Mo, 4. August 2014

Und es war Sommer!

New Hot Music Shit #41

„It must be summer, cause the days are long. And I dial your number but you’re gone, gone, gone“, so beginnt einer der besten Sommersongs, aller Zeiten, persönliche Vorliebe, von den Fountains of Wayne. Hier kommen noch einige Anwärter für Plätze auf dem Sommermixtape 2014 – von karibischen Klängen, Synthiepop, der von einem Dänen produziert wird, über cheesy R’n’B vom coolen Teesy bis zu vertracktem Krautrock, der einem die Wüstensonne in den Nacken brennen lässt, alles dabei. Für heiße Tage und ebensolche Nächte!

Night Sports

Sommerpop aus Kopenhagen!

Die Blogs und Gazetten fangen schon an, über diesen Knaben zu schreiben – und haben zu 90% diesen Satz aus dem Pressetext übernommen: „Ein teuflischer Rick Astley!“ Tja, und nach Überprüfung dieser Aussage muss ich mich anschließen – he’s got the looks of a sexy Schwiegersohn – very sexy. Aber – dann kommt das teuflische ins Spiel! Caspar Bock ist geläutert: Er hatte eine gute Band am Start – Champagne Riot – und tourte mit den Drums durch Europa. Dann fuhren sich verschiedene Beteiligte in die Parade und zu guter Letzt war Bock auch noch so pleite, dass die Armutsgrenze dagegen ein Urlaub im Luxusresort war. Was tun? Na klar, Seele verkaufen. Caspar heuerte in der Werbeindustrie an, kam wieder zu Mammon und reinvestierte in Oldschool-Sythies. Danach zeigte er den Geldgebern den Finger und schreib wunderschöne Songs, die sich nach und nach entfalten – zwischen den Zeilen leidet und windet und seht sich Bock nach Herzenskräften. Love! There’s nothing that matters in this world!

Für Fans von: The Similou, The Knife, Cut Copy
Link: www.nightsports.co
aktuelles Single: „Youthquake“, 28.7.

Teesy

Sommer-R’n’B – auf deutsch!

„Alle ham n Job, ich hab Langeweile, keiner hat mehr Bock auf Kiffen, Saufen, Feiern, so is das hier im Block tagein, tagaus, halt mir zwei Finger an den Kopf und mach PENG! PENG! PENG! PENG!“ – aaahahah, zu Marteria ist Teesy die Anitmaterie, ist das Sommereis gegen den Winterfrust, der Luke Skywalker gegen Darth Vader. Teesy fährt zwar nicht nach Schweden, singt aber von Rom, Paris und Liebe. Jemand dropte den Namen Timberlake, als es um Teesy ging – und liegt da nicht verkehrt. Der Berliner, über Kiel aber nach Hamburg abgewandert, debütiert nun auf Cros Label Chimperator. Der Junge rappt astrein auf deutsch, singt mit geschmeidigem R’n’b-Organ in den schönsten Tönen und produziert seine Tracks selber. Und legt dazu Wert auf Style – Hosenträger und Fliege, versteht sich. Ganz klar will er sich abheben vom street dirt, lieber Streicher und Sinnlichkeit als Machoklopperei. Und wenn man ihn fragt, „Wen liebst DU eigentlich, in deiner Stereoanlage?“, dann sagt Teesy ohne nachzudenken: „Drake!“ Stimmt auch.

Für Fans von: Drake, D’Angelo, Cro
Link: www.teesymusik.de
aktuelle Single: „ Glücksrezepte
“ (Chimperator / Groove Attack) 29.08.2014

Trümmer

Sommerverzweiflung, Tennageangstrock aus Hamburg!

Was zwei Jahr lang gebrodelt hat, findet jetzt seinen Weg über den Topfrand – Zeit zum Überkochen für Trümmer! Auf PIAS kommt endlich das Debütalbum des Trios raus, auf das wie selten gewartet wurde. Waaas, haste echt noch nie von gehört? Na, dann schnell nachholen! Trümmer sind Paul Pötsch, Bassist Tammo Kasper und Schlagzeuger Maximilian Fenski. Deutsch gesungener Rock’n’Roll, der die Jungs auf die Bühnen vom Haldern Pop, dem Deichbrand, dem Melt! und dem MS Dockville Festival gebracht hat – und das alles ohne Debütalbum oder Brimborium im Internet. Nicht einmal eine Band-Website oder eine Facebook-Seite fand man von Trümmer, eine bewusste Entscheidung. Wer die drei aber live gesehen hat, der konnte ahnen, wie man sich vielleicht bei frühen Nirvana-Shows gefühlt haben muss, zumindest aber wie bei den ersten Tocotronic-Konzerten. Trümmer sind cool, politisch und sexy – geht’s eigentlich besser? Wenn du Gitarren magst, liebst du Trümmer.  Und wenn du trotz Sommer scheiße drauf bist, bist du nicht mehr alleine. Glaub‘ mir.

