Mi, 1. April 2015

Magische Momente vom Solo bis zur Supergroup

New Hot Music Shit #49

Es ist die Summe der einzelnen Teile, das wussten schon Kante, die einen Song zu etwas Besonderem macht. Zu einem Hit. Und es ist eine rätselhafte Alchemie, die eine Band zusammenklebt und ihre Aura über die der anderen Bands hinaushebt. Was den Zauber genau ausmacht, kann man nicht sagen – sonst wären wir ja alle Platinsongschreiber und mit Jay-Z und Beyoncé befreundet. Und was genau der Funke von Benne, YOCO, The Pins oder vom Nowhere Train ist, lässt sich zwar ungefähr benennen und umreißen, doch ihr Geheimnis verraten sie uns nur beim Anhören der Musik, wenn der Song zu deiner Situation passt wie Faust aufs Gretchen, oder wenn sich live eine Gänsehaut deinen Rücken hinunter schlängelt. Blankes Fühlen.

Benne

Traurig kuscheln unter der Bettdecke

Nimm‘ mal an, du trennst dich von deinem Freund, deiner Freundin, aber auch irgendwie nicht so richtig – ihr seht euch an und einer von euch weint und der andere weiß auch nicht, ob das Ganze richtig oder falsch ist. Und weil es ein verregneter Sonntagmorgen ist und der Fußboden saukalt und die Mitbewohner das Bad blockieren, weil ihr eigentlich gar nicht auseinandergehen wollt, liegt ihr noch im Bett, zieht euch die Decke über den Kopf und küsst euch traurig noch viele letzte Male. Und später läuft Benne auf deinem Rechner und bei dem einen Song, da denkst du, Scheiße, ja. Und beim nächsten, fuck, es wird schon gehen. Dass Benne – deutsch singender Twentysomething-Songwriter aus Oedheim, dann Berlin – mit Sebastian Kirchner, dem Produzenten von Adel Tawil, zwei Jahre lang an seinem Debut gearbeitet hat und die Platte angenehm ausgewogen produziert ist, interessiert dich im Moment gar nicht. Dass dir die ganze unverbrauchte Kraft der Lyrik einer verwandten Seele in den Kopf und den Bauch strömt – um so mehr.
Für Fans von: Niels Frevert, Echt, Gisbert zu Knyphausen
Link: bennemusik.de
Aktuelle LP: ‚Nie mehr wie immer‘ (Ferryhouse Production)

The Pins

Wut, Krawallgitarren, Ultrastyle und kein Schwanz

Ok, zugegeben: Das soll zum unbedingten Weiterlesen verleiten, das mit dem fehlenden Glied. Billig! Aber mir ist jedes Mittel recht, diesem Quartett aus Manchester jede Aufmerksamkeit zu verschaffen. Nicht, dass die vier jungen Frauen es nötig hätten, dass man auf ihrem All-Girl-Status herumreitet. Nicht im Geringsten – das Quartett ist eine geballte Macht auf der Bühne, ihr Post-Punkrock ist hookig, edgy und kickt Arsch. Faith, Anna, Lois und Sophie sind die legitimierten Töchter der großartigen Runaways. Die Pins haben sich aber ganz allein im Reagenzglas gezeugt– ohne Hilfe eines erfolgsgeilen Mannes à la Kim Fowley. Und um es mit Peaches zu sagen: Boys wanna be them, girls wanna be them. Und wahrscheinlich wollen auch beide Parteien noch einiges mehr von dem Vierer. The Pins leben in einer fantastischen Frauenwelt, in der Sex und Kreativität, Style und Selbstvertrauen selbstverständlich sind. Wenn man aus diesem Paralleluniversum zurückkehrt, weiß man eins genau: Die Welt braucht mehr Mädchenbands.
Für Fans von: Crystal Stilts, Vivian Girls, Best Coast
Link: http://www.wearepins.co.uk/
Aktuelle Single: ‚Too little too late‘ (Bella Union)

Joco

Magisch-minimalistischer Geschwisterbund

Es scheint zu klappen mit den Wünschen an Frau Santa Claus: da bittet man um mehr Girl-Combos und schon wird einem eine in die Playlist gelegt. Joco sind aber nicht nur ein reines Mädchenteam, sie sind auch noch ein Geschwisterpaar. Familienunternehmen in der Musik haben einen ganz bestimmten Zauber inne, den man niemals künstlich kreieren könnte. Eine Intimität, die in Gewalt ausarten kann – siehe Oasis – oder in verstörenden Kunstpop – wie etwa von The Knife – oder in Zeiserl-gleichen, perfekten Harmoniegesang. Die Beach Boys an erster Stelle genannt als Beispiel für verwandtschaftliche Erfolgsgeschichten. Die stimmlich ebenso verwobenen Schwestern Josepha und Cosima Carl, aufgewachsen in Nordfriesland, ausgebildet am Niederländischen Konservatorium und beim Popkurs an der Hamburger Hochschule für Musik, inszenieren ihren reduzierten Folk-Pop auf Klavier, Gitarre, Stimme und Schlagzeug/Percussion – weit weg von Rock oder Dreck, ganz nah an glaszarter, handwerklich handfester Perfektion.
Für Fans von: Kate and Anna McGarrigle, Judee Sill, Coco Rosie
Link: http://www.jocomusic.com/
Aktuelles Album: ‚Horizon‘ (Columbia)

Nowhere Train

Country-Verlockung der Supergroup

Die Familie kann man sich nicht aussuchen, die Band schon. Auch wenn man sich im Proberaum manchmal fühlt wie umzingelt von der buckligen Verwandtschaft. Mal ein Päuschen machen vom immer gleichen Trott und eine befeuernde Affäre eingehen mit einem ähnlich tickenden Hirn wie dem eigenen, das wäre was! Dachten sich Ryan Carpenter, Stefan Deisenberger, Ian Fisher, Jakob Kubizek, Frenk Lebel, Martin Mitterstieler, Stephan Stanzel und Ivo Thomann von den Bands A Life, A Song, A Cigarette, The Bandaloop, Love and Fist, Ian Fisher (and the present, past and future), Junior, Play The Tracks Of, Naked Lunch, Frenk Lebel, Brennholz.Rocks, the Muny Musicaltheater St.Louis und Jenseide Filmproduktion. Diese Orgie an musikalischem Genie und kreativer Instrumentenfertigkeit mündete in die Supergroup Nowhere Train, die zwar nicht mehr taufrisch ist, dafür aber ein umso aktuell-heißeres Album dieser Tage herausbringt: Komplett analog eingespielt in der Cselley Mühle und im April live auf Tour – z.B. in Wien am 20.4. im Stadtsaal.
Für Fans von: Monsters of Folk, Crosby, Stills, Nash & Young, Travelling Wilburys
Link: http://nowheretrain.com/
Aktuelles Album: ‚Tape‘ (Recordbag)