Mi, 12. November 2008

Campino im Interview: 'Zum Scheißen reicht‘s'

Seine Stimme gehört den Toten Hosen, sein Herz dem FC Liverpool. Als sein Verein in der vergangenen Champions League Saison wegen einem geschundenen Foulelfmeter im Halbfinale scheiterte, trat er aus Wut gegen einen Mistkübel und brach sich dabei den Mittelfuß. Jetzt, wo das neue Album „In Aller Stille“ erscheint und Liverpool in der Champions League wieder ganz oben mitspielt, ist alles wieder gut, oder? VOLUME bittet Campino zur Nachkontrolle.

Was macht der Fuß? Alles wieder fit mit dem Schritt? 

 

Ja, mittlerweile bin ich wieder auf zwei Beinen unterwegs. Zum Glück, denn wir freuen uns alle schon sehr auf die anstehende Tour!

 

Zum aktuellen Tagesgeschehen: Seit heute Morgen hat Amerika einen schwarzen Präsidenten. Welche Auswirkungen hat diese Wahl deiner Meinung nach auf Europa?

 

Dieses Ergebnis ist ganz klar ein Signal an Europa, an die ganze Welt. Amerika zeigt sich bereit für einen Wechsel. Ich bilde mir ein, dass jetzt vor allem die europäischen Börsenwerte kurzfristig wieder nach oben schießen werden. Was sich aber für die Menschen in den Vereinigten Staaten konkret ändert, bleibt abzuwarten. Barack Obama hat im Wahlkampf viel versprochen und sich viel vorgenommen für seine Amtszeit. Ich glaube, dass er in die Position des Präsidenten erst hineinwachsen muss, um wirklich Historisches zu leisten. 

Eine der ersten Aufgaben von Präsident Obama ist es, Wege aus der anhaltenden Finanzkrise zu finden. Wo hat Punkrocker Campino seine Millionen angelegt? 

 

Die sind alle weg seit zwei Wochen. Aber keine Angst, zum Scheißen reicht’s noch. Den wahren Preis dieser Finanzmisere zahlen ganz andere. Seit dem weltweiten Börsencrash redet niemand mehr über Entwicklungsgelder für Afrika. Nach wie vor sterben dort täglich hunderte Menschen an Unterernährung und mangelnder medizinischer Versorgung. Bevor die führenden Wirtschaftsstaaten ihre Versprechen einlösen und Afrika finanziell unterstützen, drehen sie jeden einzelnen Cent der Hilfsgelder fünfmal um. Bricht das Bankensystem zusammen, stehen aber sofort unfassbare Summen für die angeschlagenen Unternehmen zur Verfügung. Bei der Rettung von Banken scheint alles zu gehen, bei der von Menschen nicht. In solchen Momenten wird dir die Scheinheiligkeit und Perversion unseres kapitalistischen Systems so richtig bewusst, darum vergiss die Millionen!

 

Unter Klaus Maria Brandauer als Macheath auf der Theaterbühne, jetzt für Wim Wenders’ „Palermo Shooting“ vor der Kamera. Wie weit geht die Reise des Schauspielers Campino? Am Ende bis nach Hollywood?

 

Momentan hätte ich kein Problem damit, nie wieder als Schauspieler in Erscheinung zu treten. Gerade durfte ich zwei Produktionen miterleben, die unglaublich bereichernd und lehrreich für mich waren. Eine sehr feine Zeit war die in Palermo: ohne PC und Handy, dafür mit Appartement in der Altstadt, Pasta, Rotwein und dem allgegenwärtigen Geist der Mafia. An meinen persönlichen Lieblingstagen, den drehfreien Tagen, sind wir mit dem Bus raus gefahren und haben uns mitten im November an den Strand gelegt, abhängen und genießen. Zwischendurch haben wir uns überlegt, welche Eisdiele als nächstes ausprobiert wird. Das war schon ganz nah am Paradies.

 

Bei dieser Schwärmerei fällt es schwer zu glauben, dass das Kapitel “Campino und die Schauspielerei” schon beendet ist. Wenn dem aber wirklich so sein sollte, wie sieht es aus mit einer Karriere hinter der Kamera?

 

Songschreiber, Regisseur oder Buchautor – alle drei sind zwar Geschichtenerzähler und leben in einem Haus, arbeiten aber in unterschiedlichen Stockwerken. Um Filme produzieren zu können, musst du schon beim Drehbuchschreiben Ahnung von Technik und Umsetzbarkeit haben. Da fehlt mir ganz einfach das Wissen dazu.

 

Würde es dich reizen, diese Wissenslücke zu schließen?

 

Eine größere Herausforderung wäre es für mich, ein Buch zu schreiben. Zu erfahren, ob ich eine Geschichte und den Spannungsbogen über hunderte von Seiten aufrecht erhalten kann, das macht dabei den Reiz für mich aus. Dass Punkrocker durchaus mehr können als nur kurze Songtexte zu verfassen, beweist mein Freund Rocko Schamoni mit seinen Romanen. Ich persönlich fühle mich noch zu jung, um ein Buch zu schreiben. Das kann ich machen, wenn ich 60 bin.

 

Rückblickend, was haben dir die Ausflüge auf Bühne und Leinwand für dein Schaffen als Musiker gebracht?

