Fr, 20. November 2015

Globale Psychose

Supernackt #54

Die Spannung steigt. Es liegt etwas in der Luft. Teilweise Staub von zerbombten Häusern und Teile von Menschen. Teilweise nur ein angstgesteuertes Raunen, das paranoid durch die Häuserschluchten und das Rückgrat der Gesellschaft kriecht. Sie spaltet. Bis sie sich hasserfüllt und gewaltbereit gegen alles Andere und sich selbst richtet. Das globale Bewusstsein wirkt verängstigt, schizophren, psychotisch.

Einblicke in die Gedankenwelt der Reichen und Geföhnten

Die Welt gerät aus den Fugen. Euer Denken gerät aus den Fugen. Immer mehr Information prasselt in immer kürzeren Abständen ungefiltert auf euch herein. Nachrichten, Meinungen, Falschmeldungen überschlagen sich und rollen lawinenartig über alle Kommunikationskanäle in euer Bewusstsein. Nach der Wahrheit kann nur mühsam sondiert werden. Ihr könnt kaum richtig von falsch, wichtig von unwichtig unterscheiden. Zusätzlich sind aus einer Fülle reiner Informationsempfänger massenweise Sender geworden, basierend auf der Infrastruktur einer vernetzten Welt und mit Hilfe von leicht zu bedienender Software. Inhalte können immer schneller und immer einfacher aufbereitet werden. Jeder ist Rundfunksender, hat seine eigene Website und ist Showmaster in den sozialen Netzwerken. Jeder ist One-Click-Informationsmultiplikator und Schleusenöffner für jegliche Art von mentalem Schwachsinn. Die langwierige Suche nach der Wahrheit wird in der schnellen Suche nach Aufmerksamkeit gefunden: Ich denke, daher poste ich. Ich kam, sah und kommentierte. Ich like, dass ich dislike.

Ihr leidet unter einer globalen Psychose. Einer schweren psychischen Störung, die mit einem Verlust des Realitätsbezugs einhergeht. Realität? Ein Leben in der Matrix. Was ist echt, was wird nur gut inszeniert präsentiert? Es ist schwierig, klare Linien zu sehen. Im Kommunikationszeitalter geht es nur mehr darum, wer seine Interessen besser aufbereitet und verteilt. Jede Meinung hat eine Gegenmeinung. Überall Stimmen und Botschaften. Ihr sucht nach verschlüsselten Inhalten in Gesten und Meldungen. Und eines stimmt: Egal, wie es wirklich ist, irgendwas ist verdammt faul. Der Planet wird unnachgiebig zerstört, die Zukunft vergessen, Menschen vertrieben und von Menschen voll Inbrunst getötet. Warum? Im Glauben an Geld oder jeglichen anderen Gott. An vorderster Front wir und andere Auserwählte. Christliche, islamische, börsennotierte Fundamentalisten. Keinen Argumenten mehr zugänglich. Im Wahn. Der Fisch beginnt immer am Kopf zu stinken.
So ungern wir es hören, so gut wir es nicht verstehen und so klar, wie wir es derzeit nicht sehen können: Wir sind alle eins. Wir leben alle auf diesem Planeten, wir sind alle Weltbürger und Sternenkinder – aus Sternen entstanden, werden wir am Ende als Sterne vergehen. In der Seele vielleicht unsterblich. In Gedanken verbunden. Eins.
Ach was, wir schicken ein dickes #fickteuch aus dem Arche Noah Bunker und freuen uns darauf, wenn sich Spannungen, Staub und Gliedmaßen gelegt haben und die Welt unser ist.
ILLUSTRATION: KRISTOF TARISZNYAS