(K)ein Sprachrohr

(K)ein Sprachrohr

Billie Eilish im Interview

Wenn jemand das Bild des jungen, weiblichen Popstars in den letzten Jah-ren revolutioniert hat, dann das Mädchen mit den charmanten crazy Eyes. Jenseits von Rollenstereotypen und Klischeeprojektionen bricht Billie Eilish mit ihrem Debütalbum sämtliche Rekorde. Ihr ganz eigener Stil und ihre Art, Probleme zu thematisieren, sind nur zwei Gründe für den weltweiten Hype, der auch vor dem diesjährigen FM4 Frequency Festival nicht Halt macht. Wieso sich die 17-Jährige dennoch nicht als Sprachrohr einer ganzen Generation sieht, lassen wir sie am besten selbst erklären.

Etwas spät, aber doch: Gratulation zu deinem großartigen Debütalbum! Doch wie attraktiv ist das Konzept eines Albums eigentlich noch für dich als junge Künstlerin?

Total! Viele Leute denken aus irgendeinem Grund, dass dieses Konzept für mich nicht mehr attraktiv wäre. Ich finde es immer noch dope, denn Singles lassen dir nicht so viel Spielraum wie ein Album. Eine Single muss immer das gewisse Etwas haben. Ein Album ist ein Projekt und da kann auch mal ein Song dabei sein, der vielleicht nichts ist. Man kann Zwischenstücke einbauen. Man kann keine Single veröffentlichen, die eigentlich nur ein Zwischenstück ist. Man muss einen Hit rausbringen – und das ist ok! Fuck it, mit einer Single willst du es wissen. Ein Album gibt dir aber die Chance, wirklich ein Stück Kunst zu kreieren anstatt nur ein Produkt.

Bist du in diesem Zusammenhang eine Perfektionistin?

Ja, ein bisschen. (lacht)

(c) Kenneth Cappello

Wie ist es dann, mit dir zu arbeiten?

Hoffentlich nicht furchtbar. Ich versuche, immer so nett wie möglich zu allen zu sein und die Jobs der anderen nicht schwerer zu machen, als es sein muss. Ich denke viel an andere Men-schen und würde deshalb zum Beispiel auch nie jemanden anschreien – das könnte ich einfach nicht. Ich bin aber eine sehr visuelle Künstlerin, deshalb haben meine Videos immer meine spezielle Ästhetik. Ich habe so viel zu sagen und mag es, die Videos auch selbst stundenlang zu bearbeiten – bevor ich auf irgendjemanden böse werde, der es nicht verdient hat. Ich kann von niemandem erwarten, meine Gedanken zu lesen, um dann zu wissen, wie ich es haben möchte. Das ist kein Gefallen von mir für die anderen. Sie machen ja nur ihren Job und können nicht ganz genau wissen, was ich will. Das muss man klar kommunizieren – so muss es sein! Deshalb bin ich in alle meine Videos, Fotos und Artworks so involviert wie irgendwie möglich und füge immer noch etwas von meinem Innersten hinzu.

Du scheinst sehr genau zu wissen, wie du etwas haben möchtest oder noch verbessern kannst. Gibt es dennoch etwas, dass du erst lernen musstest?

Ich habe sehr viel in den letzten zwei Jahren gelernt. (lacht) So viel Gutes und Schlechtes. Das Wichtigste, das ich gelernt habe, ist aber wahrscheinlich, dass ich viele Dinge auch einfach selbst machen kann. Es wird einem oft gesagt, man soll jemanden hinzuholen, der professionell ist. Doch niemand ist ein Profi. Ich sage das, weil ich mit meinem großen Bruder Musik mache. Er produziert sie. Wir schreiben beide und wir performen auch gemeinsam. Ich muss mich nicht mit jemand „Professionellem“ treffen – es ist nur mein Bruder. So war es von Anfang an. Wir machen die Musik, die wir schon immer gemacht haben. Uns wurde auch schon gesagt, dass wir keine Ahnung haben, wovon wir reden. Doch es ist okay, dass wir keine Ahnung haben. (lacht) Ich habe das Gefühl, kaum jemand weiß eigentlich so genau, was er oder sie macht – so wie ich eben.

Dafür machst du gemeinsam mit deinem Bruder aber alles richtig! Wieso ist es dir so wichtig, die Produktion so klein und einfach wie möglich zu halten?

Eigentlich gibt es keinen wirklichen Grund. Wenn etwas gut läuft, warum sollte man es ändern? Doch ich mag große Studios nicht. Ich habe bei den Aufnahmen zur EP „Don’t Smile At Me“ keine guten Erfahrungen im Studio gemacht. Danach haben wir „Ocean Eyes“ einfach im kleinen Schlafzimmer meines Bruders aufgenommen. Auch das ganze Album ist dort entstanden – das scheint für uns zu funktionieren.

Was macht das kleine Schlafzimmer besser als ein fancy Studio?

Es ist in unserem Haus, in dem wir beide aufgewachsen sind. Es ist einfach das Zimmer meines Bruders. Er ist und war immer mein bester Freund. Es ist einfach so normal. Wir haben dort aber kein Studio eingerichtet – es ist einfach nur sein Zimmer. Es gibt keine Schalldämmung und keine Gesangskabine. Ich sitze am Rand seines Bettes mit dem Mikro vor mir. Ich mag es nicht, bei der Aufnahme in einer Gesangskabine zu stehen. Ich will einfach nur dort sitzen, direkt neben dem Computer. Man kann alle Geräusche hören, man kann grundsätzlich alles rundherum hören. Am Album dann nicht mehr, weil wir super im Bearbeiten sind. (lacht) Wenn ich vom Bearbeiten spreche, dann meine ich, dass wir nur die Hintergrundgeräusche rausnehmen. Meine Stimme wird aber nie verändert.

Obwohl du erst 17 Jahre alt bist, sprichst du auch viele schwierige Themen öffentlich an. Wie viel Druck liegt auf dir als das Sprachrohr einer Generation?

Ich denke darüber nicht gerne nach, denn es überfordert mich. Ich möchte nicht glauben, dass ich mehr bin, als ich tatsächlich bin. Das ist alles nicht so einfach. Ich liebe es zwar, aber ich will darüber nicht nachdenken. Das heißt aber nicht, dass ich nicht dankbar dafür bin, aber ich bin kein Sprachrohr, wirklich nicht. Ich bin einfach nur ich selbst – das ist alles.

Duh! Wir sehen uns am FQ19!

Quelle: Universal Music