VOLUME Backstage mit Harry Jenner

Ein Blick hinter die Kulissen der Musikbranche

Wenn gut fünf Monate vor dem Festival bereits alle Wochenendpässe ausverkauft sind, muss man wohl etwas richtig gemacht haben. Harry Jenner und seinem Team ist dieses Kunststück heuer zum Frequency 2019 gelungen. Wie er das geschafft hat, welchen Künstler er am Frequency auf keinen Fall verpassen will und welche Veränderungen er in den letzten Jahren in der Musikbranche so beobachtet hat, hat er uns im Interview verraten.

Teil 1 – Jobporträt Festivalveranstalter

Wie lautet deine offizielle Jobbezeichnung?

Wahrscheinlich geschäftsführender Gesellschafter. Ich muss zugeben, dass ich es gar nicht genau weiß, es ist mir aber auch egal.

Was macht dein Unternehmen genau?

Mein Unternehmen veranstaltet Festivals, Events und Konzerte.

Wie würdest du jemandem, der keine Ahnung von der Branche hat, deinen alltäglichen Job beschreiben?

Aufstehen, Zähne putzen, duschen, anziehen, in die Firma fahren, E-Mails checken, wichtig sein, heimfahren, fernschauen, Bier trinken, schlafengehen.

Hast du klassische Arbeitszeiten?

Nein.

Wann hast du gewusst, dass du in dem Bereich arbeiten möchtest?

Die Idee hatte ich erstmals, als ich mit 19 oder 20 auf einer Geburtstagsfeier von einer Freundin im WUK war. In den Veranstaltungsraum gehen gut 500-600 Leute rein, sie hatte zehn Schilling Eintritt verlangt und da war alles voll. Damals habe ich gedacht: „Das kann ich auch!“ Nur, dass ich keine Geburtstagsfeiern veranstalten wollte.Und dann war meine erste Veranstaltung gleich bummvoll.

Du bist also in die Branche gerutscht?

Ich habe mir zumindest nicht wochenlang den Kopf zerbrochen, was ich machen könnte, wo ich viel Geld verdienen könnte oder Ähnliches. Vielleicht hat das Ganze einfach Spaß gemacht – Party machen und dann noch Geld damit verdienen, mal zu schauen, was geht.

Welche Ausbildung würdest du Leuten empfehlen, die deinen Job machen wollen?

Es gibt sehr viele Event Management Zweige und für Leute, die Events im kleineren Rahmen machen wollen, sind diese sicher gut geeignet. Wie man aber ein Festival für 50.000 oder ein Rolling Stones Konzert für 90.000 Leute veranstaltet, kann man meiner Meinung nach nicht rein theoretisch lernen. Das geht nur „learning by doing“.

Was sollte man an Vorerfahrung mitbringen?

Es gibt so viele Bereiche bei uns, also kommt es ganz darauf an, in welche Richtung man gehen will. Wir vergeben zum Beispiel Praktika. Es gibt bei uns (Barracuda Music GmbH ) alle sechs Monate ein Praktikum im Produktionsbereich und eines im Promotionsbereich. So etwas ist bestimmt ein ganz guter Anfang, um mal reinzuschnuppern.

Dein Tipp an alle, die im Musikbusiness durchstarten wollen?

Schwierige Frage. Wie gesagt ist die Musikbranche ein breites Business. Es gibt Pressearbeit, Marketing, Social Media, Produktionsleiter, Booker, Stagemanager. Wir haben alleine in der Buchhaltung schon sechs Leute. (lacht) Um Fuß zu fassen, ist es wohl am besten, seine Stärken zu finden, um im richtigen Bereich einzusteigen.

Teil 2 – Harry Jenner im Porträt

Frequency ist so früh ausverkauft wie noch nie. Gratulation dazu. Alles richtig gemacht, oder?

Ja, und ich möchte da gleich hinzufügen, nicht nur ich habe alles richtig gemacht, sondern wir alle, unser ganzes Frequency-Team. Alleine bringt man so etwas nicht zustande. Dass mehr oder weniger fünf Monate vor der Veranstaltung die Festivalpässe ausverkauft sind, hat es in Österreich noch nie gegeben. Natürlich sehr wohl wegen dem tollen Line-Up, aber unsere Besucher kommen auch sehr gerne zum Frequency selbst. Und das war mir immer ein Anliegen, dass man es so wahrnimmt – als einzigartiges Event. Wir sagen ja auch „Wie Urlaub, nur anders“.

Auf was freust du dich am meisten?

