Mo, 10. September 2018
Ich will nicht zurück

Ich will nicht zurück

Mono & Nikitaman im Interview

Guten Morgen, es brennt! Aufwachen, jetzt! Denn das, was in letzter Zeit in Politik und Gesellschaft abgeht, ist ja nicht zu fassen – finden auch Mono & Nikitaman. Ihre Reaktion: Ihr siebter Langspieler, auf dem Sozialkritik selten so direkt wie leichtfüßig in Kopf, Herz und Tanzbeine ging. Früher ist auch nicht mehr, was es nie war … wie wir mit Mono im Interview feststellen.

Das „Guten Morgen“ im Titel suggeriert gewissermaßen einen Neuanfang, gleichzeitig „brennt es“ an allen Ecken (sozial, politisch, etc.) – ein schöner Kontrast. Doch besteht die Chance auf einen Neuanfang eigentlich noch? Wenn ja, wie? Und wie erhaltet ihr euch euren Optimismus in diesem Kontext?

Pessimismus wäre gerade nicht angebracht – der versetzt uns in eine Schockstarre. Ich finde es mehr denn je wichtig, zu reagieren. Wir müssen uns weiter für soziale Gerechtigkeit gerade machen und an unserer Empathiefähigkeit arbeiten. Viele Menschen scheinen vergessen zu haben, dass wir alle in erster Linie Mensch sind und nicht Ausländer, Inländer, Bi, Trans, Heteros, schwarz, weiß, was auch immer … Wir sollten anfangen, das hervorzuheben, was uns verbindet und nicht nur ständig das sehen, was uns trennt. Unsere Politik ist so besessen davon, die letzten unentschlossenen Wählerstimmen abzugreifen, dass der ganze Apparat schon so weit aus der Mitte nach Rechts gerückt ist, dass ich Angst um unser freies demokratisches Wertesystem habe.

Same here! Wir sollten doch schon so viel weiter sein, oder? Stichwort „Der aufrechte Gang“.

Ganz genau. Ich verstehe die Sehnsucht nach Rückschritt einfach nicht. Das Einzige, was ich verstehen kann, ist die Sehnsucht nach einer sozialeren, weniger kapitalistischen Welt.

Nach Chemnitz hat euer Song „Wir sind mehr“ gleich noch mehr Bedeutung. Kann Musik ein Gegengift gegen den Hass und die Angst sein? Bzw. muss Musik heutzutage das Gegengift sein?

Ich habe diesen Traum und diese Vorstellung davon, ja. Musik, Kunst und Kultur hat aus meiner Sicht eine Verantwortung der Gesellschaft gegenüber. Wir Musiker haben eine Stimme, werden gehört und können Leute zum Mitdenken und zur Rebellion animieren. Es ist großartig zu sehen, wieviele Musiker sich seit Chemnitz gegen rechts äußern.

„Ich bin eigentlich friedlich, doch an manchen Tagen, gibt es Leute, die würde ich gern schlagen.“ … wie gehst du persönlich mit der Frustration (oder Wut) um, die in der Diskussion um und mit Rechten logischerweise immer wieder hochkommt?

Ich habe das Glück, Wut und Unverständnis in Musik umwandeln zu können. Unsere Nationen in Europa sind bunt und seit jeher durch Völkerwanderungen und Durchmischung geprägt. Wir haben von anderen Kulturen gelernt, haben uns ausgetauscht und nicht nur kulinarisch bereichert. Meine Familie ist, wie viele andere in Österreich, im letzten Jahrhundert dazugekommen. Das Thema Flucht war bei uns zu Hause oft präsent. Manchmal kommen mir einfach nur die Tränen und ich kann die Welt nicht mehr verstehen.

Verständlich! Ihr wart natürlich immer schon sozialkritisch, doch diesmal sind die Statements noch einmal deutlicher und direkter. Warum?

Wir haben unsere Texte schon immer aus dem Bauch heraus geschrieben. Die Zeit erfordert aber scheinbar deutlichere Statements. Mir ist es aber immer noch wichtig, in meinen Texten nicht den Zeigefinger zu erheben. Wir stellen Fragen, auch wenn wir nicht immer eine Antwort darauf haben müssen. Das ist der Vorteil der Kunst im Gegensatz zur Politik.

Ihr setzt auch anderweitig Zeichen … beispielsweise gehören Leuchtfeuer, Bengalen, Rauch, etc. zu euren beliebten Stilmittel. Was symbolisieren sie für euch?

Wir haben vor mehr als 10 Jahren auf der Mondiale Antirazzisti in Italien gespielt. Dort haben die Fans vor der Bühne die ersten bengalischen Feuer gezündet, seitdem sind diese Handfackeln und auch bunter Rauch ein Bestandteil unserer Bühnenshow. Ich empfinde dieses wahnsinnig helle Licht als eine Art visuelle Sirene. Es symbolisiert Kraft, Energie, schlägt Alarm und ist nicht zu übersehen.

Auf „Guten Morgen es brennt“ geht es aber auch um die Notwendigkeit von Auszeiten. Wie rebootet ihr euer eigenes System?

Wir verbringen Zeit mit der Familie und mit unseren Freunden, machen Sport, gehen feiern und essen gut.

Apropos feiern … welches Dosenbier trinkt ihr am liebsten?

Ich glaube, wenn man Dosenbier-Trinker ist, schaut man nicht auf die Marke. Ich bin aber nicht so der Bier-Fan. Da müsste ich Nick fragen, aber der ist gerade nicht da. (lacht)

Anfang November spielt ihr in Linz am Ahoi! Pop 2018. Was unternimmt Mono mit Nikitaman in ihrer Heimatstadt?

Ein Besuch bei unseren Freunden von Texta wäre mal wieder toll. Ein Ausflug in die Kapu, auf die Gis oder am Pöstlingberg oder meine Eltern im Mühlviertel besuchen, wenn Zeit dafür bleibt … aber die ist auf Tour meist sehr begrenzt. (lacht)

Zum Schluss: Wie feiert ihr im nächsten Jahr euer 15-jähriges Bandjubiläum?

Ich hoffe mit vielen Konzerten und mit unserem tollen Publikum!

Herzliche Gratulation schon mal an dieser Stelle und danke für das Gespräch!