmann seines Faches.

Sonntag

Im Oben in der Lehargasse kann man sich am Sonntag beim Lieblingsflohmarkt mit diversen Sachen eindecken. Wer da jetzt an vergilbte Bücher aus dem Jahr 1965 denkt oder an ranzige Strickjacken, irrt sich gewaltig. Flohmarkt meint hier getragene ‚Designerware‘ oder ‚Vintageschnäppchen‘. Wobei mit dem ‚Schnäppchen‘-Etikett muss man immer vorsichtig sein, denn bei Flohmärkten dieser Art landet man nur mehr selten Glückstreffer fürs Geldbörsel. Früh hingehen! Start ist um 12 Uhr.

Dienstag

Die slowenische Kultband Laibach gastiert in der Arena zu Wien. Präsentiert wird ihr neues Album ‚Spectre‘, ein brachiales Soundgewitter, das den Untergang der Welt vertont. Wer Rammstein schätzt, muss Laibach lieben und ehren. Denn ohne die Pionierarbeit der Slowenen würde es den deutschen Abklatsch nicht geben.