Ich dende, also bin ich

Ich dende, also bin ich

Dendemann im Interview

Meine Damen und Herren, es ist endlich soweit: Dendemann veröffentlicht nach neun Jahren ein neues Album! Doch bedanken sollen wir uns dafür anscheind nicht, denn der Langspieler heißt: „Da nich für!“, Norddeutsch für „Gern geschehen!“. Dies ist aber keineswegs als arrogante Ansage zu verstehen, sondern vielmehr ein Ausdruck seines aufrichtigen Dagegen-Seins, handelt es sich doch um seine wohl politischste Platte bisher. Wie er durch das Neo Magazin Royale die Politik erst für sich entdeckt hat, warum es uns zu gut geht und wieso er trotzdem müde ist, haben wir von Twitter-Fan Dende für euch erfragt. Gern geschehen!

Ich habe gehört, du bist großer Twitter-Fan …

Ja! Twitter fühlt sich an, als hätten sich alle Social Networker hingesetzt und gesagt: „Passt auf, Leute! Ihr macht super Arbeit, aber leider war von der Benutzbarkeit bisher noch nichts für Dende dabei. Lasst uns mal etwas für ihn finden: 140 Zeichen, mit denen er auf den Punkt kommen muss. Das wäre vielleicht etwas für ihn.“ Twitter ist eine Sucht, alles andere ist eine Qual. (lacht)

Brauchst du beim Texten auch manchmal jemanden, der dich zwingt, auf den Punkt zu kommen?

Ja, ich bin nämlich nicht der Beste, diese Entscheidung zu treffen. (lacht) Diesmal habe ich mich getraut, jemanden diese Entscheidung mittragen zu lassen, deren Meinung ich dann tatsächlich auch gelten lasse. Früher habe ich die Leute immer danach ausgesucht, dass sie mir sagen, wenn etwas nicht stimmt und ich ihnen dann sagen kann: „Das soll aber so!“ Das funktionierte für mich immer super, aber dann braucht ein Song eben 500 Takes. Jetzt war ich in einer Situation mit Profis, die schon mehrfach bewiesen hatten, dass sie es besser können – und ich konnte loslassen. Das ist für Menschen wie mich nicht verkehrt.

Hand aufs Herz: Wie gut konntest du das Feedback deines Produzententeams The Krauts tatsächlich annehmen?

Es war die ersten drei oder vier Mal die Hölle – bis ich gemerkt habe, dass das genau der Grund ist, weswegen ich hier bin und nicht bei jemand anderem. Es war aber hart! Die Hälfte der Songs habe ich einfach zwei Mal geschrieben – was aber okay war.

Dadurch ist das Album sehr direkt und beinahe ungewohnt politisch …

Ich habe durch das Neo Magazin Royale erstmals die Politik für mich entdeckt. Vor zwölf Jahren hatte ich mit einem Gratis-Download in der Vorphase des ersten Albums einen zaghaften Versuch unternommen, in dem es ein paar politische Sätze gab. Das ist genau das geworden, was es nicht werden soll: Ein paar Names droppen und sich ein bisschen aufregen. Es war genau dieses Halbgare – „Ich will mal was Politisches machen“. Danach war das Thema für mich gegessen. Ich habe das Know-how nicht, ich habe das Interesse nicht. Im Gegenteil, ich habe ein aufrichtiges Desinteresse – eine Verdrossenheit der ganzen Sache gegenüber, die natürlich auch problematisch ist, wenn man dann so tief eintaucht und von nichts eine Ahnung hat.

Trotz dieses aufrichtigen Desinteresses warst du knapp zwei Jahre Teil des Neo Magazin Royale. Wie hat das Engagement deine neue Platte beeinflusst?

