Mi., 25. März 2026

"Wir sind eben keine TikTok-Band"

Velvet Wasted im Interview

Direkt ins Belohnungszentrum und das, ohne dass man sich wie in einem 15-sekündigen Swipe-Fiebertraum fühlt: Velvet Wasted haben endlich ihr Debütalbum „Everleaf“ rausgebracht und liefern uns mit elf starken Indie-Rock-Songs ein Manifest, sich ruhig mehr Zeit zu nehmen. Für komplexe Intros, fürs soft- und wasted-Sein, fürs Zusammenwachsen und fürs Erwachsenwerden. Mit VOLUME redet die Band über ewiges Grünsein (auch hinter den Ohren) und gibt Einblick in eine Album-Produktion, die sich erst ganz zum Schluss selbst einen Titel gegeben hat.

Max (Gesang), Anthony (Bass), Sandro (Gitarre), David (Drums) (c) Nils Eberwein

Hallo Max und Sandro. Erstmal Glückwunsch zum Debüt! Die Release-Woche liegt hinter euch. Wie fühlt sichs an?

Max: Es ist wahnsinnig spannend und ehrlich gesagt auch ein bisserl surreal, dieses Album jetzt endlich als physisches und digitales Etwas in der Hand zu halten, weil da einfach unzählige Stunden an Gedankenarbeit, Herzblut und roher Energie eingeflossen sind. Wir sind momentan einfach nur extrem happy, dass wir es jetzt endlich herzeigen können.

Was hat es mit diesem ewig blühenden Blatt auf sich und wie passt das in eure Lebensrealität?

Max: „Everleaf“ ist ja dieses Kunstwort des „ewig grünen Blattes“. Einerseits steht es für etwas, das den Anspruch hat, ewig zu währen und nicht zu verblassen, während wir auf der anderen Seite die letzten zehn Jahre unseres Lebens aufarbeiten. Wir beschäftigen uns mit dieser Zeit nach dem klassischen Sturm und Drang, die man wohl wissenschaftlich als Adoleszenz bezeichnet: also eine Art verlängerte Jugend, in der man zwar irgendwie schon „im Leben steht“, aber gleichzeitig von all den Erkenntnissen und intensiven Gefühlen dieser Übergangsphase fast erschlagen wird.

Sandro: Im Nachhinein blickt man dann zurück und findet genauer raus, wer man damals war und was einen dazu gebracht hat, hierhin zu kommen, wo man jetzt ist. Das machen wir alle gemeinsam mit diesem Album.

Fühlt ihr euch durch den Release jetzt eigentlich erwachsen?

Sandro: Niemals. Und das wird auch so bleiben.

Max: Ich vertrete ja die Theorie: Alle Menschen sind für immer Kinder, nur mit und ohne Falten. Für uns fühlt sich das Musikmachen und das Bandgefüge heute immer noch genauso frisch und unbedarft an wie ganz am Anfang, egal was im Ausweis steht. Das zeigen wir auch mit dem Album.

Was sind Momente, mit denen ihr beim Älterwerden gestruggelt habt?

Max: Das Schwierigste am Älterwerden sind zweifelsohne die Abschiede. Sei es nun das Ende einer Liebe oder der endgültige Abschied von Menschen, die sterben, was eben ein unvermeidbarer Teil des Prozesses ist. Wir versuchen auf dem Album zu ergründen, wie man in einer Welt, die sich oft so negativ und erdrückend anfühlt, trotzdem positiv bleiben kann, und am Ende ist der Konsens von „Everleaf“ ganz klar. Es ist absolut okay, all diese Gefühle zu haben und einfach Mensch zu sein, inklusive der schlechten Wochen und dem Privileg, dass Dinge auch mal scheitern dürfen.

Euer Bandname vereint ja schon im Titel zwei Extreme, den weichen Samt und das „Wasted“-Sein. Wo im Album findet sich das wieder?

Sandro: Wir haben auf dem Album Songs, die entweder die totale „Velvet“-Seite oder den kompletten „Wasted“-Vibe bedienen, aber der Titeltrack „Everleaf“ ist für mich persönlich genau der Punkt in der Mitte, an dem alles zusammenläuft. In diesem Song erkennen wir uns als Band und als Individuen am besten wieder, weil er genau diese Balance zwischen Sanftheit und Eskalation hält. Velvet und Wasted. Fliegen und fallen.

Ihr betont immer wieder, wie wichtig euch euer Zusammenhalt als Gang ist. Wenn ihr euch jetzt gemeinsam einen „Everleaf-Garten“ anlegen würdet, was würde da in den Beeten und dazwischen wachsen?

Max: Da wir als Menschen doch sehr unterschiedliche Charaktere sind, wäre dieser Garten wahrscheinlich ein ziemlich wilder und bunter Mix aus verschiedenen Welten. Mein eigener Teil wäre vermutlich ziemlich klar strukturiert und geordnet, der Rest des Gartens wahrscheinlich wunderbar durchwachsen.

Sandro: Genau, da würde Struktur auf absolutes kreatives Chaos treffen, aber am Ende des Tages wäre alles auf jeden Fall extrem bunt und vor allem mit sehr viel Liebe zum Detail gestaltet. Das spiegelt auch genau unser Yin- und Yang-Prinzip wider, das uns als Band ausmacht: Gegensätze, die sich ergänzen und Balance herstellen. Velvet und Wasted.

