Mi, 3. Feb 2016

Eurosonic Special

New Hot Music Shit #55

Das Jahr beginnt und damit auch die Festivalsaison, denn im Jänner lockt das voluminöse Eurosonic ins niederländische Groningen – dieses Mal zum mittlerweile 30. Mal und mit über 300 Bands. Und da soll man sich jetzt gerade mal vier aussuchen! Aber es war ja schon schwer genug, alle, die man sehen wollte, auf einen Stundenplan zu bekommen. Wer’s geschafft hat, Hut ab – wer nicht, dem ging’s wohl ähnlich: Man stolpert auf dem Weg zum Wunschact in ein Ve- nue und, bäm, da spielt schon wieder eine mehr als beeindruckende Band – warum nicht die gucken? Highlights gab es genügend: DeWolff, Honne und Mugwump, um nur einige zu nennen. Natürlich hatte Musikösterreich ebenfalls einiges zu bieten: Zum Beispiel HVOB, Julian und der Fux oder Leyya! Apropos Austria: Ab sofort präsentieren wir im New Hot Shit immer mindestens zwei neue, heiße österreichische Bands on top. Dieses Mal: Little Big Sea und Hearts Hearts!

RATIONALE

80S-R’N’B-SOULPOWER

Der Mann der Stunde heißt Tingshé Fazarkerly. Oder auch Tinashé. Uneinigkeit beim Fact-Checken – das Netz weiß so gut wie NICHTS über diesen Produzenten und Sänger aus London. Um die 30, mit elf aus Zimbabwe nach London gekommen, vermutlich in Hackney wohnhaft. Das ist rauszukriegen – und auch, dass er 2011 die „Nur noch ein Jahr bis Olympia!-Party“ auf dem Trafalgar Square eröffnet hat und damals als „Tinashe“ firmierte – mit bereits aufkeimendem Erfolg. Der Boy ist also ein gut gehütetes Geheimnis, das in den letzten Jahren vor sich hin gebrütet hat, um demnächst zu explodieren. Aus dem gutmütigem Indiefolkpop ist nun eine dunkle Blume erwachsen, die Fazarkerly als Rationale hegt und pflegt: R&B, Pop, Elektro, Soul, 80er-Referenzen – und eine Stimme, die sich entfaltet wie ein aufgewickeltes Origamiblatt. Auf der Bühne hat er eine ganze Band bei sich, ein Zunicken an die alten Indietage. Demnächst wohl in ganz groß, beim Eurosonic noch Geheimtipp.
Für Fans von: Drake, Pharrel Williams
Link: http://www.iamrationale.com
Aktueller Release: „Something for Nothing“

AURORA

POP, DARK FOLKPOP

Sie kommt aus Bergen in Norwegen, ist 19 Jahre alt und dabei, ein Star zu werden. Große Begabung hat sie, eine Stimme, die mühelos vier Oktaven umspannt und beim Eurosonic wurde sie heiß gehandelt. Dort lief es einem auch kalt den Rücken hinunter, als Aurora ein David Bowie-Cover raushaute: „Life on Mars“ brachte eine proppenvolle, quasselnde Halle auf null Dezibel Zuschauerlärm und auf 100% Aufmerksamkeit. Enorme Props gibt’s für die absolut beklemmende, verquere Performance – da macht jemand, was sie will. Gut so! Denn der riesige Pop, der dabei rauskommt, ist schlau wie interessant – und zugänglicher denn je. Aurora wird von ihrer Plattenfirma als „verrückt, verspielt und niedlich“ promotet. Was einer unglaublich sexistischen Beleidigung gleichkommt. Mit diesem Ausnahmetalent hat die Musikszene Norwegens ein Ass im Ärmel, das das Zeug zu einer intellektuellen wie kommerziellen internationalen Größe hat. Und hoffentlich eine Ära einläutet, in der junge Frauen in der Öffentlichkeit nicht gleichbedeutend mit diesen Adjektiven wahrgenommen werden.
Für Fans von: Kate Bush, Florence and the Machine
Link: www.aurora-music.com
Aktueller Release: „All my Demons greeting me as a Friend“

BLOSSOMS

INDIEPOP

Blossoms ist ein flotter Fünfer aus Manchester, der im Britpop der 90er schwelgt. Ergreifende Harmonien, mehrstimmig im Zeiserlchor und mit Jauchzen in den oberen Tonhöhen, wie es einst Brett Anderson vorgemacht hat. Die dünnen Buben berufen sich auf Vorbilder wie die Arctic Monkeys oder die Courteeners, mit denen sie auf Tour waren. Stimmt absolut – aber noch viel mehr sind Tom Ogden, Charlie Salt, Josh Dewhurst, Joe Donovan und Myles Kellock die Reinkarnation der Lads, die in den 90ern den englischen Indie- Rock-Pop der breitesten Öffentlichkeit nahe brachten und nebenbei Grunge K.O. schlugen. „We want to be as mainstream as Will Smith, as great as the Smiths“, sagt Odgen und hat brav bei Damon Albarn gelernt, der seine Band in jedem Radio dudeln hören wollte – raus aus dem Indie Ghetto, rein in die Charts! Beim Eurosonic spielten die leicht Manchester-ravigen – Charlatans und Stone Roses lassen grüßen – Hoffnungsträger im Huize Maas ein intimes Konzert.
Für Fans von: The Coral, Arctic Monkeys
Link: www.blossomsband.co.uk
Aktueller Release: „At most a Kiss‘