Durch das Neo Magazin Royale habe ich diese Verdrossenheit zu einer Tugend gemacht. Ich hatte ja Rückendeckung. Doch der Anfang war desaströs. Ich bin heute super dankbar dafür, dass ich es gemacht habe, aber im Kontext meiner Geschichte war es absurd, so etwas zuzusagen. Das war ein Todesurteil. In Wirklichkeit hatte ich acht aufgenommene Tracks, bevor es losging. Das Engagement war eigentlich mehr als Rampe gedacht. Doch je tiefer ich da eintauchte, desto mehr merkte ich: „Oh mein Gott, ich kann nicht mit so einer halb garen Scheiße ankommen!“ (lacht) Die fertigen Songs waren natürlich gut produzierte Dendemann-Songs, aber das war aufgewärmter Kaffee meiner ersten EP. Retro ist künstlerisch wirklich extrem meidenswert, deshalb habe ich die Nummern noch mal geschrieben – mit einem neuen Politikempfinden.

Wie darf man den Albumtitel „Da nich für!“ im Kontext der letzten neun Jahre ohne Dendemann- Releases verstehen?

Es ist grundsätzlich die norddeutsche Variante von „Gern geschehen“. Die Hamburger sagen „da nich für“. Wenn man das im Zusammenhang sieht, kriegt es eine Arroganz – die war so nicht gemeint. Ich habe die Doppeldeutigkeit eher in diesem dauerhaften Dagegensein gesehen. Nicht für, sondern dagegen. Das gefiel mir!

In „Keine Parolen“ setzt du dich mit der Haltungslosigkeit und Selbstbezogenheit unserer Gesellschaft auseinander. Geht es uns zu gut?

Ja! Das ist auch der Satz, den ich von meinem Vater sehr oft gehört habe. Ich habe mir früher nie Gedanken darüber gemacht. Das typisch deutsche Gejammer ist eine ganz normale Konsequenz des Wohlstands. Bestimmte Krankheiten gibt es außerdem nur in der ersten Welt – so ätzend das vielleicht auch ausgedrückt ist: Doch wer hat Zeit für so etwas, wenn der Magen knurrt? Diese Probleme kommen aber nicht von ungefähr. Sie sind nicht direkt hausgemacht, aber zumindest hausgemacht im Sinne des größeren Gesellschaftshauses der Welt.

Du sagst es! Die Nummer „Müde“ kann ich auch sehr gut nachvollziehen …

Danke! I’m a napper. Nap-a-lot-records for life! (lacht) Metaphorisch ist meine Politikverdrossenheit natürlich auch in „Müde“ noch drinnen. Das ist ein Versuch, sie in Zeilen zu packen.

Die „abgebrühten Plattitüden“ erschweren die gesellschaftspolitische Diskussion oft ungemein. Gleichzeitig verunsichert einen manchmal aber auch die Auseinandersetzung mit ihnen, findest du nicht?

Total! Du weißt nicht mehr – darf man jetzt noch zu H&M oder nicht? Haben sie den KKKPulli wirklich gemacht oder war das ein Fake? Mit solchen Dingen setzt man sich jetzt auseinander und alles, was dabei passiert, ist, dass der Name H&M weiter ins Hirn kommt. Das ist das Gefährliche daran. Deswegen ist auch Banksys einzige Message meiner Meinung nach: Don’t believe the hype! Das ist die wichtigste Botschaft: Egal, was passiert, hinterfrage die erste Information!

Zum Schluss: Wie lautet dein Lieblingstweet?

Mein Lieblingstweet von jemand anderem klingt vielleicht etwas ruppig, aber ich habe wirklich geschluckt, als ich ihn gelesen habe. Ich hätte mir so gewünscht, dass ich das Problem einmal so hätte formulieren können. Dann wäre ich ganz wo anders im Leben. Mein Lieblingstweet von @LunaticAbsturz lautet: „Wasser, du Hurensohn, warum schmeckst du nach nichts?“ (lacht) Das hätte ich niemals so formulieren können, fühle es aber ständig. Mein Lieblingstweet von mir selbst ist im Moment: „Liebe deinen Nachbarn so wie DHL deinen Nachbarn liebt.“ (lacht) Die klingeln bei uns in Kreuzberg nämlich nie, weil wir im vierten Stock ohne Fahrstuhl wohnen.

Danke für das Gespräch!

Da nich für! (lacht)