(c) Johanna-Lea-Lassnig

„Everleaf“ soll ja für die Ewigkeit stehen. Wenn ihr einen einzigen Moment aus eurer bisherigen Bandgeschichte konservieren könntet, welcher wäre das?

Sandro: Da hat wahrscheinlich jeder von uns sein ganz persönliches Highlight im Kopf. Ich dachte als Erstes an den MotoGP-Auftritt aber für mich war es definitiv der Moment im alten Proberaum, als der Titeltrack entstanden ist. Wir dachten eigentlich, wir hätten schon genug Material für das Album, aber plötzlich hat sich alles so richtig miteinander verbunden und es hat einfach „Klick“ gemacht, sodass wir sofort wussten: Das ist nicht nur ein Song, das ist der Kern von allem und deshalb muss das Album auch genau so heißen.

Max: Dem kann ich nur zustimmen, das war ein wahnsinnig intensiver und intimer Moment, vor allem weil wir ja wirklich alles in Eigenregie machen und solche Augenblicke, in denen ohne große demokratische Abstimmung sofort alles klar ist, einfach das Schönste an der gemeinsamen Arbeit sind.

Ihr schwimmt ja bewusst gegen den Strom der 15-sekündigen TikTok-Hooks. Warum glaubt ihr, dass die Leute 2026 gerade so ein Album brauchen, das sich Zeit lässt?

Sandro: Wir finden das gerade in der heutigen Zeit extrem wichtig, weil sich durch die ganze Entwicklung mit der KI alles immer weiter vom eigentlichen Menschsein wegzubewegen scheint und wir uns genau diese Unvollkommenheit und Echtheit bewahren wollen. Musik ist für uns eines der menschlichsten Dinge überhaupt und ein notwendiger Anker gegen diese ständige Reizüberflutung, der wir alle täglich ausgesetzt sind. Du wirst auf „Everleaf“ also  auch komplexe, längere Intros finden.

Max: Wir sind definitiv keine Band, die krampfhaft versucht, viral zu gehen, sondern wir wollen lieber kontinuierlich mit unserem Publikum wachsen und die Leute bei unseren Konzerten wirklich erreichen. Wir machen alles selbst, vom Booking über das Label bis hin zu den handbedruckten Shirts, weil wir glauben, dass man diese Liebe und die investierte Zeit am Ende einfach hört und spürt. Wir sind eben keine TikTok-Band und wollen das auch gar nicht sein.

Ihr habt ja schon ordentlich Kilometer gemacht und Support-Slots für Bands wie die Steaming Satellites gespielt. Gibt es ein spezielles „Tour-Ritual“, das ihr euch abgeschaut habt?

Max: Wir gehen die Sache eigentlich ziemlich nonchalant an. Also ich denke, wir haben keine dieser typischen Band-Rituale, wir nehmen uns vor der Show nicht mal rituell in den Arm oder so, meistens rauchen die anderen noch schnell eine und dann geht’s los. Das Einzige, das ich wirklich konsequent mache, ist das Ausdrucken und Verteilen der Setlist, und das eine Mal, als ich das vergessen habe und wir sie händisch schreiben mussten, war das schon etwas störend für meine innere Ordnung.

Sandro: Ich bin vor den Auftritten meistens ziemlich unter Strom, aber ich habe mir mittlerweile einen kleinen Flohmarkt-Teppich für mein Pedalboard besorgt, der mir ein Gefühl von „Zuhause“ gibt. Das ist wie ein kleines Stück Wohnzimmer, das mir auf der Bühne die nötige Ruhe gibt.

(c) Lesteve

Euer Auftritt beim MotoGP, wo ihr die Nationalhymne neu interpretiert habt: Wie viel Rebellion steckte in eurer Version der Hymne?

Sandro: Wir haben uns da echt viele Gedanken gemacht. Uns war es extrem wichtig, diese doch sehr traditionelle Hymne in ein völlig neues, rockiges Gewand zu stecken und damit auch ein bisserl mit den alten, festgefahrenen Strukturen zu brechen. Das hat sich für uns einfach richtig angefühlt.

Max: Ich als „reingeschmeckter“ Austro-Schwabe habe zu den klassischen österreichischen Traditionen ja sowieso einen etwas anderen Zugang. Für mich war es deswegen ein echter Ritterschlag, weil ich hierhergekommen bin, mich in dieses Land und in eine Österreicherin verliebt habe, und dann vor so einer Kulisse die Hymne zu spielen, war ein Moment, den ich sicher nie vergessen werde. Außerdem: Beim Auftritt ist statt unserem Bassisten Anthony ein Bassist aus Weißrussland, Nikita Baranov, eingesprungen. Für ihn war dieser Auftritt anscheinend auch eine Erleichterung beim Erlangen der österreichischen Staatsbürgerschaft, was das Ganze noch wertvoller macht.

Was ist das Ziel für Velvet Wasted im restlichen Jahr 2026?

Sandro: Wir wollen jetzt natürlich so viele Konzerte wie möglich spielen, viel über das Album reden und hoffen natürlich auch, dass der Sound im Radio gespielt wird.

Max: Ich will auch bewusst die gemeinsame Zeit als Band genießen und endlich die Früchte dieser unzähligen tausend Arbeitsstunden ernten, die wir in „Everleaf“ gesteckt haben. Wir wollen raus auf die Bühnen und das Ganze mit den Leuten feiern.

Da sind wir dabei! Am Samstag, 28.03. in Graz im Dom im Berg. Support: Amargo