Information Overload

Innenleben #52

Ich sitze mit Anne beim dritten Spritzer im Café Carina. Und obwohl ich sonst immer über alles mit Anne rede, hab ich ihr mein Treffen mit Daniel verschwiegen. Anne kennt Daniel schon länger und ich hab’ keine Lust auf BeiDemMusstDuAufpassen, SeineExWarSoUndSo oder FunnyAnekdoteAlsErLetztensBla. Das ist totaler Spoiler-Alert!

„Trinken wir noch eins?“ – Echt jetzt?! Langsam gehen mir die Themen aus. Das einzig Spannende ist eigentlich nur, Anne dabei zu beobachten, wie sie so tut, als wüsste sie nichts von dem Treffen mit Daniel. Aber sie weiß es. Und ich weiß, dass sie weiß, dass ich weiß, dass sie es weiß … und wenn das hier so weitergeht, reden wir bald über das Wetter. Beeindruckend, wie höflich und zurückhaltend Anne da sein kann. Klar brennen mir ein paar Fragen an sie unter den Fingern. Aber ich will grad nicht noch mehr Insider-Wissen über Daniel haben. Dass ich den Burschen gegoogelt habe, versteht sich ja von selbst. Und bitte, was soll ich nun zum Beispiel mit der albernen Information anfangen, dass er keine Kiwis mag? Ich bekomme eher jetzt schon Lampenfieber, wenn ich an meine schauspielerische Darbietung denke: „Wie wär’s mit einem Obstsalat. Ich hab Bananen, Äpfel und äh Kiwis!“ – „Ich mag keine Kiwis.“ – „Eeecht?! Wusste ich nicht.“ Solide Ehrlichkeit ist zwar eher mein Ding, aber bitte, wie blöd wäre es denn, zu sagen: „Ich weiß, hab’ ich gelesen.“

Es gibt ja auch diesen Facebook-Algorithmus. Eh schon wissen. Und angeblich kann Facebook damit auch prognostizieren, ob jemand bald in einer Beziehung sein wird oder nicht. Eigentlich auch ganz klar: Wenn ich öfters mit jemandem hin und her schreibe, seine Posts like und mehr als nur sporadisch auf sein Profil klicke – na no na net find ich ihn interessant. Facebook weiß da grad mehr über unser Verhältnis, als ich es im Moment tue. Facebook weiß, ob Schrödingers Katze lebt oder tot ist. Mhm, gut gesagt. Ein Satz für das Lehrbuch! Okay, langsam spüre ich die Spritzer doch ein bisschen. Konzentration. Die Frage ist doch, ob ich diese Information von Facebook überhaupt haben wollen würde. Denn warum sollte ich jetzt schon wissen wollen, wie unsere Geschichte weitergeht? Was nach dem ersten Treffen, dem ersten Kuss und der ersten gemeinsamen Nacht passieren wird, steht in den Sternen. Und das ist auch gut so. Jeder Moment ist ein erstes Mal. Vielleicht ist es ja genau diese Ungewissheit, die der Zeit des Kennenlernens ihre wundersame Perfektion gibt. Dieses Gefühl der Unendlichkeit. Will ich nun wirklich von Anne noch mehr Informationen über Daniel bekommen oder es einfach selbst erfahren und erleben? Der Vergleich mit Schrödingers Katze stammt übrigens von Sheldon Cooper: Du musst es erst probieren, um zu wissen, ob es funktioniert.
„Das ist die letzte Runde.’ – „Äh ja, zwei Spritzer bitte noch.’ – „Du, ich muss dir was erzählen …’ – „Na endlich! Aber vorne hinweg will ich dir sagen, dass der Daniel echt ein total Netter und Lustiger und Gscheiter ist, aber ich glaub nicht, dass er Beziehungsmaterial ist.’ Na bumm.