Di., 20. Okt. 2026

"Aber Musik gehört auch in den Vordergrund!"

Sarah Vogel im Interview zum Album-Release

Wahrlich, es ist eine herausfordernde Sache, die Worte zu finden, die uns auf dem Herzen liegen. Sarah Vogel könnte sie schlichtweg aussprechen… und hat sie stattdessen tanzen lassen. Words I Never Said Before heißt das kürzlich erschienene erste Album der in Wien lebenden Sängerin und handelt von den Dingen, die in uns weiterbrodeln, mag der Mund auch zubleiben.

Gleichzeitig musikalisch anspruchsvoll und wunderbar leichtfüßig singt Sarah Vogel über Zerrissenheit und Geborgenheit, über Aufbruch und Ankommen und schafft es, jedem Song eine ganz besondere Magie zu verleihen. Wir finden zarte Folksongs und funkige Pop-Tracks mit komplexen Hintergrundchören, verschiedensten Instrumenten und über allem einer unverkennbaren Stimme. Nachdenklich, uplifting, mit produktionstechnischen Überraschungen und versteckten Details in jedem Song, ist Words I Never Said Before ein unglaublich liebevolles Debütwerk, das uns alle dazu anhalten sollte, mal wieder ein Album als Ganzes anzuhören. Für VOLUME hat Sarah Vogel noch ein paar extra Worte gefunden.

(c) Anna Szalachy

„Words I Never Said Before“. Das klingt, als wäre es an der Zeit gewesen, etwas zu sagen?

Der Albumtitel hat sich tatsächlich spontan gewandelt. Zuerst dachte ich lange an Obsessed, weil das kurz bevor die CD-Produktion gestartet ist, der für mich stärkste Song des Albums war. Aber als ich länger darüber nachgedacht habe, hat es einfach nicht mehr vollkommen gepasst. In Words kommt dann eben die Zeile „Words I never said before“ vor, und das bringt meine Entwicklung der letzten Jahre eigentlich viel besser auf den Punkt: Das People Pleasing abzulegen und sich von Grenzen zu befreien, die man sich selbst gesetzt hat. Immer wieder habe ich mich in Situationen erwischt, in denen ich mir im Nachhinein denke, dass ich etwas lieber direkter gesagt hätte, mich aber nicht getraut habe. Weil es unangenehm ist, jemanden so zu konfrontieren.

Den richtigen Ausdruck, die richtigen Worte zu finden, darum geht es eigentlich im ganzen Album, deshalb habe ich mich dann relativ kurzfristig für diesen Titel entschieden. Es sind alles Themen, die ich musikalisch noch so viel besser ausdrücken konnte als verbal im echten Leben. Die Songs sind meist auch genau in den Momenten entstanden, in denen ich Dinge nicht laut aussprechen konnte.

„Den richtigen Ausdruck, die richtigen Worte zu finden, darum geht es eigentlich im ganzen Album.“

Da finden sich bestimmt so einige Menschen wieder. Wie fühlt es sich für dich an, dieses Gefühl für dich und andere zu vertonen?

Ich fühle mich voll gut damit! Ein bisschen nervös bin ich natürlich, weil ich noch nie ein ganzes Album herausgebracht habe. Aber Angst vor Releases hatte ich eigentlich nie, auch wenn ich da so viel von mir preisgebe. Im Idealfall interpretiert eine hörende Person ja einfach etwas ganz Eigenes rein. Das Album ist ja nicht mein privates Tagebuch, sondern eine Einladung, das alles mitzufühlen.

Wenn ich einen Song schreibe, fühle ich in dem Moment etwas ganz stark. Im Nachhinein ist es manchmal sogar so, dass ich gar nicht mehr exakt verbalisieren kann, worum es im Detail ging und was da jetzt in mir abgegangen ist. Ich habe die Thematik dann durch den Song ein Stück weit abgeschlossen. Dass die Lieder in solchen speziellen Augenblicken entstehen, macht das spätere Erklären fast zu einer abstrakten Sache. Also ich find das richtig schwierig.

(c) Anna Szalachy

Also hilft das Musikmachen, mehr Klarheit in deine Gedanken zu bringen?

