Mi, 9. Juli 2014

Von allem was

New Hot Music Shit #40

Heute gibt es beides – Country UND Western! Der anstehende Sommer bringt einen bunten Blumenstrauß an neuen Acts mit; die einzige davon, die sich auch nur als Blumenkind qualifizieren könnte, wäre Courtney Barnett. Hm, Slackerkind träfe es eher – nichts desto trotz hat Fräulein Barnett mir den Sommerhit und Ohrwurm in Songunion beschert: „Avant Gardener“ mit Bob Dylan-Reminiszenz im Video, ein Aug- und Ohrenschmaus. Weil ich aber nicht 24 Stunden den gleichen Song hören mag, gibt es ein schön gemischtes Kontrastprogramm dazu: Spacefunk, bluesige Jack White-Krachgitarren, federleichten Sommer-R’n’B, realitätsnahen HipHop und ein Wiederhören mit meiner Jugendliebe Denis Lyxzén. Enjoy!

Courtney Barnett

Dylans Kind singt und spielt Gitarre – fast besser als old Bob!

Ja, so muss es gewesen sein – Sir Bob war touren in Australien und hat dort vor 26 Jahren ein Töchterchen hinterlassen: Courtney Barnett. Das wird natürlich streng geheim gehalten und die offizielle Version lautet, dass Courtney ganz und gar australischer Produktion entstammt und nun in Melbourne lebt. Der Papa hat ihr „Smoke on the water“ auf der Gitarre beigebracht, der Bruder hat sie mit Nirvana infiziert – zudem sieht sie auch aus wie die kleine Schwester vom Kurt, Zottelhaar und Karohemd inklusive. Nur das Leiden ist nicht ihr Ding. Eher das Beobachten – mit einer Dylanesken Art seziert sie ihre Umgebung und genauso monoton wie grumpy Bob erzählt sie ungerührt und unterhaltsam über Asthma-/Panikanfälle, Gärtnern, Masturbieren, 9-to-5-Jobs. Und spielt dabei so abgefahren Gitarre, wie man es seit langem nicht sah: Linkshändig, ohne Plektrum. Feiner Folk, gerne mit Slide-Einlagen und Hall. Courtney Barnett ist das schlaueste Mädchen, das derzeit einen Platte veröffentlicht und hebt sich ungemein wohltuend von dem Girl-Status Quo ab: kein ätherisches Gehauche, keine Mystik-Instagram-Ästhetik, kein Hipstertum. Nur Courtney.

Für Fans von: Bob Dylan, Jenny Owen Youngs, Lemonheads
Link: www.courtneybarnett.com.au
aktuelles Album: “The Double EP: A Sea Of Split Peas” 15.04.2014 (Mom + Pop)

Shiro Schwarz

Futurefunk, Retrospaceelectro

„Aus Mexiko? Im Ernst? Diese beiden Wesen kommen keinesfalls von unserem Planeten!“ dachte ich, als mir Pamm und Rafa vor die Füße fielen. Besser gesagt: Ins Auge stachen. Denn die beiden Expat-Mexikaner-in-Berlin würden nie und nimmer ungestylt aus dem Haus gehen – immer im aufeinander abgestimmten Partnerlook, sie in weiß, er in schwarz, beide einem Jermaine Jackson-und-Pia-Zadora-Video entsprungen. Die coolsten Kids der Stunde machen Electrofunk mit Hilfe von feinstem Retro-Equipement wie dem Neid-Erweckungs-Synthesizer Jupiter 4, baden in Giorgio Moroder-Fantasien und spielen Tron in kompletter Spielfilmlänge nach. Pamms sexy Stimme macht Rafas spacige Kompositionen so menschlich, dass man sich zusammen mit dem Song ins Bett legen möchte. Die komplette Optik – von den Visuals übers Cover bis zu den animierten Videos – designt Miss Pamm selber. Sehr cool: Shiro Schwarz releast auf echten MCs, auf Musikkassetten. Bestellen kann man den heißen Retro-Scheiß über die Bandseite!

Für Fans von: Mathématiques Modernes, Chromeo, Glass Candy
Link: www.shiroschwarz.com
aktuelles Album: Aktuelles Album: “Exoplanet Love” ultimatives Sammlerstück – limitierte Kassette mit Downloadcode, zu beziehen über die Bandwebsite!

July Talk

Zack, Peng, Krachbumm – Gitarre und zweimal Stimme ins Schwarze

Also, das, was da wie ein Lastwagen mit festgeklebtem Gaspedal auf einen zukommt – dem wird der extrem banale Name July Talk so gar nicht gerecht. Aber ein Name muss immer her, das haben sich wohl auch Peter Dreimanis und Leah Fay gedacht, damit man endlich anfangen kann. Angefangen hat’s mit den beiden auch mit einem Funkenschlag – Dreimanis hört Fay in einer Bar in der Heimatstadt Toronto singen und gründet stante pede besagte July Talk mit ihr – und holte noch Gitarrist Ian Docherty, Bassist Josh Warburton und Drummer Danny Miles an Bord. Diese drei werden aber für immer mit der zweiten Geige vorlieb nehmen müssen, denn der Nukleus sind Peter und Leah. Sie, zart und punkig zugleich, am Mirko mit einem Lächeln und einer geballten Faust, er unverschämt charismatisch und kantig wie ein junger Christopher Walken. Die Stimme, die aus Dreimanis herausröhrt, erinnert allerdings atemverschlagend an Tom Waits. Leah Fay kontrastiert mit Mädchentonlage – match made in heaven. Wird groß!

