Gut gemacht ist besser als gut gemeint

New Hot Shit #72

Der Newcomer an sich ist ja, wie das Wort schon sagt, „neu“. Für seine/ihre Musik muss das nicht immer gelten, denn für viele junge Musiker ist das Aufarbeiten einer längst zurückliegenden Dekade ebenso relevant wie das Neuerfinden des Rades – was heutzutage eh schon eine schwierige Sache ist. Diesmal präsentieren wir in unserem New Hot Shit eine Wienerin, die den Sound der Jetzt-Zeit macht, eine auch daher stammende Boygroup mit Geige, die sich unter anderem an den 90ern orientiert, eine oberösterreichische Combo, die die Klaviatur der 80er beherrscht, und eine amerikanische Band, die in den 70ern schwelgt. Wenn die erste Band mit dem 2000er-Revival kommt, dann sagen wir natürlich sofort Bescheid!

MIBLU

Selbstbewusster Elektropop

Es sieht aus, als würde einen die junge Madonna anlächeln, wenn sich MIBLU in ihrem Video zu „Still Me“ unter weißem Tüll rekelt.

Eine große Portion Selbstbewusstsein liegt hier bereit, um uns umzuhauen – mit Charme, Witz und großartigen Tunes. Auch sonst scheint ein Querverweis auf Madonna angebracht: Miriam Orth-Blau ist eine Frau der Tat. 2013 gründete sie das Schmucklabel „Meshugge“ und ist damit cool und kreativ auf einem Niveau, das seinesgleichen sucht. MI(riam)BL(a)U hat sich nach ihren Anfängen in verschiedenen Bands aus deren Kosmen emanzipiert und geht folgerichtig ihren eigenen Weg. Als Soloprojekt hat die tanzende Powerstimme nun genügend Raum, um ihre Vielseitigkeit in ihrer offenen, positiven Art zu entfalten. Dass MIBLU unangefochten großartig ist, beweist auch eine andere Koordinate in ihrem Universum: Padmé Amidala ist eine weitere starke Frau, die sie in ihrem Debütsong verewigt hat. Star-Wars-Nerds, unite, die anderen: googeln! Wahnsinns Newcomerin!

Für Fans von: Sia, Madonna, Bebe Rexha
Link: facebook.com/miblumusic
Aktueller Release: „Still Me“

Witwer

Folkiger Indie-Pop mit Geige

Sympathisch selbstironisch und ein bissl intellektuell-gaga – das fängt schon beim Namen an: Todessehnsucht, die einen Gott sei Dank nicht selber erwischt hat.

Wir lassen auch vom Wanda-Vergleich ab, denn die Parallelen – fesche Burschen, das „W“ im Namen, Gitarren und Chöre – könnten die Spur auch zu Weezer legen. Neben folkigen Anleihen und Kammerpop-Passagen gibt es nämlich brettige Gitarren und Noise-Ausflüge, die die von der Wiener Band zugegebene Zuneigung zu Sonic Youth bestätigen. Die lyrisch-morbide, verzweifelt- lakonische Einstellung verbindet sie mit Nine Inch Nails und den ersten Arcade Fire-Platten. Und das musikalische Bereisen von fernen Orten zeigt die geistige Verbrüderung mit Beirut, der Band. Soweit erfüllt die Truppe gekonnt ihre selbst gesteckten Ziele. Was aber viel besser ist: Witwer sind ihr ganz eigener Stamm. Ihnen ist eine eigentümliche Zeitlosigkeit zu eigen, über die man sich freut wie über einen wiederentdeckten Klassiker.

Für Fans von: Blumfeld, Georg Danzer, Beirut
Link: strizzi.co/portfolio/witwer
Aktueller Release: „Fluss“

Like Elephants

Traumhafter Wave Pop

Eine wunderbare Entdeckung sind Like Elephants, die sich mit ihrem dreamy Wave Pop aus den 80ern herübergebeamt zu haben scheinen.

Interessant ist auch immer zu wissen, ob sich eine junge Band selbst in der Retroschiene verortet und mit Lust und Neugierde die Ästhetik der Epoche auslotet oder ob das kosmische Unterbewusstsein ganze Arbeit geleistet hat und sich reinkarnierter Zeitgeist spontan manifestiert. Mit aktuellem Twist holen Bands wie M83 diesen Sound ins Chillwave- Lager, die englischen Beach Baby lassen den Gitarren-Chorus an und wechseln zwischen heute und gestern. Like Elephants aber könnten geradezu eine astreine Factory- oder Cherry Red-Band sein: arty, indie inklusive unterkühlter Melancholie. Eigentlich ist es aber auch egal, WARUM eine Band so klingt, wie sie es tut, wenn sie dabei gut, authentisch in ihrer Art, überzeugend und unterhaltend ist. Da man bei jedem Kästchen einen Haken setzen kann, sind die Oberösterreicher eine erfreuliche Bereicherung.

Für Fans von: Echo & The Bunnymen, ABC, New Order
Link: facebook.com/likeelephants
Aktueller Release: „Kaleidoscope“

Lorain

Alt-Country-Pop aus Portland

Es ist immer wieder eine herrliche Erfahrung, wenn man Musikern zuhören darf, die ihr Fach richtig gut beherrschen.

Lorain sind so ein Fall: Hier sitzt einfach alles! Jeder Musiker ist megagut, ohne aber damit anzugeben. Die können’s einfach – und sie wissen es. Die Band aus Portland hat schon eine fünfjährige Bandgeschichte als Grand Lake Islands hinter sich. Der Kopf der Band Erik Emanuelson drückte den Reset-Button und begann ein neues Kapitel, in dem er die Themen Westcoast-Sound und alternativen Country seither ganz großschreibt. Ganz klar Pastiche mit Verneigung in Richtung der altvorderen Helden: Dylan, Crosby, Stills, Nash, Young und all die anderen Shaker und Mover der 70er in Kalifornien. Moderner Americana im Stile eines Will Oldham ist der Bandsound aber nicht, obwohl sich alle klar zu Jason Molina, dem Gründer von Songs: Ohia und Magbolia Electric Co., bekennen. Lorains tiefe Roots-Verwurzelung ist eine im allerbesten Sinne traditionelle.

Für Fans von: Neil Halstead, James Taylor, Jason Molina
Link: www.lorainmusic.com
Aktueller Release: „Through Frames“