Ja, ich habe einfach immer extrem viele verschiedene Themen gleichzeitig in meinem Kopf, das wird schnell ein bisschen viel. Wenn ich mich dann ans Klavier setze, hilft mir das ungemein, all diese Emotionen und chaotischen Gedankenfetzen zu sortieren. Das ergibt mit Musik alles viel mehr Sinn.

Am Album findet man beides: intime Pianomomente wie epische Arrangements. Wie habt ihr im Studio den richtigen Sound gefunden?

Ich hatte ja das große Glück, das Album gemeinsam mit Frido Krenn auszuproduzieren. So ziemlich der gesamte Sound ist dann auch organisch im Prozess entstanden. Der erste Song war Free Tonight, der dritte Track auf dem Album. Ich hatte Frido vor mittlerweile vier Jahren meine Idee geschickt und als sie zurückkam, waren da plötzlich Funk-Elemente und Drums eingebaut. Selbst hatte ich meine Songs davor nie so produziert, bei mir war es immer sehr sphärisch und vokal-lastig, aber ich fands richtig cool! Und als wir beschlossen haben, das Album zusammen in seinem Home-Studio in Mannheim zu machen, ist dann direkt Obsessed entstanden. Es ist dann direkt sehr groovy geworden, was der Song auch absolut hergibt. Ich war so ready, etwas Neues auszuprobieren, mit unterschiedlichen Elementen. Die Produktion ist dann fast ein bisschen eskaliert haha. Und dann gibt es auf dem Album noch Songs wie Keep It Hidden, der extrem reduziert ist, also fast nur Klavier und Gesang. Wir haben uns viel Mühe gegeben, je nach Song die richtige Entscheidung zu treffen, was der jetzt braucht.

Apropos „Keep it hidden, keep it safe“ und emotionale Anker: Auf dem Album gibt es auch ein ganz besonderes Easter Egg hehe?

Ja, eine Inspiration für diese Textzeile war Herr der Ringe. Ich inhaliere diese Werke schon seit Jahren in jeglicher Form und als es mir einmal nicht so gut ging, habe ich die Filme wieder angeschaut. Das könnte jetzt direkt in einen argen Nerd-Talk zwischen uns ausarten, aber ich finde das bei LotR einfach so stark: Selbst wenn es ihnen noch so schlecht geht, müssen die Charaktere diese unmögliche Aufgabe bewältigen. Es scheint ausweglos, aber sie gehen weiter, Schritt für Schritt. Sam ist sowieso absolut mein Spirit Animal. Das spendet extrem viel Trost, wenn man selbst verzweifelt ist und nicht weiter weiß. Und genau dafür sind Kunst und Musik da: dass man Trost darin findet zu sehen, wie es anderen Menschen geht und wie sie damit umgehen.

Du hast keineswegs nur melancholische Songs drauf, das Album ist stellenweise richtiggehend uplifting?

Wenn man Musik schreibt, die oft melancholisch oder traurig ist, wird das oft schnell abgestempelt und man landet in einer Nische, die gar nicht das gesamte Repertoire abdeckt. Ich finde ja, dass es auch (oder gerade) auf z.B. Festivals oder mehr-Band-Konzerten extrem gut tun kann, sich in gefühlsschwere Musik voll reinzufühlen und einen Durchatmen-Moment zu haben. Bei meiner Musik ist mit den Jahren und Therapie noch eine ganz andere Ebene zur Melancholie dazugekommen: alle Emotionen erst mal anzuschauen und durchzuanalysieren, um danach schwungvoll und optimistisch loszustarten. Eine Handlungsmöglichkeit, die man manchmal vielleicht nicht wahrnimmt. Deswegen stecken auf dem Album eben auch Lieder mit echter Aufbruchsstimmung – wie eben Obsessed – drin. Eh auch mal mit einem Augenzwinkern.

(c) Anna Szalachy

Du machst schon viele Jahre Musik. Inwiefern hat sich deine Art zu singen verändert, sowohl als Sängerin als auch als Songwriterin?