 

Beim Schreiben von Songs bin ich jetzt nicht mehr so schnell zufriedenzustellen. Ich habe Freude an der Sprache entwickelt, was wohl auf meine Rolle als Meckie Messer in der Dreigroschenoper zurückzuführen ist.

 

Mit deiner Band ‚Die Toten Hosen‘ hast du so ziemlich alles erreicht, von dem Nachwuchsmusiker nur träumen können. Auf eurem aktuellen Album ist dennoch ein Stück, das den Titel „Angst“ trägt. Wovor fürchtet sich ein Mann wie du?

 

Nur weil du beruflich erfolgreich bist, heißt das nicht, dass du keine Ängste hast. Ich bin da keine Ausnahme. Außerdem ist Angst für den Menschen als Warnung vor bedrohlichen Situationen überlebenswichtig. Mein Song soll aber in erster Linie das Phänomen beschreiben, wie in unserer Gesellschaft mit künstlich erzeugter Angst und Drohungen gearbeitet wird. Du musst auf der Arbeit funktionieren und hast brav deine Rente einzuzahlen, sonst verlierst du deinen Job und dein Leben geht den Bach hinunter. Totaler Blödsinn! Solche Verlustängste lähmen dich in deiner persönlichen Entfaltung, verursachen Depressionen und andere Krankheiten. Also befrei dich aus dieser Manipulation, Rente bekommst du sowieso keine mehr!

 

 

 

 

„Auflösen“, „Leben ist tödlich“, „Ertrinken“ oder „Pessimist“ zählen auch nicht wirklich zu den fröhlichsten Songtiteln. Ist das die Welt der Toten Hosen?

 

Dieses Mal hatten wir einfach keine Lust, die Aussagen und den schweren Stoff von unserem neuen Album mit einem Kalauer zu relativieren. „Opium fürs Volk“ war von den Themen her auch keine leichte Platte, trotzdem haben wir uns damals entschieden, „Zehn kleine Jägermeister“ mit auf das Album zu nehmen. Bei „In Aller Stille“ war so etwas aber unmöglich. Kurz bevor wir zum Aufnehmen ins Studio gegangen sind, waren wir mit Oxfam in afrikanischen Krisengebieten unterwegs. Dort wurden wir mit Krieg und dem Tod konfrontiert. Wir haben versucht, dass Erlebte nicht so nah an uns heranzulassen. Aber wenn an dir Leichen vorbeigetragen werden, dann arbeiten diese Bilder in dir und verändern dich. Natürlich haben diese Erlebnisse Einfluss auf die neuen Songs genommen, trotzdem wollen wir nicht den Eindruck erwecken, pathetisch zu sein. Unsere Lieder können dir nie alles vermitteln, was für schlimme Sachen auf der Welt vor sich gehen und was wir gesehen haben. Aber sie können dein Bewusstsein für solche Themen schärfen.

 

Im Video zu eurer aktuellen Single ‚Strom‘ kann der Zuschauer sehen, wie ihr im Studio von Blitzen getoastet werdet. Gibt es dazu eine Anekdote aus eurem Bandleben?

 

Ende der 80er Jahre habe ich Kuddel vermutlich das Leben gerettet, als ich ihm empfohlen habe, nicht auf die Hochspannungsleitung zu pinkeln. Unser Proberaum war damals ganz in der Nähe von einer Bahnstrecke, über die eine Brücke geführt hat. Als wir eines Abends nach Hause gegangen sind, hat Kuddel sein Ding ausgepackt und wollte sich von oben auf die Gleise entleeren. Besser für alle, dass er dieses Vorhaben nicht in die Tat umgesetzt hat. Mit ziemlicher Sicherheit wäre es ihm damals in echt so gegangen wie uns allen im Video.

 

Mit eurem neuen Album geht es auch wieder auf Tour, und ihr spielt im kommenden Sommer auf dem Nova Rock Festival. Welche Unterschiede gibt es deiner Meinung nach zwischen dem deutschen und dem österreichischen Publikum?

 

Ich sehe die Unterschiede eher zwischen Publikum aus der Stadt und Publikum vom Land. Wien ist nicht Tirol und umgekehrt. Bei einem Festival kommen die Leute aber von überall her, und es entsteht eine ganz eigene Atmosphäre, die wir in Österreich ganz besonders genießen konnten. Jeder von uns hat einen persönlichen Bezug zu diesem Land, sei es durch Wanderurlaube mit der Familie, erste Skifahrversuche oder langjährige Freundschaften. Als Rote Rosen waren wir hier schon immer sehr angesagt. Mir ist aber aufgefallen, dass wir als Band Die Toten Hosen erst vor ein paar Jahren so richtig in Österreich angekommen sind. Da gab es am Anfang sehr große Missverständnisse. 

 

Nachdem dich doch einiges mit unserem Land verbindet, beispielsweise der Tätowierer Bernie Luther, das Unplugged-Album im Burgtheater und der Regisseur Klaus Maria Brandauer, geht die letzte Frage noch einmal zurück nach  Österreich: Welche Zeilen würdest du als Fußballexperte unserem Nationalteam widmen, um ihm aus der Krise zu helfen?

 

Nur zwei Worte – steh auf!