Mo., 29. Juni 2026

"Ich habe viel über das Phänomen des Ego-Deaths nachgedacht."

Asaf Avidan im Interview

Habt ihr schon mal so tief in euer Innerstes geblickt, dass ihr drauf hängen geblieben seid? Mit UNFURL hat die „One day, Baby, we’ll be old“-Legende Asaf Avidan seine Faszination für das im Inneren Liegende, aber nach Außen Schwappende weiter vertieft. Dort hat er Dinge vorgefunden, die ihn gleichzeitig von der Realität abgekapselt und wieder mit ihr verbunden haben und zum Glück ist er genau so weit wieder zurückgekommen, um uns teilhaben zu lassen. Seine Ego-Death-Erlebnisse, inneren Monologe und Kontradiktionen hat er in seinem 5. Solo-Album verarbeitet: eingespielt in den Miraval Studios in Frankreich mit einer Live-Jazz-Rhythmusgruppe und dem 40-köpfigen TJEW Orchestra. In komprimierter Form bringt er das als ‚cineastisch‘ beschriebene Werk mit seiner Live-Band am 1. Juli im Rahmen der FM4 Indiekiste auf die Posthof – FrischLuft-Bühne in Linz. Worum es ihm in UNFURL geht, warum die Beschäftigung mit sich selbst etwas kollektiv Wertvolles ist und warum ein Tropfen Essenz schon reicht, um in einen Ozean zu fallen, hat er uns im VOLUME-Interview erzählt.

(c) Asaf Avidan

Asaf, wir haben heute nur zehn Minuten. Wenn du deinen aktuellen Geisteszustand beschreiben müsstest: Was geht gerade in deinem Kopf vor?

Um ehrlich zu sein, bin ich aktuell etwas nervös. Ich starte gerade eine zweimonatige Tournee, habe mir pünktlich zum Auftakt einen Virus eingefangen und huste gerade ununterbrochen. Ich liebe absolut, was ich tue, aber die Stimme ist nun mal ein sehr fragiles Instrument. Ich versuche gerade , so schnell wie möglich wieder fit zu werden.

Also gerade eher Hotellobby als Städte-erkundschaften?

So ist es. Ich mache das, was ich tue, jetzt seit 20 Jahren und durfte so viele wunderschöne Orte auf dieser Welt sehen. Die anderen Musiker*innen und die Technikcrew gehen rund um die Shows oft raus und wollen mich motivieren, mitzukommen. Mittlerweile muss ich sagen, ich bleibe oft am liebsten im Hotelzimmer. Nur als Beispiel: Vor kurzem, in der Nähe von Madagaskar, kam ich nach einem elfstündigen Flug im Hotel an und konnte vom Fenster schon aus einen Wal sehen. Ich dachte mir: „Okay, Asaf, jetzt gehst du raus und genießt den Tag auf der Suche nach den Walen!“ Nach nur einer Stunde auf dem Wasser ging der Motor unseres Bootes ein und wir saßen fest, gestrandet in der prallsten Sonne, bis uns die Küstenwache retten musste. Seitdem bin ich mehr als glücklich damit, mich drinnen auszuruhen (lacht). Ich bin mittlerweile sehr entspannt, einfach, weil ich das schon so lange mache. Und wenn es irgendwie geht, bin ich ohnehin mit meiner Freundin und unseren Hunden auf Tour. Sie geben mir den emotionalen Halt und die Energie, die ich brauche.

Kommen wir zu deinem Album UNFURL. Du hast einmal erzählt, dass ein mentaler Versuch „zu gut“ funktionierte und sich anfühlte wie ein Horrortrip, von dem du nicht mehr ganz zurückgekehrt bist. Hat diese Erfahrung dein Songwriting verändert? Schreibst du heute aus einem inneren Frieden heraus oder aus der Angst, dein altes Ich nicht mehr finden zu können?

Ich denke, die Antwort ist: Ja zu beidem. Es ist dieser ständige Konflikt zwischen der Akzeptanz, sich in die Unendlichkeit des eigenen Geistes hineinzubegeben, und der gleichzeitigen Panik, der blanken Unruhe, die entsteht, wenn man plötzlich formlos wird. Genau dieser Konflikt ist das Kernthema des neuen Albums.

Es war übrigens keine klassische Meditation, sondern eine geführte Imagination, inspiriert von Carl Jungs „Rotem Buch“. Ich habe zu dem Zeitpunkt viel über dieses Phänomen des Ego-Deaths nachgedacht, das Zerbrechen des Selbst. Es ist eine faszinierende, wunderschöne Idee, aber wir sind nun mal bewusste, biologische Wesen. Wir haben das tief sitzende Bedürfnis, unser „Ich“ zu definieren, und deshalb können wir mit so einer Formlosigkeit mental gar nicht gut umgehen. Ich spüre selbst heute noch, dass meine eigenen Konturen seither ein bisschen verschwommen sind. Da ist Angst, absolut, aber da ist auch ein wunderschöner, hoffnungsvoller Teil darin. Viele Menschen wollen diesen bewussten Teil ihres Gehirns ja oft einfach nur betäuben. Ich dachte nie, dass mich das mal so fesseln würde, aber die Tiefen des eigenen Ichs zu erforschen, finde ich extrem faszinierend.

Ich habe gehört, dass du ein Traumtagebuch führst. Ich habe selbst oft die aushängendsten Träume und frage mich, ob sie überhaupt irgendetwas bedeuten. Wie siehst du das? Kannst du mir von einem Traum erzählen?