Für Fans von: Blumfeld, Tocotronic, White Lies
Link: www.truemmer.tv/
aktuelle Single: „Trümmer
“ (Pias) 22.08.2014

Bear Hands

Sommerindierock aus Brooklyn, New York!

Hurra, hab‘ ich mir gedacht, als ich „Agora“ hörte, das klingt sommertauglich! Die Single von Bear Hands hat irgendwie ausgesprochen an „I love Lake Tahoe“ von der Band A aus den späten 90ern erinnert. Dann aber mal auf den Text geachtet, und, hoppla – nix mit happypeppi. Denn hier geht es um die Agoraphobie des Sängers Dillon Rau. Cool, dachte ich mir – schöner Mix aus außen Pop und innen Angst. Die Boys kombinieren das auch wirklich patent: In feiner Indierock-Manier wird verhandelt, was die Seele quält, jedoch auch Liebe, oh ja! Wenn man sich den Background betrachtet, wundert’s nicht. Denn Rau und Ted Feldman kennen sich von der gleichen Kunsthochschule, die sie mit den Sweethearts von MGMT teilten. Zur kompletten Band gehören noch Val Loper und TJ Oscher, die dem Postpunk entstammen – macht auch Sinn. Die Punkroots wurden aber abgestreift und nun sind Bear Hands in vollster Popmontur unterwegs. Trotzdem wirken sie herrlich unhip. Die unehelichen Kinder von Thom Yorke, Kurt Cobain und der Bloodhound Gang!

Für Fans von: MGMT, Maximo Park, The Automatic
Link: www.bearhandsband.com
aktuelle EP: „Distraction“ (Warner Music) 08.08.2014

Brace/Choir

Sommer-Avant-Psychedelic-Post-Krautrock zum mal-drüber-nachdenken!

Well, well, well – sieben Minuten lang, die Single? Kann man das, darf man das machen? Sicher. Darf man alles, nicht nur, weil man aus Berlin kommt, wo eh alles erlaubt ist. Die Berliner Alex, Max und Dave sind auch tatsächlich aus den USA, nur Christoph hält die Kraut-Fahne hoch. Das dafür ordentlich: Krautrock par excellence, wunderschön und wunderlang, wie es sich gehört. Als  Multiinstrumentalisten ihres Zeichens begeben sich die Boys hier auf eine Autobahnfahrt mit Americana-Einflüssen, bei denen es an flirrenden Synthies nicht fehlen soll. Ebenso gibt es ein fantastisch dahintreibendes Schlagzeug im original NEU!-Sound und schön verschwurbelte Gitarren – astreine Festivalmusik! Ich muss gestehen – als ich den Track zufällig im Nachtprogramm vom Sender meines Herzens hörte, blieb ich in Unterhose und mit Zahnbürste im Mund solange stehen, bis – Gott sei Dank – im Anschluss der Bandname verraten wurde. Dass die Band dann auch noch vom Qualitätslabel TAPETE RECORDS gesignt wurde, freut umso mehr. Danke!

Für Fans von: NEU!, Godspeed You! Black Emperor, Madrugada
Link: www.bracechoir.com
aktuelle LP: „Turning On Your Double“ (Tapete Records) 08.08.2014

Dinner

Sommer-NewWave-Retro-Hommage mit Genderdiskurs, sehr schön!

Ja, ja, ja, geb ich zu – den hätt‘ ich doch glatt gern als Dinner, hehe. Der Däne Anders Rhedin wohnt, wie es das Klischee will, in Berlin und werkelt von dort aus. Erst zögert ich und zuckte zurück – das war schon arg viel geplanter Style, der erste Eindruck. Aber, turns out, der Knabe kann und weiß, was er tut. Und er tut es gut! Mit einer eindrücklichen Stimme à la Ian Curtis schwebt Anders über getragenem Wave-Pop, der zeitlos und doch modern klingt. Muss man anerkennen, jawohl. Im Video zu „Going Out“ (Ob sich hier eine Reminiszenz zu Joe Jacksons „Steppin out“ verbirgt, hmmmm?) wird eine Party gefeiert, auf der ich auch gerne gewesen wäre – die 90er geben den 80ern die Hand und Boy George, Kevin Rowland und die kompletten Frankie Goes To Hollywood sind auch eingeladen. Anders ist mal ein Faun, mal trägt er Frauenklamotten und küsst Mädchen, mal küssen sich Jungs – und wo war ich? Warum haben die mich nicht angerufen? Unverschämtheit. Und unverschämt gut.

Für Fans von: Joy Division, Twin Shadow, Interpol
Link: www.bracechoir.com
aktuelle LP: „OUI!“ (Red Eye Transit) 12.09.2014