Mo, 31. August 2015

Solokünstler unter sich... und eine Band

New Hot Music Shit #52

Das mit den Bands, das ist so was: Erst rauft man sich zusammen, dann rauft man eventuell miteinander. Trennung. Im Schlechten, wie im Guten – oftmals muss der Weg allein weitergegangen werden, damit der eigene Stern verdientermaßen hell scheinen kann. Wie bei Georgia etwa. Oder bei Gwilym Gold. Beide spielten in namhaften Formationen, bevor sie die Solo-Arschbombe machten. Petite Noir hingegen hat mit unbekannten Mitstreitern sein Können geschmiedet, ehe er seinen Glanz nutze, um sich alleine drin zu sonnen. Aber es gibt ja auch noch Bands, jawohl, Bands, die Hippie genug sind, um die kollektive Liebe zu proben – Sea Moya hat sich zu einem Gruppenego verschmolzen und ist trotzdem – oder deshalb – superguter Dinge.

GEORGIA

COOLE BEATS VOM NEUEN UNDERGROUND-IT GIRL

2000er Grime, Dub, Post-Punk, Hip Hop – alles drin im Erstling der 25-jährigen Multiinstrumentalistin. Georgia Barnes stammt aus dem Westen Londons und ist die Tochter von Neil Barnes, seines Zeichens Hälfte des immens einflussreichen Triphop-Duos Leftfield. Baby Georgia hat als Mädchen erstmal richtig geil Schlagzeug spielen gelernt, bevor sie an der Londoner School of Oriental and African Studies Musik studierte. Ganz praktisch erwies sich auch ihr Job an der Rough Trade-Verkaufstheke, wo sie unter anderem Kwes, Micachu und Kate Tempest kennen lernte – und gleich mal in deren Bands trommelte. Jeder, der diese Frau auf einer jener Touren gesehen hat, musste damit rechnen, dass ein Sturm ausbrechen würde. Jetzt lässt Georgia den Orkan aufsteigen und veröffentlicht ihr Debütalbum: Komplett von Barnes geschrieben, gespielt, produziert und in ihrem Homestudio aufgenommen. Das Ergebnis von zwei Jahren obsessiver Arbeit und eines von unersättlichem Musikhören gekennzeichneten jungen Lebens.
Für Fans von: M.I.A., Azelia Banks, Light Asylum
Link: http://georgiauk.com/
Aktuelle LP: „Georgia“ (Domino Rec)

PETITE NOIR

NOIR WAVE MIT AFRIKANISCHEM TWIST

Yannick Ilunga, 24 Jahre alt, in Brüssel geboren, hat einen kongolesischen Vater und eine angolanische Mutter, die die Familie nach Kapstadt umsiedelte, als Yannick sechs war. Obwohl es für einen Schwarzen in Südafrika nicht gerade typisch ist, stand er voll auf Punk und Metall – und heuerte als Sänger in einer Doublebass-Metalcore Band namens „Fallen Within“ an. Die Megametallphase war allerdings vorbei, als er Kanyes „808s & Heartbreak“ hörte – lebensalternierend nennt er die Erfahrung. Der gar nicht kleine Petite Noir verschrieb sich fortan nach einem Ausflug ins Chillwavige mit der Band „Popskarr“ dem dem Noir Wave – südafrikanische Elemente, Shuffle-Grooves und Marimba mit düsterem Indiepop, plus auflösendem Dur-Akkord. Und, peng, beim Hören hagelt es Querverweise zur Popgeschichte: Ian Curtis hat sich einen neuen Körper gesucht, New Order zieht es in die Anfangstage zurück. Das LCD Soundsystem schaut vorbei und sogar U2-Gitarren sind auszumachen. Mos Def hat schon geremixt – das geht ab!
Für Fans von: Foals, TV On The Radio, Massive Attack
Link: https://www.facebook.com/petitenoir1
Aktuelle LP: „La Vie Est Belle / Life Is Beautiful“ (Domino Rec)

SEA MOYA

ELEKTROPOP MIT AFROBEAT-KRAUTROCKEINSCHLAG

Ja schau, das hätte man nicht gedacht beim ersten Hören: Die drei Buben von Sea Moya kommen aus Mannheim, Deutschland (…ein Schelm, wer Popakademie da denkt!). So weit, so typisch untypisch: Der Sound hat ohne Weiteres internationales Niveau und ist gleichermaßen modern wie auch zeitlos – Synthies, die Tribalflöten imitieren und hypnotische Beats ausspucken. Dann kommt der Gesang dazu – und ein bisschen fühlt man sich an Notwist erinnert. Genau, so war das doch damals: Die Weilheimer verbandelten Elektronika mit Indie-Ästhetik aufs Beste. So ist das auch mit den Sea Monkeys, pardon, mit Sea Moya. Die scheinen die 70er genauso zu lieben wie das Hier und Jetzt – ob Can oder Tame Impala, frühe Phoenix oder Daft Punk, Sinkane oder Mount Kimbie, alles wird in den Topf geworfen. Mit gezielter Hand, versteht sich. Dazu Einsätze von Funk und vertrackter Rhythmik – voilà, gelungenes Debüt!
Für Fans von: Toro y Moi, Mount Kimbie, Caribou
Link: https://www.facebook.com/seamoyaband
Aktuelle EP: „Twins“ (Heist Or Hit Records)

GWILYM GOLD

DOWNBEAT PIANO-ELETRONIKA

Man sieht sich mindestens zweimal im Leben – oder wie geht das Sprichwort? Einmal beim Aufstieg, einmal beim Abstieg? Mister Gold ist sicher nirgendwo unten zu treffen – der ging einfach weiter Richtung oben. Das erste Mal hat man ihn gesehen, als er 2008/2009 mit seiner damalig peppigpoppigen Band Golden Silvers einen Wirbel auf dem Tanzflur machte – „True Romance“ war ein echter Indie-Floorfiller. 2010 löste sich die Art- Pop-Band auf und Gwilym arbeitete an anderen Fronten: Mit „Bronzeformat“ entwickelte er eine App, mit der seine EP „Tender Metal“ abgespielt werden konnte – und zwar nur damit und in einer Form, die einen Song nie exakt zweimal gleich wiedergab. Crazy. Nun lässt er sich aber doch auf ein gängiges Format ein und hat sein Album „A Paradise“ gleichbleibend sehr gut aufgenommen, gemeinsam mit seinem Co-Produzenten und langjährigen Kollaborateur Lexxx (Wild Beasts, Fatima Al Qadiri, Darkstar). Durch und durch erlesen, gekonnt ruhig, arty, super!
Für Fans von: Radiohead, Metronomy, Sigur Rós
Link: http://gwilymgold.com/
Aktuelle LP: „A Paradise“ (Brille / [PIAS] Cooperative)

— Nina Kränsel