Für Fans von: Tom Waits, The Kills, White Stripes
Link: www.julytalk.com
aktuelles Album: “Paper Girls” 30.05.2014 (Sleepless Records / Universal)

LIZ

Sailor Moon R&B

Ein Mononym: Cher, Madonna, Beyonce, Aalyah, Rihanna. Und jetzt eben LIZ. Um dem Mononym noch zum Monument zu verhelfen, bitte auch in Großbuchstaben. Das gute an LIZ aber ist, dass sie eine gesunde Portion Humor zu haben scheint, denn sie nennt ihre Musik „Sailor Moon R&B“ und das könnte passender nicht sein. Das Girl aus Tarzana, Californien, ist bei aller quietschbunten Craziness erfreulich down to earth und hat sich nie als was anderes als Mädchen von nebenan oder, noch besser, als eins der Jungs gesehen. Damit kommt das hübsche Ding heute nicht mehr durch, hehe. Aber früher war sie wohl zu dünn und zu flach und fiel so bei ersten Auditions für Girl Groups durch. Machte ihr nix, sie schrieb und sang und tanzte weiter und wenn sie wer featuren wollte, sagte sie, danke, nee, sie habe genug eigenes Material. Und dann kam Diplo aka Major Lazer aka Mad Decent und machte die alte Aalyah-R.Kelly-Nummer komplett. Bleibt zu wünschen, dass der Erfolg ähnlich mega wird und das Ende Happy und kein Crash.

Für Fans von: Beyonce, Annie, Aalyah
Link: www.LIZY2K.com
aktuelle EP: „Just Like You“ (Mad Decent)

APB

Kanada kann Rap

Wieder  Großbuchstaben, wieder eine Kollabo mit Diplo. Aber sonst – alles anders. APB waren früher mal die Airplane Boys. Die Rapper Beck Motley und Bon Voyage hatten beide Väter im und um den Flugdienst, und da seit Kindheit befreundet, hatten sie ihren Namen weg ??. Beim Erwachsenwerden aber verkürzten sie auf APB, das geht ok. Toronto, Kanada, ist ihre Heimat und ihre Beats und ihr Flow hat mit prolligem Eastcoast-Westcoast-Gepose gar nix zu tun: Kein Geldschein flattert, kein Popo twerkt, keine Limo bounct. Die Jungs sehen normal bis cool -in-schwarzaus; Beck Motley sticht besonders hervor, denn er ist klein und schmächtig, mit John Lennon-Gedenk-Brille, Bleistiftschnurri, Geek-Klamotten und irrer Afro-Undercut-Nineties-Matte. Bon Voyage gibt den Loner, in echt aber sind sie Teil einer liebenden Rap-Familie aus dem Stadtteil Scarborough, den sie in einem Song gewürdigt haben. Ultraschnelle Reime, Understatementbeats mit viel Musikgeschichte in der Hinterhand. Anspruchsvoller Spaß!

Für Fans von: Drake, Jay-Z, Outcast
Link: www.theairplaneboys.com
aktuelle LP: „Egos and Expectations“ (Beau Monde)

INVSN

Schweden-Schwermut vom Herrn Lyxzén

Jetzt brauch‘ ich meine Shift-Taste gar nicht mehr umzustellen – auch INVSN mag es großgeschrieben. Bringt auch tatsächlich Ordnung in dieses ganze Namenskuddelmuddel: INVSN – spich Inavsion – ist nämlich ganz neu, aber eigentlich auch schon recht alt und gefühlt hundert Mal reinkarniert. Und das geht so. Denis Lyxzén, Hardcoregott aus Schweden, beschließt, nach Refused und The (Int.) Noise Conspiracy endlich sein ureigenes Solo-Ding zu machen. Er nennt es The Lost Patrol und gibt folkigere Töne vor. Es dauert nicht lange, da meldet eine Ami-Band gleichen Namens Besitzansprüche an. Lyxzén hat inzwischen um etliches Personal erweitert und benennt sie  The Lost Patrol Band. Das reicht den Kontrahenten nicht und die totale Aufgabe des Namens wird gefordert. Lyxzén ist entnervt und macht aus seiner Kapelle „Invasionen“, die komplett auf Schwedisch singt. Nach zwei Alben aber wird es ihm zu eng in Skandinavien und er sehnt sich nach dem Rest der Welt: INVSN ist geboren, englisch wird gesungen und düsterere Rock ist dabei rausgekommen. Endlich!

Für Fans von: Joy Division, Interpol, Sisters of Mercy
Link: www.invsnmusic.com
aktuelle LP: „ Invsn “ 30.05.2014 (Unter Schafen / Al!ve)