Einen Traum musste ich sogar tatsächlich einmal visuell festhalten, weil er mich so gepackt hat. Ich habe für dieses Album ausnahmsweise KI genutzt, um ein Video zu erstellen, das kleine Szenen aus diesem Traum rekonstruiert – ich musste sie quasi mit meinem Wachbewusstsein nachbauen. Es war ein wiederkehrender Traum von einer Höhle und einer lila, klebrigen, dicklichen Flüssigkeit. Ich wusste im Traum instinktiv: Das ist das Bewusstsein in seiner reinsten Form. Als ich aufwachte, ergab das natürlich kein logisches Narrativ für ein Album, aber ich hatte plötzlich diese Postkarten aus meiner eigenen Traumlandschaft. Weil ich so intensiv geträumt habe, erodierte die Grenze zwischen dem luziden Träumen und dem Wachsein. Ich wurde ein bisschen zu meinem eigenen Traum-Ich.

Uff ja, Träume sind crazy, aber bestimmt auch eine tolle Inspiration?

Ja, dieses Zwischenstadium und das, was daraus resultierte, wurde schließlich zum Album: die Interpretation ebendieser Formlosigkeit. Besonders auf Tour schläfst du ja überall, nur nicht komfortabel. Da verschwimmt die Realität noch leichter. Da fragt man sich dann vielleicht: Was ist überhaupt real? Selbst die „echte“ Realität ist am Ende nur eine Interpretation unseres Gehirns, das die Welt übersetzen und neu erschaffen muss. Wenn also alles nur Interpretation ist, stellt sich die Frage: Ist das, was ich im Schlaf erlebe, weniger real? Das finde ich spannend. Sich selbst so richtig genau anzuschauen, hat für mich nach langem Überlegen übrigens überhaupt nichts Narzisstisches. Es gibt universelle Archetypen in uns allen, in jeder Realität. Ich blicke tief in mein eigenes Inneres, um eine universelle Wahrheit zu finden, die alle Menschen miteinander verbindet. Das Innere jedes Einzelnen ist also etwas, das wir eigentlich alle teilen. Etwas Kollektives.

Und diese Erfahrungen und universelle Wahrheit findet man auf deinem Album wieder?

Ja, auf meinem Album und in Kunst ganz allgemein. Am Anfang der Arbeit an UNFURL hatte ich all diese Emotionen in mir und absolut keine Ahnung, wie ich dieses gigantische Spektrum erklären soll. Ich stieg hinab in meinen eigenen Abgrund, sah diesen endlosen Ozean und wollte ihn der Welt zeigen. Aber wie bringt man so etwas zurück zu den Menschen? Es hat lange gedauert, bis ich begriffen habe, dass ich das gar nicht im Ganzen tun muss. Ich muss nicht den ganzen Ozean anschleppen. Denn wenn ich versuche, ihn in einem Becher zu transportieren, stolpere ich, verschütte fast alles und wenn ich bei dir ankomme, ist nur noch ein einzelner Tropfen übrig.

Dann wurde mir klar: Wenn ich es schaffe, einfach nur diesen einen Tropfen mitzubringen und ihn dem Publikum zu zeigen – und ihr spürt wenigstens das Funkeln, die Temperatur, den Geschmack dieses Tropfens, dann wird das euren eigenen, inneren Ozean zum Leben erwecken. Am Ende wird Musik so zu einer zutiefst humanistischen Übung.

(C) Rani Moskovich

Österreich hat ja eine sehr düstere, melancholische und oft morbide Seite, die sich extrem in unserer Kunst widerspiegelt (man denke an das Malen mit Schweineblut im Wiener Aktionismus oder an unsere „Kindergeschichten“). Welche Erfahrungen hast du bisher mit der österreichischen Kunst gemacht?

Oh wow… damit muss ich mich wohl definitiv noch eingehender beschäftigen. Aber ich glaube, dass in der Dunkelheit und in der Fantasie – selbst in alten Kindermärchen – oft der letzte Zufluchtsort liegt, um die verborgenen Regionen des Selbst zu erforschen. Das sind wieder diese universellen Archetypen und Selbsterkenntnisse, von denen wir vorher geredet haben.

Dein Album heißt UNFURL. Wie entfaltest du dich abseits der Musik?

Zu Hause haben meine Freundin und ich eine Art Zufluchtsort für Tiere geschaffen. Wir haben mittlerweile 32 Hunde gerettet, sie sind einfach das Größte für mich. Außerdem leben bei uns Esel, Hühner, Pferde und andere Tiere, die wir aus den grausamen Klauen der Massentierhaltung befreit haben. Diese Tiere sind es, die mich erden und mich „entfalten“. Die Kommunikation mit ihnen läuft komplett nonverbal ab. Du musst dich auf der Basis von Geduld auf sie einlassen und einander akzeptieren. Das ist eine riesige Lebenslektion. Sie bringen mich dazu, mich zu öffnen, allein durch ihre Beharrlichkeit, einfach sie selbst zu sein. Selbst die Hühner aus dieser schrecklichen Industrieindustrie: Jedes einzelne von ihnen hat eine völlig eigene Persönlichkeit, einen ganz eigenen Charakter. Das zu beobachten ist faszinierend, zutiefst berührend und genau das entfaltet einen Teil von mir, zu dem ich sonst nicht immer Zugang habe.