Es ist auf jeden Fall viel Selbstbewusstsein dazugekommen, also bin ich auch bei schwierigeren Passagen nicht mehr so nervös. Früher habe ich beim Karaoke immer versucht, z.B. die schwierigsten Ariana Grande-Passagen zu perfektionieren – das war super wichtig für meine Stimmentwicklung. Als ich dann angefangen habe, eigene Lieder zu schreiben, die meine natürliche Stimmlage zulässt, hat sich der Fokus auch weg von reiner Gesangstechnik verschoben. Heute geht es mir darum, wie ich die Lieder transportiere und das Emotionale darin richtig zur Geltung bringe. Manche Songs sind fragil, zart und exponiert – wenn die Stimme da zu zittern beginnt, kann das sogar passen oder man probiert eine leicht andere Technik. Vielleicht habe ich auch irgendwann Lust, crazy soulige Popnummern zu schreiben, aber im Gesamten fühle ich mich gerade extrem wohl mit meiner Stimme.

„Heute geht es mir darum, wie ich die Lieder transportiere und das Emotionale darin richtig zur Geltung bringe.“

Was war eine Reaktion auf deine Musik, die dich in letzter Zeit berührt hat?

Das hat sich im letzten Jahr in ganz unterschiedlichen Momenten gezeigt. In Berlin habe ich meinem Bruder und seinem Freund – beide klassische Musiker – Lieder aus meinem Album gezeigt. Es war so schön zu sehen, wie ernst sie die Musik genommen haben. Sie haben dabei sogar ein paar Tränen verdrückt, das war ein sehr süßer Moment. Ich mag das extrem, wenn Menschen mit voller Aufmerksamkeit zuhören. Wir sind es schon so gewohnt, dass wir Musik nur noch nebenbei über Playlists hören oder nur die Dinge streamen, die der Algorithmus vorschlägt. Aber Musik gehört auch in den Vordergrund!

Ich habe mir extra einen CD-Player gekauft, um wieder bewusst analog Musik zu hören. Du legst die CD ein, hörst das Album durch, und wenn es aus ist, ist es aus. Also eine abgeschlossene Erfahrung, die die eigene Aufmerksamkeit schult. Und das will ich: über die Musik in echten Kontakt mit Menschen treten und eine Atmosphäre schaffen, in der man sich auf diesen Austausch einlassen kann.

(c) Anna Szalachy

Welcher Moment im Entstehungsprozess des Albums hat dir rückblickend besonders getaugt?

Hui, es gab ultra viele schöne Momente, weil es eine lange Zeit mit vielen unterschiedlichen Situationen war. Mir haben großartige Musiker*innen geholfen, die Instrumente eingespielt haben, das war immer bemerkenswert. Aber ganz besonders viel Spaß gemacht hat die Arbeit an Obsessed: Frido hatte die Idee, gegengleiche Background-Chöre einzusingen. Wir standen also den ganzen Tag zusammen im Studio und haben einfach voll ins Mikrofon geschrien. Es wurde immer mehr und mehr, fast schon too much, aber es hat riesigen Spaß gemacht.

Wenn du dein jüngeres Ich treffen würdest – die Sarah von damals, die all diese Worte noch verschwiegen hat. Was würdest du ihr sagen?

Die jüngere Sarah war eigentlich schon ultra cool! Ich hatte mal eine Phase, in der ich alles schrecklich fand, was ich früher gemacht habe. Mittlerweile habe ich enormen Respekt vor meinem jüngeren Ich. Sie hat diese Lieder einfach geschrieben, ohne direkt ein durchgeplantes Projekt im Hinterkopf zu haben, war ehrlich und ist aus sich herausgegangen. Heute finde ich das extrem mutig, cool und schön. Und das würde ich ihr sagen.

Das Album erscheint ja auch ganz haptisch auf CD. Wo kann man dich und deine neuen Songs demnächst live erleben?

Genau, das Album kommt ganz klassisch auf CD raus und ich werde sie bei der Album-Release-Show am 28. Oktober in Wien und am 11.11. in Graz auf jeden Fall dabei haben!

Danke für die schönen Worte! Namárië.