Fr, 30. Januar 2015

Die müssen's ja wissen: The BBC Shortlist 2015

New Hot Music Shit #47

Alljährlich zu Jahresbeginn ruft die BBC einen beachtlich großen Haufen an Leuten zusammen, die sich blitzgneissermäßig mit Musik, Popkultur und the very latest hottest shit überhaupt auskennen, um von denen die BBC Shortlist des jeweiligen Jahres zusammenzustellen zu lassen. Leutchen von Vice, NME, Kerrang, Deezer, The Boiler Room, MTV, Shazam, etceterapepe – insgesamt genau 139 –, die als Superspürnasen für geile Bands gelten, reichen ihre Vorschläge an Künstlern ein, von denen sie denken – oder hoffen –, dass diese durch die Decke gehen werden. Binnen des Jahres, mehr oder weniger. Dann wird geheim gevoted und eine destillierte Liste von 15 Acts präsentiert. Daraus werden noch einmal fünf als die heißesten Sahnestücke gewählt, und, voilá, her it is, the infamous BBC Shortlist! Und weil die Dudes gerne richtig liegen – zum Beispiel in den vergangenen Jahren mit Sam Smith, Elli Goulding, Haim, Jessie J, Little Boots, Adele, Mika, Keane oder 50 Cent –, stell‘ ich hier nur zu gerne die ganze Liste vor – plus meinem Favoriten aus der Longlist. Auf geht’s – die BBC Shortlist 2015!

Years And Years

Platz eins – Electropop aus 90s-House und R’n’B gemixt

Diese Boys haben alle überzeugt: stolze Numero Uno für 2015! So darf man zu Recht Großes erwarten, denn wer sich auf dem Siegerplätzchen getummelt hat, hat’s früher schon weit gebracht – wie 50 Cent etwa. Die drei sexy Jungs haben ihr Hauptquartier in London aufgeschlagen. Bassist Mikey Goldsworthy und Synth-Mann Emre Turkmen sind cool-talentiert am Instrument und fesch, der klare Star aber ist Sänger und Keyboarder Olly Alexander, der reihenweise Mädchen- und Jungenhöschen zum Schwitzen bringt. Seine Starlorbeeren hat er auf Vorrat schon beim Schauspielen, wie bei „Skins“ etwa, gesammelt. Neben der umwerfenden Stimme sorgt aber auch seine Ausstrahlung für eine einzigartige Aura der Band. Gänsehaut! Der Sound schwebt sanft durch den Raum und man will ihn gerne ausgiebig inhalieren. Die Kids haben schon Sam Smith supportet und waren mittlerweile auf Kitsuné – man bedenke, dass alles ganz schnöde angefangen hat, als Mikey Olly unter der Dusche singen hörte und ihm darauf sagte: „Mann, hast ne echt gute Stimme!“, Respekt!
Für Fans von: Aaliyah, Blue Cantrell feat. Sean Paul, Flying Lotus
Link: yearsandyearsofficial.com
Aktuelle Singles: „Desire“ und „Kid“ (Polydor Ltd.) am 6.3.

James Bay

Platz zwei – Folkie mit alternativen Soulwurzeln

„Hold back the river, let me look in your eyes, hold back the river, hold back!“ Das ist eine echte, totale Hymne, die sich sofort ins Ohr gebohrt hat – genauso wie „Let it go“, ein weiterer Knaller aus der Feder dieses Herrn mit Hut. Der uneheliche Sohn von Johnny Depp und Jack White, der üblicherweise in leckeren engen schwarzen Röhrenjeans steckt, hat sein Handwerk brav gelernt: Er war auf dem Brighton Institute of Modern Music, weshalb er auch unfassbar gut Gitarre spielt. Sein musikalisches Erweckungserlebnis hatte er allerdings, als er als 11-Jähriger eine Eric Clapton-Platte seines Vaters anhörte und unbedingt das Opener-Riff von „Layla“ spielen können wollte. Hat ein bisschen gedauert, aber jetzt, mit 24, spielt er endlich alle großen Dinger auf der Insel des Pop. Den Fuß in die Tür bekam er übrigens, als er als völliger Nobody für einen Live-Slot in Fearne Cottons Sendung „Live Lounge“ auf Radio 1 gebucht wurde – als Ersatz für Lana Del Ray, die kurzfristig die Biege gemacht und abgesagt hatte.
Für Fans von: Mumford & Sons, Ed Sheeran, Bruce Springsteen
Link:
www.jamesbaymusic.com
Aktuelle EP: „Other Sides“ (Republic Records)

