Mi., 4. Nov. 2026

"Mir war klar: Wenn ich was Neues mache, dann im Dialekt."

XIDI im Interview

Boy, Boy. Nach zehn Jahren Granada, Einsatz als Gesundheitsclown und Komponist fürs Burgtheater kann Alexander Christof wahrlich auf sich und seine Vielseitigkeit vertrauen. Und darauf, dass man auf Grantlereien und Zweifel von anderen getrost mal scheißen kann.

Als XIDI schreibt der gebürtige Mühlviertler jetzt sein Solo-Kapitel in der großen Stadt und bringt ganz neue Vibes in den heimischen Dialektpop: schwuler Alltag mit analogen Synths, catchy Refrains und – ganz wichtig – Humor. Seine erste Single »BOY« ist eine schamlos-charmante Abrechnung mit den letzten Jahren und läuft bereits auf OE3 und FM4. Mit VOLUME hat XIDI über Ungeduld, schlechte Ratschläge, überdimensionale rote Teppiche und Dialektdetails geredet. Und über das Gefühl, der Artist zu sein, der das macht, was er will.

Wie geht es dir denn mittlerweile in der großen Stadt?

Schen longsom wird Wien auch cool! Mir geht es richtig gut, ich bin voller Elan wegen meinem Soloprojekt, das grad so richtig anstartet. Die Songs liegen ja quasi schon seit letztem Jahr fertig geschrieben herum. Was das angeht, bin ich sehr ungeduldig und würde am liebsten direkt ein ganzes Album rausbringen, am besten sofort auf Tour gehen. Das Ganze ist ja daraus entstanden, dass es die letzten Jahre – vor allem letztes Jahr – viel Umbruch in meinem Leben gab und diese Energie hab ich gleich mitgenommen.

Wenn man so ein neues Kapitel aufschlägt: Welche Ziele hattest du vor Augen?

Mir war klar: Wenn ich was Neues mache, dann im Dialekt. Ich habe das schon immer gemacht, in meinem Kopf auch immer so getextet und alles andere würde sich unnatürlich anfühlen. Meine Art zu singen ist extrem nahe an mir dran – im Grunde genau so, wie ich auch rede. Ich habe da mit Anna Buchegger auch ewig an ganz kleinen Dialekt-Details gefeilt, damit es wirklich passt. Zum Beispiel „wast du“ und nicht „woast du“ zu sagen.

Dabei ist mir aufgefallen, dass es eigentlich keine schwulen Artists gibt, die im Dialekt singen? Es gibt zwar viele queere Künstler*innen, aber im Dialekt kenne ich noch niemanden. Falls es doch schon jemanden gibt, gerne Bescheid sagen, ansonsten fange ich sehr gerne mal damit an!

(c) Reithofer Media

Deine erste Single BOY klingt richtig befreiend?

Ja, voll. Entstanden ist der Song mit dem Entschluss, dass ich Graz verlassen werde. Es war eine Art Graz-Abrechnung und hat zeitlich mit dem Ende von Granada zusammengepasst. Da gab es ja auch einige Reibereien und Machtkämpfe, der Song ist also schon bewusst ein bisschen eine Abrechnung. Ich habe da mit Anna gut überlegt, weil ich nicht zu böse sein wollte. Wir haben uns immer wieder gefragt: „Darf man das sagen?“ Ein Beispiel dafür ist eine meiner mittlerweile absoluten Lieblingslines im Song: “Wast du, dass i von deim Gsicht Durchfall krieg?” Der Satz kam ursprünglich von Anna Buchegger. Ich war mir zuerst unsicher, ob das nicht zu gemein ist, aber dann dachten wir uns: Na, wast wos, es ist einfach ein echt witziges Bild! Der Humor ist mir halt auch super wichtig.

Witzig bis ironisch ist ja auch, dass der Song zwar von der Abrechnung mit Graz handelt, das Musikvideo aber genau dort gedreht wurde. Wir wollten eigentlich nur ein Testvideo machen und haben das spontan in zwei Takes direkt am Ortweinplatz gedreht. Und danach ging es dann erst auf in die große Stadt.

Österreichischer Dialekt-Pop ist ja viel von heteronormativer Nostalgie und Grantln geprägt. Wie fühlt es sich an, was Eigenes daraus zu machen?

Ich bin selbst einfach kein Grantler. Ich kann zwar auch mal granteln, aber ich bin grundsätzlich positiv eingestellt und glaube an das Gute im Menschen. Warum auch dauernd granteln? Das macht doch alles für alle nur schwieriger. Bei mir hat Humor immer eine riesige Rolle gespielt. Ich war früher ja auch als Gesundheitsclown unterwegs und habe in der Zeit enorm viel darüber gelernt: Humor kann eine tolle Bewältigungsstrategie sein. Man kann fast in jedem Dilemma Witz mitbringen, das Leben ist schließlich nicht nur schwarz und weiß.

„Warum auch dauernd granteln? Das macht doch alles für alle nur schwieriger. Bei mir hat Humor immer eine riesige Rolle gespielt.“

Wie war das bisherige Feedback auf deine erste Single?

