Di, 8. November 2016

Zurück in die Zukunft

Bad Religion im Interview

Wenn man sich mit Brian Baker auf Zeitreise durch mehr als 30 Jahre Bandgeschichte begibt, merkt man schnell, dass man nicht nur einen äußerst sympathischen wie reflektierten Punkrocker vor sich hat, sondern vor allem, dass die Songs seiner Band auch nach all den Jahren immer noch eine brisante Aktualität an den Tag legen, die ihresgleichen sucht. Egal, ob es um Religion, Medien oder Politik geht … Brian und Konsorten haben mit ihrer stets bissigen Sozialkritik Lieder geschaffen, die 2016 so relevant sind wie zu ihrer Entstehungszeit. VOLUME hat sich mit dem Gitarristen einige Klassiker etwas genauer angeschaut.

You (1989) – Frei nach der Songzeile „there’s a place where everyone can be happy“ … wo befindet sich dieser Ort, an dem alle glücklich sein können?  

Ein Bad Religion Konzert ist ein Ort, an dem alle glücklich sein können! Wir spielen diese Nummer sehr oft und es ist großartig, zu sehen, wie sie den Leuten im Publikum ein Lächeln aufs Gesicht zaubert. Ich bin wirklich sehr stolz auf diesen Song, denn viele unserer Fans sind mit ihm aufgewachsen und mögen ihn immer noch. Es ist einfach eine positive Nummer!

Und wo ist dein ganz persönlicher ‚happy place‘?

Auf der Bühne! Was ich tue, ist vielleicht ein bisschen technischer als das, was das Publikum macht – aber ich bin auch da und ebenfalls glücklich.

No Control (1989) – Was lässt dich die Kontrolle verlieren?

Ich habe ein massives Problem mit Scheinheiligkeit und Ungerechtigkeit – beides verärgert mich wirklich zutiefst! Eine erfolgreiche Gemeinschaft kommt, meiner Meinung nach, ohne Hierarchie aus. Wenn ich dann aber beispielsweise Donald Trump sehe, der mit Hass und Rassismus die Angst und die Wut der Leute schürt, nur um selbst davon zu profitieren, werde ich richtig wütend. In Bezug auf Selbstkontrolle kann ich stolz sagen, dass ich keinen Alkohol mehr trinke. Das ist super! Ich kann meine Freunde nach den Shows nach Hause fahren. Ich habe am nächsten Tag keinen Kater. Ich treffe keine verrückten, nächtlichen Entscheidungen mehr und ich bin schon lange nicht mehr völlig planlos in Mexiko aufgewacht.  

Das ist dir wirklich mal passiert? 

Ja, es waren wilde Zeiten. Das ist aber schon lange her. Ich finde es mittlerweile besser, die Kontrolle über meinen Geist zu halten.

21st Century (1990) – Es scheint fast so, als hättet ihr mit diesem Song 26 Jahre in die Zukunft geblickt ..

Ja, die Nummer ist bis heute unglaublich aktuell. Es ist wirklich großartig, mit welcher Sicherheit Brad und Greg darin vorausgesagt haben, wie die technologischen Entwicklungen uns alle beeinflussen werden. Bis heute hat der Song nicht an Relevanz verloren. Wir haben nur für eine Zeit lang ‚Valium‘ durch ‚Prozac‘ ersetzt, weil Prozsac mal die In-Droge war. Jetzt singen wir wieder ‚Valium‘ … keine Ahnung, was die Kids von heute sonst noch so nehmen.

American Jesus (1993) – Der Song stammt aus dem Album ‚Recipe for Hate‘ … was wäre dein Rezept gegen Hass?

Verständnis! Außerdem wäre die Abschaffung von Religion auch ein unglaublicher Beitrag für eine zukünftig friedlichere Welt – aber das ist nur meine Meinung als Atheist. Dennoch polarisiert Religion seit Beginn der Menschheit und sorgt immer wieder für Hass und Intoleranz. Mir erscheint die ganze Institution so lächerlich, doch für viele Menschen ist sie unantastbar. Dennoch frage ich mich, wie könnt ihr nach den Lehrer der Bibel leben und gleichzeitig Menschen wie Dreck behandeln?

Sorrow (2002) – Wie viel revolutionäre Kraft hat Musik heutzutage noch im Vergleich zu den 80ern oder 90ern?

Einerseits bin ich davon überzeugt, dass Punk oder Rock immer noch ordentlich revolutionäre Power haben. Anderseits besteht im heutigen Mainstream nicht mehr unbedingt die Notwendigkeit dazu, egal in welchem Genre. Man definiert sich heutzutage nicht mehr so stark über die Musik, die man hört. Sie ist oft nicht mehr Teil der eigenen Identität. Außerdem ist Musik für viele junge Menschen zum Hintergrund verkommen und wird dementsprechend produziert. Das verwässert natürlich ihren eigentlich sehr revolutionären Charakter, der noch immer sehr viel Potenzial in sich birgt.

Los Angeles Is Burning (2004) – Welche Rolle spielen Medien in Zusammenhang mit internationalen Konflikten?

Sie gießen Benzin ins Feuer! Die allgegenwärtige Natur der Medien hat zu einem Ausmaß an Kontrolle geführt, das es noch nie zuvor gegeben hat. Apps und Informationsseiten sammeln Daten. Im Hintergrund laufen Dinge ab, von denen der Durchschnittsuser überhaupt keine Ahnung hat, nur um möglichst Nachrichten zu liefern, die dem Nutzer gefallen könnten – und das alles mit dem Ziel noch mehr zu verkaufen! Erschreckend ist auch, welche Macht Fehlinformation heutzutage entwickeln kann und wie die Politik damit verstrickt ist … z.B. in Bezug auf Brexit oder unsere Präsidentschaftswahl. Die Flammen der Empörung werden im Dienste des eigenen finanziellen Profits geschürt – das hat nichts mit Staatsführung zu tun.

Fuck You (2013) – Wer verdient zum Abschluss ein gepflegtes ‚fuck you‘ von dir?

Fuck you, Donald Trump! Fuck you, republikanische Partei. Global gedacht möchte ich auch noch alle Klimawandelleugner grüßen: Fuck you! Handelt jetzt oder schwimmt für immer!

Fotos: Pascal Riesinger