Stormzy

Platz drei – harter HipHop-Grime

Das Initiationsalter für aufwachsende Popstars scheint sich bei 11 Jahren eingependelt zu haben: Stormzy aka Michael Omari aus dem Südlondoner Bezirk Croydon ging als Kid auf Rap-Battles ins Jugendzentrum um die Ecke, um sich mit jedem anzulegen, der ihm in die Quere kam, verbal versteht sich. Und da gab es kein Erbarmen: Mütter wurden gedisst und extrem expliziter Content verbreitet, bis jeder um Gnade winselte. Der Kleine ist mittlerweile sehr groß, 21 Jahre alt und sieht reif, sympathisch und erwachsen aus. Intelligenz scheint ihm aus dem Gesicht, aber sein Herz sei ein großes Kind sagt er, immer noch. Eine schräge Mischung – aus metallhart in die Fresse und halsbrecherischem Tempo – ist auch seine Musik: Stormzy ist Grimer, mehr, als er Rapper ist. Und will dem Grime zum Phönix-aus-der-Asche verhelfen. Kann gut sein, dass er das schafft: Er war der erste und einzige ungesignte Rapper, der bei „Later with…Jools Holland“ auftreten durfte, er ist der Ringträger, gekrönt von Wiley, dem Grime-Papst selber, um das Erbe anzutreten.
Für Fans von: Sade, Banks, Mike Skinner
Link: www.facebook.com/stormzyofficial
Aktuelle EP: „Not that deep“ (The heavy trackers Ltd)

Raury

Platz vier – Alternative mit HipHop-Savvy

Ganz schön Genre-übergreifend ist das jüngste Kind aufm Block: Der 18 jährige Raury aus Atlanta treibt sich zum einen in Gefilden rum, in denen sich Outcast – auch aus Atlanta, übrigens – wohlfühlen, dann kommt ein Popmoment, der King Krule anspielt. Darauf sammeln sich die Fugees zum Lagerfeuer-Jam mit Bon Iver. Ich kann mir gut vorstellen, dass Raury-Boy das auch in echt gern macht: Am Lagerfeuer rumhängen, Gitarre spielen und einen durchziehen. Ein verträumter Schluffi ist er aber auf keinen Fall, denn er ist Singer, Songwriter, Gitarrist und Produzent. Wow! Und, wie kann es anders sein, mit drei dachte er sich seinen ersten Song aus, der von Fischlein handelte und mit 11 brachte er sich via Youtube-Videos Gitarre spielen bei. Das kann er jetzt schon viel besser als Bob Dylan. Auf Youtube ebenso vertreten, darf er sich dort einer hurtig steigenden Klick-Anzahl und sich potenzierender Fan-Gemeinde erfreuen. Mit prominenten Anhängern: Lorde hat ihn eingeladen, beim Soundtrack zu „Hunger Games: Mockingjay“ mitzumachen.
Für Fans von: André 3000, Bon Iver, Kid Cudi
Link: www.weraur.com
Aktuelle EP: „Cigarette Song“ (Love Renaissance)

George The Poet

Platz fünf – Spoken Word Poetry

Spoken word poetry in eine Musik-Kolumne? Exakt. George The Poet hätte es verdient, als Dichter Nummer Eins der US Billboard Charts zu werden. Denn dann würde die Welt eine bessere sein, kein Ironie hier weit und breit. Der 24-Jährige aus dem Nord-Westen Londons ist Sohn ugandischer Einwanderer und wurde von seiner Mutter auf die mehr als strenge Queen Elizabeth’s School in Barnet geschickt, wo er englische Disziplin üben musste. Nach den Schulstunden hörte er Eminem und Nas und sah seinen Kumpels zu, wie sie sich als Kleingangster versuchten, weil Rap ihnen das so vormachte – während George die Bibel las, kein Scheiß. Religiös ist er heute nicht mehr, sondern studiert Politik, Psychologie und Soziologie am Cambridger King’s College und sagt, dass Rapper die Macht, die sie haben, weise nutzen sollten – statt einem Kid Bock auf Gewalt zu machen, sollte es Lust auf Bildung bekommen. Deshalb nennt er seinen Grime-infiltrierten Rap auch lieber Poesie. Die aber richtig, richtig gut und pumpend abgeht. Ich staune und finde das wirklich toll.
Für Fans von: Hoffnung, Mut, Weltverbesserung
Link: www.facebook.com/georgethepoet
Aktuelle Single: „Cat D“ (Island Records)

Shura

Meine Wahl – eleganter Elektropop

Unter den 15 ausgewählten Künstlern der BBC Longlist gab es ganze drei Bands (eine mit Sängerin), sonst nur Solokünstler und ein Duo. Der Frauen-Anteil belief sich auf drei. Nichtsdestotrotz ist mein Favorit 2015 weiblich und solo – Shura hat’s auf meine Bestenliste geschafft. Sie klingt nicht unbedingt mega außergewöhnlich, doch ihre Stimme hat etwas angenehm Vertrautes für mich – wie eine Erinnerung an einen schönen Sommer. Vermehrt klingt bei ihr für mich die Schwedin Annie an, die ich immer toll fand. Shura ist aber viel mehr Kind ihrer Zeit: Sie hat sich Videoschnitt, Audioengineering und Produktion mittels Youtube-Videos beigebracht und hat ihr musikalisches Schicksal selber fest in der Hand. 23 Jahre alt und aus London, Tochter einer russischen Schauspielerin und eines britischen Dokumentarfilmers – plus ein Bruder, der Drum’n’Bass DJ war. Soweit die Gene und der Einfluss, den sie selber um Massive Attack und Blood Orange (die sind auch geil!) aufstockt, aber jetzt ist Shura selber dran.
Für Fans von: Annie, La Roux, Madonna
Link: weareshura.com/
Aktuelle Single: „Indecision“ (Bsessi Ltd)