Geilheit kennt kein Tabu

Wir müssen reden! #47

Mein guter Freund B. verdient offiziell seine Brötchen mit dem Verfassen von Klappentexten für (in erster Linie) Neuerscheinungen von Liebes- und Frauenromanen. Man kann sich vorstellen, dass hier die Bezahlung eher schlecht als recht ausfällt und da B. einen ziemlich ausschweifenden Lebensstil pflegt, hat er ein ganz besonderes – und auch ziemlich lukratives – Nebengeschäft gefunden: Er schreibt pornografische Kurzgeschichten und Romane für einen der größten einschlägigen europäischen Verlage.

Na, wie läuft das Literatenleben? Winkt schon der Bachmannpreis? Du wirst lachen – eine Kurzgeschichte aus meinem letzten Buch ist gerade wirklich für einen brancheninternen Preis nominiert worden! In der Kategorie für die beste alternative Gruppensexfantasie. Irgendwie lächerlich, was es so alles gibt, oder?
Alternativer Gruppensex?
(lacht) Ja, ganz peinlich eigentlich! „Alternativ“ bedeutet, dass es nicht um reinen Hetero-, Bi- oder Homosex geht. Aber auch nicht wirklich Fetisch, wie SM und das ganze Zeugs. Sondern eher Richtung Sci-Fi und Fantasy. Aliens, Mumien, Zombies, der ganze Scheiß halt. Mein nominierter Text erzählt von einer jungfräulichen Krankenpflegerin, die von einer bisexuellen und triebgesteuerten Vampirhure gebissen wird. Nachts werden dann blutige Sexorgien mit den anderen Krankenschwestern und den Oberärzten in der Entbindungsstation gefeiert…
Willst du mich verarschen?
Leider nicht! Ich sag’s dir, es gibt für einfach ALLES ein Publikum! Geilheit kennt kein Tabu! Das ist übrigens auch der Titel meiner ersten erotischen Geschichte. Die wurde zwar leider nie veröffentlicht, aber dadurch habe ich dann über den Verlag die ersten Aufträge bekommen.
Wie sieht so ein Auftrag aus? Kannst du schreiben, was du willst? Oder musst du dich an Vorgaben halten?
Das ist immer ganz unterschiedlich. Ich schreibe mittlerweile permanent nebenbei an „eigenen“ Texten. Kleine Romane, Kurzgeschichten. Sobald die fertig sind, schicke ich sie ein und oft werden sie dann auch genommen und in einer Anthologie mit Geschichten von anderen Autoren veröffentlicht. Das gibt zwar weniger Geld, aber man kann sich ja dadurch auch immer ein bisschen „selbst verwirklichen“. Die große Kohle kommt allerdings eher durch richtige Bestellungen von Verlagsseite rein. Da heißt es dann etwa: „Bitte 150 Seiten, Hardcore, Hetero, nur Soft-SM, Teens, interracial, eine Gruppenszene, Lovestory, Happy End“. Danach fertige ich schnell ein Exposé an. Darin steht dann, dass die blonde zierliche Hauptfigur Lilly heißt, 19 Jahre alt ist und zwecks Französischstudium in eine WG zieht. Ihre Mitbewohnerinnen sind die rassige Fumi (21) aus Ghana und die sexy Russin Elena (24). Die Drei erleben erotische Abenteuer in der WG, auf der Uni und keine Ahnung wo noch. Überall einfach. Am Ende gibt es dann eine Gruppensexparty und Lilly findet im großschwänzigen und immer fickbereiten Nerd Hannes, den sie bisher nur als Freund wahrgenommen hat, ihre wahre Liebe. Sobald der Verlag dann das Go gibt, habe ich meistens etwa drei Wochen Zeit, um den gesamten Roman fertigzustellen.
Liest du auch privat erotische Geschichten?
Hm. Ja, doch. Eigentlich schon. Aber eher, um zu sehen, was die Kollegen so fabrizieren. Angemacht hat mich das ganze Lesepornozeugs noch nie. Ich fand es immer schon amüsant, aber einen Ständer bekomm’ ich nicht, wenn ich lese, wie Chantal ihre feuchte Schatzkiste gegen Eriks bebende Männlichkeit drückt. Man kann halt ganz gutes Geld damit verdienen und ich habe ganz offensichtlich ein Talent dafür – woher auch immer.
Was sagen deine Eltern dazu?
Gar nichts, weil sie es nicht wissen. Die denken, ich könnte vom Klappentexteschreiben leben. Und in diesem Glauben lasse ich sie auch liebend gern.