Wenn das Festival vorbei ist, wir geiles Wetter hatten, alle zufrieden nach Hause gehen und gerne wiederkommen. Das Team ist happy, die Bands waren happy. Dann ist es das Beste überhaupt, weil man alle zusammen genommen sicher 60.000 – 70.000 Leute glücklich gemacht hat.

Was kannst du aus deinem Line-Up heuer besonders empfehlen?

Billie Eilish. Mittlerweile kein Geheimtipp mehr, aber beim Buchen war sie noch eher unbekannt. Inzwischen ist sie ein riesen Act geworden. Darauf freue ich mich wirklich, bei mir rennt das Album rauf und runter. Gott sei Dank ist es uns gelungen, sie zu buchen, und wir freuen uns wie ein „Nackerpatzerl“, dass wir eines von den wenigen Festivals in Europa sind, auf dem sie spielen wird.

Du hättest wahrscheinlich noch Tausende Karten mehr verkaufen können, doch die Kapazität ist am Limit. Wird und kann das Frequency nächstes Jahr überhaupt noch in St. Pölten bleiben?

Wir wollen mal nicht gierig werden, das wäre glaube ich der Anfang vom Ende. Wir haben eine tolle Leistung hingelegt, wollen den Erfolg aber nicht überstrapazieren. Es ist wichtiger, noch an der Qualität zu schrauben. Wir haben einiges verbessert im Vergleich zu 2018. Zum Beispiel haben wir das Gelände teilweise vergrößert, im speziellen den Campingplatz. Ich glaube, mit der Traisen haben wir auch eine europaweit relativ einzigartige Venuesituation und „Wie Urlaub, nur anders“ passt wie die Faust aufs Auge, wenn alle gechillt mit dem Campingsessel und einem kühlen Getränk in der Hand im Fluss sitzen. Das wird nicht mehr besser werden und das wollen wir auch erhalten.

Wie hat sich dein Festival in den knapp 20 Jahren verändert? Inhaltlich, technisch, musikalisch?

Das ist eine so umfangreiche Frage, da könnte ich mit einem siebenstündigen Monolog antworten. Eine kurze Antwort wäre: einiges. Musikalisch gesehen hat sich das Frequency rund 2015/16 ziemlich verändert, es ist einfach eine neue Generation, die deutlich anders tickt, als Besucher dazu gekommen. Technisch? Ja, wir hängen heutzutage fast 800m² LED an die Wand. Darüber hinaus gibt es wie bereits erwähnt immer wieder Neuerungen am Gelände. Hunderttausend verschiedene Sachen eben.

Und wie sieht es allgemein in der Musikbranche seit deinen Anfängen aus?

Deine Frage umfasst da jetzt fast 26 Jahre … Man kann sich das wie bei der Technik vorstellen. Heute habe ich ein Tablet in der Hand, das mehr kann, als ein Computer, der damals kaum auf meinem Schreibtisch Platz gehabt hätte. In einem ähnlichem Ausmaß hat sich die ganze Branche verändert.

Um Bands aus Österreich steht es gerade besser denn je. Oder wie siehst du das?

Hier gab es definitiv eine massive Veränderung. Die letzten Jahre ist eine sehr starke, auch internationale, österreichische Szene entstanden. Natürlich gab es in allen Jahren immer wieder österreichische Highlights, die wir dann am Frequency hatten. Aber diese Acts sind in den letzten Jahren immer mehr geworden, was mich sehr freut für die Musikszene unseres Landes. Und für uns gibt es nichts Geileres als einen Headliner aus Österreich.

Was bringen dir Kooperationen mit Sponsoren wie beispielsweise der HOFER KG?

Ich glaube, die Frage ist weniger, was bringen sie mir, sondern was bringen sie dem Frequency Publikum. Erstens bringen sie ihnen günstigere Tickets und zweitens bringen die Sponsoren auch einen Service, wie zum Beispiel Hofer vor Ort.

Und wie viel Schlaf bekommst du während deines Festivals?

Immer mehr (lacht). Man wird älter und braucht mehr Schlaf. Darüber hinaus hat man ein immer besseres Team hinter sich, die brauchen dann den alten Papa nicht mehr und können das schon alleine machen. Am ersten Festival kam ich drei Tage gar nicht ins Bett, mittlerweile kann ich schon bis etwa 08:00 Uhr schlafen, wenn nicht gerade irgendwo mal wieder der Hut brennt.

Ist ja fast wie Urlaub (nur anders). Danke fürs Gespräch!