PAUW

PSYCHEDELIC ROCK

Die Sache mit dem perfekten Outfit haben sie drauf: Pauw materialisieren sich aus Klang- und Staubpartikeln aus den 60er und 70er Jahren. Vom Schlapphut über das Paisleyhemd bis zur indischen Baumelkette und dem langen Haar ist alles da in der richtigen Farbe, aus dem richtigen Stoff, auf dem richtigen Ton. Sie sind eine holländische Retrosensation und bezeugen wieder einmal, dass inzwischen alle Musikstile gleichzeitig existieren können, losgelöst von Raum und Zeit. Die Lust am Wiederaufbereiten eines schon hinreichend bestehenden Zeitgeistphänomens ist auch immer total berechtigt – jeder kann der Kunst etwas generell Neues beisteuern. Was dabei natürlich von Vorteil ist, wenn die Sache gut gemacht ist. Und das ist bei Pauw der Fall: Die Band schüttelt psychedelische Hymnen und Paisley-Pop aus dem Handgelenk, das nicht nur in Byrds-Akkorden geschult ist, sondern eben auch das Revival des Psychedelic aus den 80ern und 90ern zitiert. Ein einziger Trip, der perfekt aufgeht.
Für Fans von: Jesus and Mary Chain
Link: www.pauwband.com
Aktueller Release: „Marcrosocm Microcosm‘

SPOT ON AUSTRIA: HEARTS HEARTS

HERZ MIT SEELE

Manchmal findet man sie ja doch noch, die ungeschliffenen Rohdiamantenen. So muss es zumindest jedem Melodie aber doch auch Exzentrik verliebten Musikfan gehen, der zum ersten Mal die Single „Hunter Limits“ des jungen Wiener Quartetts Hearts Hearts hört. Ein bisschen Thom Yorke vielleicht, ja. Manche würden da auch noch die ausufernden Arrangements von alt-J dazu dichten. Wie auch immer: Mit „Young“, ihrem Debütalbum, zaubern Hearts Hearts zehn zwar melodieorientierte, aber immer auch gerne in experimentelle Jamsessions ausartende Songs hervor, die von Pathos wie von Zurückhaltung gleichermaßen leben. Analoge Instrumente werden mit zarter Elektronik vermischt – verwoben, verwinkelt, mitreißend. In der Nische „Experimental Pop“ sind Hearts Hearts das Beste, was man sich momentan anhören kann. Auch live – wie am Wiener Badeschiff im Rahmen des Waves Vienna oder bei ihrer Release Show in der Grelle Forelle bewiesen – sphärisch, breitgefächert, schlichtweg atemberaubend.
Für Fans von: alt-J
Link: www.heartshearts.net
Aktueller Release: „Young‘

SPOT ON AUSTRIA: LITTLE BIG SEA

TRAUMHAFTER POP

Folctronica, Dreampop: Little Big Sea, Trio aus Wien, präsentieren dieses Jahr ihr Debüt „Sister“. Dass Sängerin Marlene im ersten Video zur Single „Portugal“ gleich mal so aussieht wie Marlene Dietrich, macht das Ganze natürlich nur noch besser. Abgesehen davon, dass sie also die good looks gepachtet haben, sind die drei richtige Soundtüftler: Gunther hört da zu Hause gern mal Mozart, während Lukas an den Beats bastelt. Marlene zupft dann die Gitarre – oder leiht wie gesagt dem Projekt ihre wunderbar verruchte aber elegante Stimme. Die Band kennt sich schon ewig, was die Zusammenarbeit natürlich enorm erleichtert. Man versteht sich mittlerweile so gut wie blind, was gerade auch bei der Liveumsetzung der groß angelegten, sehr aufwendig arrangierten Songs weiterhilft. Was im Songwritingprozess in einfacher Manier mit Gitarre und Stimme entsteht, wird, so die Band, dann gern auch mal mit viel Hall, Klang, Effekt überzogen. Damit es dann eben auch ein bisschen dreamy wird. Also: ab ins Traumland.
Für Fans von: Beach House, Leyya
Link: facebook.com/LittleBigSea
Aktueller Release: „Sister‘