Als gestern heute morgen war

New Hot Shit #74

Wenn man das analoge Zeitalter noch aus eigener Erfahrung kennt, hat man nicht nur den Vergleich, sondern kann sich sicher sein, dass man selber definitiv ein paar Jahre mehr auf dem Buckel hat als der neueste heiße Scheiß beziehungsweise die Menschen, die ihn machen. Und wenn dann die Menschen aus der neuen Zeit zum einen so viel cooler und besser am Instrument sind als man selbst damals, sich zum anderen aufs Beste optisch und musikalisch retrospektiv bedienen – dann weiß man, es ist Zeit, sich über die Zeit Gedanken zu machen. Und das tun wir jetzt!

Änn

Österreichs eigene Feist

Wenn Alina Nimmervoll so weitermacht, wie sie anfängt, steht der gebürtigen Kitzbühelerin eine beachtliche Karriere bevor. Alina aka Änn ist grade mal 22 und stammt aus der Musiker-Generation Z: Junge Talente, die ihre Gabe früh fördern können, Pop studieren oder die eigene Kunst an den Akademien ausbilden lassen. Was in unseren Breitengraden ein paar Jahre früher der Masse an Musikern schlicht nicht zur Verfügung stand, aber auch so manchem DIY-Verfechter nicht so schmeckte: Ist das noch cool, wenn es auf der Schule gelernt wurde? Tatsächlich hebt diese Entwicklung den Standard rasant auf ein internationales Niveau. Änn bringt alle Bedingungen für ein langes, gehaltvolles Musikerleben mit: Sie singt unglaublich gut und komponiert beachtlich souverän. Darüber hinaus haben ihre Lyrics angenehmen Tiefgang und keinen Moment wirkt sie wie ein Retortenprodukt. Denn sie hat Aura – genau das, was in keiner Schule der Welt antrainiert werden kann. Best of all worlds. Das wird Österreichs eigene Feist!

Für Fans von: Feist, Emiliana Torrini, Camera Obscura
Link: www.facebook.com/aennofficial
Aktueller Release: „Vienna“

Pauls Jets

Die Newcomer des Jahres?

(c) Philipp Schuster

2016 nahm der heute 20-jährige Paul Buschnegg die ersten Demos auf, schon damals mit dem Prädikat: experimentierfreudig in Wort und Songstruktur! Mittlerweile sind Bassistin Romy Park und Schlagzeuger Xavier Plus mit an Bord und Pauls Jets veröffentlichen „Alle Songs bisher“. Ein ironisch tiefstapelnder Albumtitel, denn die Erwartungen sind hoch. Als neue Redelsteiner-Entdeckung werden Pauls Jets von vielen als Newcomer des Jahres gehandelt. Zurecht: Das junge Trio beweist auf seinem Debüt ein ähnlich ausgeprägtes Gespür für Hooks wie Wanda. Darüber hinaus sind ihre Lieder einnehmend charmant und verbreiten eine Herzenswärme wie Rocko Schamonis „Der Mond“. On top sind die Drei auch noch live vielversprechend. Zum diesjährigen FM4 Geburtstag lieferten sie ein abwechslungsreiches Set mit anregendem Indie-Pop und unberechenbaren NoiseAusbrüchen ab. Die Band, die zu poppig für den Punkschuppen und zu noisig für die Ö3-Bühne ist, bewegt sich auf spannendem Terrain – wir behalten sie im Auge.

Für Fans von: Isolation Berlin, Gurr, Wanda
Link: www.facebook.com/aennofficial
Aktueller Release: „Alle Songs Bisher“

KeKe

La donna selvaggia di Vienna

(c) Lousy Auber

Album gibt’s noch keines und trotzdem ist KeKe bereits auf dem Universal-Sublabel MOM I MADE IT gelandet. Verdient, denn sie mixt harten Rap und energiegeladene Performances mit gefühlvollem Gesang und zeigte kürzlich auf der Label-Party im Wiener Flex, dass ihr die Gratwanderung liegt. Mittlerweile finden sich schon Musikvideos der gelernten Jazzsängerin im Netz, trotzdem geht da noch mehr, denn von Sättigung kann hier wohl keine Rede sein. Zumindest hat KeKe mit den bisherigen Veröffentlichungen ihren musikalischen Referenzrahmen abgesteckt und mit viel Attitüde eine Art Mission Statement formuliert: viel zu laut, viel zu weit, viel zu schlau! Bescheiden ist das zwar nicht, aber das wäre auch langweilig. In den nächsten Monaten sollen weitere Nummern folgen. Auf die titelgebende wilde Frau ihrer ersten Single „Donna Selvaggia“ angesprochen, sagt sie: „Ich habe den Track geschrieben, weil ich das Bedürfnis hatte, die Frauen in meinem Leben zu feiern. So that’s what I did.“ Wir feiern KeKe!

