Mi, 15. November 2017
Keinen Bock auf Wohlfühlmist

Keinen Bock auf Wohlfühlmist

Kettcar im Interview

Erinnerst du dich noch an Kettcar? Diese eine Band aus Hamburg, die Texte über Leben, Politik und Scheitern schreibt? Nach fünf Jahren melden sich die Indierocker nun mit geballter Faust zurück und geben sich auf ihrer neuen Platte „Ich vs. Wir“ politischer als je zuvor. Bassist Reimer Bustorff hat uns erklärt, was an der ersten Person Plural so verwerflich ist und warum sie sich von den verbitterten Idioten nicht verbittern lassen wollen.

„Wenn du das Radio ausmachst, wird die scheiß Musik auch nicht besser“ … ist das eure Antwort auf die aktuelle Popszene in Deutschland?

Herr Böhmermann hat es schon ganz gut auf den Punkt gebracht. Das freut uns, denn genau mit diesem Gefühl sind wir an die Platte gegangen: Etwas Gegensätzliches zu machen, etwas mit mehr Tiefe, mit mehr Aussagekraft. In den Neunzigern haben das viele Bands gemacht. Das ist leider etwas verloren gegangen. Die Textzeile ist natürlich kein reiner Diss an die Radiolandschaft. Damit ist auch gemeint, dass es nichts ändert, wenn man einfach die Augen zu macht oder sich die Ohren zuhält.

Mit „Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“ habt ihr ja viel Aufsehen erregt …

Es war natürlich unsere Hoffnung und unser großer Wunsch, erst mal so ein Zeichen zu setzen und zu sagen: Kettcar ist wieder da! Dass der Song ein bisschen polarisiert, war uns klar. Entsprechend gehen da auch die Meinungen auseinander. Es wird viel diskutiert und das ist auch gut so. Man darf sich nur nicht diese Flut an Kommentaren durchlesen. Am Anfang macht man das noch, aber irgendwann ist man aufgrund der Dummheit mancher Leute schnell mal wieder raus.

Verständlich! Ihr wart schon immer eine politische Band … ist „Ich vs. Wir“ eure politischste Platte?

Ja, wir waren immer schon eine politische Band. Wir sind so sozialisiert und kommen alle aus dem Punkumfeld. Wir hatten immer das Gefühl, dass wir unsere Meinung sagen müssen. Das hat sich auf manchen Platten nicht so widergespiegelt, tut es jetzt aber auf ‚Ich vs. Wir‘.

Kann politische Musik überhaupt etwas verändern?

Wir gehen jetzt nicht mit der Einstellung rein, mit einem Song die Welt zu verändern. Wir versuchen, mit Kettcar immer beschreibend zu bleiben, aber natürlich fließt da auch immer Meinung mit rein. Ich habe jetzt auch keine großen Lösungsansätze, sondern nur einen Hoffnungsschimmer, dass man mit politischen Songs Denkanstöße liefert und Menschen auf Ideen bringt. Ich habe nicht den Anspruch, den großen Protestsong zu schreiben, weil das einfach gar nicht funktioniert.

(c) Andreas Hornoff

Die erste Person Plural findet immer wieder mal Einzug in euren Texten. Am neuen Album noch stärker als sonst. Wie kommt das?

Es spiegelt die politische Situation in Deutschland extrem wider. Die AfD ist dafür ein Paradebeispiel. Sie sagen: „Wir holen uns unser Land zurück. Für unser Volk.“ Wer ist wir und wer ist unser Volk? Da wird schnell verallgemeinert. Ich will kein Teil dieses Landes mehr sein, wenn so Spacken meinen, sie würden für alle sprechen.

Ist das nur in Deutschland ein Problem?

Nein, das scheint ja überall momentan die einzige Antwort auf alle Probleme zu sein. Oder zumindest die einfachste Antwort, die dann schnell gekauft wird. Es kann nicht die einzige Lösung sein, alle Grenzen zu schließen und sich abzuschotten. Ich habe immer noch die Hoffnung, dass man im Kleinen wie im Großen Probleme gemeinsam anpacken kann – sodass niemand mehr von meinem Land oder meinem Volk spricht.

Diese Hoffnung stirbt zuletzt!