Enorm! Der Song läuft auf OE3, auf FM4, wir sind in der AustroZone gefeatured und auf W24: das waren wirklich super erste Releasewochen. Ich habe auch direkt ein eigenes Release-Event veranstaltet, weil ich mir dachte, warum nicht, scheiß drauf – und dort alle Nummern gespielt, die es bis jetzt gibt. Das sind aktuell neun Songs. Das Feedback ist mega: Freunde, Freundinnen, aber auch die ehemaligen Granada-Ultras und Fans, meine Family: alle haben es sich angehört und feiern es. Ich habe da anscheinend etwas richtig gemacht und habe eine unglaubliche Freude.

Wenn der kleine XIDI-Boy von damals heute den fertig ausproduzierten Song mitbekommen würde und wo du jetzt stehst: Was würde er dazu sagen?

Der kleine Xidi – ich denk da an den jugendlichen Xidi-Boy – könnte das wahrscheinlich gar nicht glauben. Er wäre extrem stolz darauf, dass ich zu mir stehe, dass ich mich zu singen traue und mich als schwuler Mann da hinstelle. Seit ich sieben bin, habe ich zwar schon Akkordeon gespielt, aber die Idee, dass ich irgendwann mal als Artist auf der Bühne stehe, gab es damals überhaupt nicht. Ich musste erst lernen, dass das ein echter Beruf ist und dass das auch in Österreich funktioniert. Jedenfalls eine schöne Vorstellung, an den Xidi-Boy von damals zu denken.

Du hast gerade gesagt: „dass ich mich zu singen traue“?

Ja, ich habe mit sieben Akkordeon gelernt, später Klavier und eigentlich schon immer gesungen. Aber ich hatte lange das Gefühl, ich kann das nicht. Sogar Freundinnen haben mir das früher mal gesagt und so etwas sitzt dann schon tief, wenn man das hört. Arg, dass das jetzt mein Weg ist. Ich kann heute selbst entscheiden: Wie singe ich? Wie will ich klingen? Ich muss ja nicht in die Staatsoper oder eine große Diva werden, ich mache einfach das, was ich will und denk mir ganz ehrlich, scheiß drauf, was soll schon passieren?

(c) Reithofer Media

Du bist vor Kurzem in deiner alten Heimatstadt Freistadt aufgetreten. Wie war das für dich?

Das war Ende August tatsächlich mein allererstes Konzert mit dem Soloprojekt überhaupt! Alle haben getanzt, alle haben mitgesungen, es war einfach unglaublich schön.

Im Song singst du auch davon, für jemanden den roten Teppich auszurollen. Für wen würdest du den aktuell ausrollen?

Oh, für so viele Menschen! Für Musiker*innen in meinem Umfeld, zum Beispiel für Anna Buchegger und David Wöhrer, die das alles mit mir gestartet haben, für all meine engen Freund*innen, für meinen Freund natürlich und für meine Familie. Das müsste ein verdammt großer Teppich werden! Eigentlich müsste er groß genug sein für alle Menschen, die ich gern habe und die mich jetzt auf diesem Weg unterstützen.

Apropos Unterstützung: Wie fühlt sich das Solo-Dasein im Vergleich zur Bandarbeit davor an?

Es ist Fluch und Segen zugleich: Ich muss jetzt alle Entscheidungen selbst treffen, aber ich darf es eben auch. Ein Beispiel: Ein Konzert sollte zuerst am Wiener Würstelstand stattfinden. Dann gab es schlechtes Wetter und plötzlich schauen alle mich an und fragen MICH, was wir jetzt machen! Es gibt extrem viele Aufgaben, die reine Organisation sind und gar nichts mit Musik zu tun haben, Finanzierung, Konzerte an Land ziehen, Promo, alles eben. Das ist neu und intensiv, macht aber auch riesigen Spaß.

„Dann gab es schlechtes Wetter und plötzlich schauen alle mich an und fragen MICH, was wir jetzt machen!“

Wie geht es jetzt bei dir weiter? Was steht als Nächstes an?

Wie gesagt, es gibt diese neun Songs. Die sind zwar noch nicht alle fertig ausproduziert, aber fertig geschrieben. Ich arbeite da mit verschiedenen Produzenten zusammen, unter anderem mit Frido Krenn. Ich schaue, dass ich das Album bis zum Frühling finalisiere und der Traum wäre, dass es dann in einem Jahr im Herbst rauskommt, das ist aber noch nicht ganz entschieden. Die nächste Single kommt wahrscheinlich im Jänner. Mein Plan ist: Fünf Singles und dann das Album, so hab ich das gelernt.

Ein ganzes Album ist also dein Ziel?

Ohja, ich bin eindeutig Generation Album! Ich will für mich und alle da draußen ein zusammenhängendes Werk haben, das dieses Jahr des Umbruchs würdig abschließt. Aktuell such ich nach Möglichkeiten, wo ich live spielen kann, alles läuft derzeit DIY und ich bin da voll guter Dinge. Ich bin mir sicher, dass ich ein tolles Team und die richtigen Leute finden werde. Man kann sagen, ich bin absolut all in und will das jetzt durchziehen.

Und wo kann man dich demnächst live erleben?

Am 3. Dezember im Scherbenkeller, tatsächlich wieder mal in Graz. Darauf freue ich mich schon riesig.