Für Fans von: Princess Nokia, Ebow
Link: www.facebook.com/kekeoffiziell
Aktueller Release: „Validé“

Lex Audrey

Elektronischer Indie-Pop 2.0

(c) Lea Foeger

Millenials oder Digital Natives – egal, es trifft womöglich beides auf das Trio Lex Audrey zu. Niklas Pichler, Patrick Pillichshammer und Lukas Staudinger kommen aus Oberösterreich, sind nun aber in Wien zu verorten … so recht viel mehr Privates lässt sich über die Burschen im Netz dann nicht mehr rausfinden. Interessant daher, dass sie als großes Thema für ihr Debütalbum die Allgegenwart und Allmacht der digitalen Welt gewählt haben. In den abgehangenen, vielschichtigen zwölf Songs auf „No Intention of Changing The World“ zeigen sich Pichler und Co. lebensweise, musikalisch äußert versiert und fast zu gut, um wahr zu sein. Das hier ist aber kein bearbeitetes Selfie, es ist wahres Talent mit einem Schuss Selbstironie: Sie geben nur zu gern zu, mit dem Telefon in der Hand zu leben und sind viel zu schlau, um ins Gefällige abzudriften. Ihre Musik bleibt immer magenziehend-melancholisch und sehnsüchtig nach einem Platz, den es vielleicht nie gab. Das hätten Radiohead nicht besser hingekriegt.

Für Fans von: Metronomy, Zoot Woman, Bon Iver
Link: www.lexaudrey.com/
Aktueller Release: „No intentions of changing the world“

Notebooks

Echter Alternative-Rock wie früher

Alles kommt, geht und fließt: Notebooks klingen, als wäre es Mitte der 90er, als die ersten Alternative-Rock-Bands den Sprung aus den Jugendzentren auf die Majors schafften. Herrlich melancholisch klingt das Trio mit der Gitarre-Gitarre-SchlagzeugBesetzung. Dass man sich der guten, alten Zeit so unprätentiös bedienen kann, ist eine Kunst. Notebooks beherrschen sie deshalb so gut, weil sie keine Nostalgiker, sondern Menschen aus dem Jetzt mit gutem Geschmack und noch besserer Musik sind. Die zu benennen wissen, was klassisch ist und was geht. Einen Spin auf modern/alt machen die Jungs schon allein mit ihrem Namen: Notebooks. Computer? Doch Papier bleibt. Ein kluger Flirt mit einer Vergangenheit, die nicht mal ganz vorbei ist und ein großer Teil der musikalischen Persönlichkeit des Jugend-Ichs für viele war. Wir werden alt! Doch wenn das mit so frischen Burschen wie Notebooks geht – bitte sehr!

Für Fans von: Jimmy eat world, Mineral, Sunny day real estate
Link: www.notebooksmusic.com
Aktueller Release: „Nowhere left to hide“

Soia

Moderner Jazz-R’n’B aus aller Welt

(c) Ina Aydogan

Soia und ihr Produzent Mez ergänzen einander wie das Ying das Yang und lassen gemeinsam ihre weltmusikalischen Wurzeln spielen – Mez als halber Israeli, in Italien geboren und Soia mit erlebten Jahren in Asien und einer Liebe zum äthiopischen Jazz. Jazz ist überhaupt das Stichwort, das ihre Musik aus der Masse hebt und zauberhaft wie besonders macht. Die Beats sind modern, cool gesetzt und nie zu viel. Die beiden beherrschen die Kunst des Weglassens aufs Beste und konzentrieren sich ausschließlich darauf, dem Song zu dienen. R’n’B-Elemente, Hip-Hop – J Dilla taucht am Horizont auf – und Samples mit verspielten Melodien lassen die Kompositionen abgehangen dahin grooven. Doch die blitzende Krone ist der Jazz! Aber nix mit Nerd-Gefrickel: Soia serviert die Einflüsse so selbstverständlich, wie es zuletzt in den 90ern mit Acid-Jazz gelang. Tanzbar und sexy trotz hohem Anspruch. Diese Balance hinzukriegen, das können nur wenige.

Für Fans von: Neneh Cherry, Björk, Superorganism
Link: www.soia.at
Aktueller Release: „Where magnolia grows“