Di., 13. Okt. 2026
„Unsere Sachen sind meistens ironisch, manchmal besoffen, aber niemals dilettantisch!“

„Unsere Sachen sind meistens ironisch, manchmal besoffen, aber niemals dilettantisch!“

METTERNICH im Interview

Granteln gehört in Wien bekanntlich zum guten Ton! Und kaum eine Band versteht es so gut, daraus Rockmusik zu machen wie Metternich. Mit ihrem neuen Album „RETOURKUTSCHE“, das am 2. Oktober 2026 erschienen ist, meldet sich die Wiener Strizzirock-Truppe vier Jahre nach „Oidakalyptus Now“ zurück. Zwischen Kindheitstraumata, Alltagsfrust, Nostalgie und jeder Menge Schmäh zeigen die vier Musiker, dass sich musikalischer Anspruch und eine ordentliche Portion Selbstironie keineswegs ausschließen.

Im VOLUME-Interview sprechen Metternich über die Entstehung ihres neuen Albums, die Herausforderungen von Rockmusik im Wiener Dialekt, fragwürdige Klischees der Musikbranche und darüber, warum man sich für gute Musik ruhig ein bissl mehr als 30 Sekunden Zeit nehmen sollte.


Auf ein Wort zum Einstieg: Eine „Retourkutsche“ verteilt man ja meistens dann, wenn man davor einstecken hat müssen. Was hat euch inspiriert?

Doc: Wir haben seit Veröffentlichung unseres letzten Albums “Oidakalyptus Now” im Jahr 2022 regelmäßig an neuen Songideen und Kompositionen gearbeitet. Es hat ungefähr vier Jahre gedauert, bis alle Details ausgearbeitet waren und daraus ein Album wurde. In dieser Zeit konnten wir beobachten, wie sich Bands gegründet und wieder aufgelöst haben, unzählige schnell gebastelte Singles veröffentlicht wurden und das Internet von künstlich erzeugten Grafiken, Videos und Songs überschwemmt wurde. Unser Werk fühlt sich im aktuellen Weltgeschehen schon eher wie etwas außergewöhnliches aus einer vergangenen Zeit an. Der Name Retourkutsche hat also zwei Bedeutungen: Einerseits der musikalische Konter auf die immer schnellere und künstlicher gewordene Welt und andererseits das Angebot, in die Kutsche einzusteigen, um dorthin zu fahren, wo Musik noch von echten Menschen & Koalas mit Liebe zum Detail handgemacht wird.

Zenz: Dazu vielleicht noch ergänzend: genauso wie es lange gedauert hat, das Album auszuarbeiten, hat es diesmal auch etwas länger als bisher für den Namen gebraucht. Anfangs haben wir viel mit wienerischen Ausdrücken und Wortspielereien um uns herumgeworfen in der Brainstorming-Phase, wir waren da einige Zeit nicht sehr zufrieden. Auf einmal war die Kutsche da – bei einer Band mit dem Namen Metternich eigentlich schon fast zu aufgelegt, um sie nicht zu verwenden. Daraus wurde dann die Retourkutsche. Das passt dann auch schon wieder super zu unserem Album – ein Titel mit leichtem Augenzwinkern: rundherum soll alles immer schneller gehen, und sofort wieder dem Nächsten Platz machen. Wir haben dem Album die Zeit gegeben, die es gebraucht hat – für die Musik, die Geschichten und die Schmähs. Der Titel “Retourkutsche” hat dafür genau den richtigen Ton: ein bissl trotzig, ein bissl frech, aber ohne erhobenen Zeigefinger, und vielleicht ein bissl von der Maschek-Seitn.


Wie viel Rache / Retour steckt im neuen Album?

Doc: Die „Rache“ zieht sich in den unterschiedlichsten Facetten durch das Album. Da wäre zum einen die Aufarbeitung eines Kindheitstraumas aus dem Blockflötenunterricht, das in einem epischen Duell zwischen Gitarre und Blockflöte seinen Höhepunkt findet. Dann haben wir zum Beispiel den Titel “Rock On”:

Karlin: Wenn ich eine Band sehe, wo man glaubt, dass das direkte School of Rock Abgänger sind, bei denen alles so eingelernt wirkt und denen am wichtigsten ist, welche Klischees gerade modern sind, muss ich speiben. Dieses Lied ist meine Retourkutsche!

Doc: Weiters begeben wir uns bei “1990” buchstäblich “retour” in unsere Kindheit. Manchmal habe ich das Gefühl, dass Kinder heute schon sehr früh funktionieren und viel leisten müssen. Ich habe selbst eine Tochter im Kindergartenalter und beobachte dadurch noch bewusster, wie sehr sich unsere Welt verändert hat. Alles ist schneller geworden bzw. alles ist ständig verfügbar. „1990“ ist deshalb sicher auch ein nostalgischer Blick zurück auf eine Zeit, in der man noch mehr Zeit hatte, einfach Kind zu sein.

Zenz: Ich denke, es ist eine ausgewogene Mischung aus Rache und Retour. Wir haben jetzt nicht unbedingt eine Liste mit Leuten geführt, an denen wir uns musikalisch abarbeiten. Das sind eher Momentaufnahmen oder Erinnerungen, die zu gewissen Songs geführt haben. Wie Doc und Karlin schon angesprochen haben – das Album schaut ja auch ein paar mal immer wieder zurück – bei “1990” und “Blockflötenunterricht” auf die Kindheit und dort zu verarbeitende Traumata, aber auch bei “Rock On” auf all die wunderbaren Ratschläge darüber, wie man sich so als Band heutzutage angeblich verhalten muss, sowie Erfahrungen die man über die Zeit so angesammelt hat. Was wir dafür retour geben können, ist ein elfteiliges, aus mehreren Songs zusammengehörendes Werk, inklusive Artwork, Vinyl, und den vielen Details bei der Ausarbeitung – sei es grafischer oder musikalischer Natur. Also etwas, für das man sich idealerweise mehr als 30 Sekunden Zeit nimmt 🙂


Der Wiener Schmäh lebt ja extrem vom Granteln. Wie viel Frust muss erstmal aufgestaut werden, bevor eine Metternich-Nummer entsteht?

Doc: Bei manchen Themen staut sich der Frust im wahrsten Sinne des Wortes über viele Jahre auf, wie zum Beispiel bei “Autofoan” – man bedenke, wie lange man in seiner Lebenszeit schon in Wien im Stau gestanden hat. Auch der Inhalt von “Zeit fia mi” hat länger brodeln müssen, um als Text überzukochen, sowie auch “Hänsel & Gretel” oder “Amoi bitte leiwand”. Man könnte durchaus behaupten, dass wir in einigen Songs über Jahre gesammelte Erfahrungen mit Humor verarbeiten.

Zenz: So gesehen würde ich sagen, der Frust ist eher das Rohmaterial. Für den Song bzw. die Lyrics braucht es dann noch genügend Distanz, damit aus “Oida, das geht ma am Oasch” irgendwann eine Zeile wird, über die idealerweise auch andere Lachen können.


Wie schafft man die gekonnte Balance zwischen trockenem Schmäh und ernstzunehmendem Rock? Woran haltet ihr euch da fest?

Doc: Ich denke, das passiert beim Texten ganz unbewusst. Es ist einfach unsere Art, ernste Themen mit Sarkasmus, Ironie und Humor anzusprechen.

Karlin: Wenn man bei unserer Rockmusik etwas ernst nehmen kann, dann dass da viel Können, Erfahrung und Konzentration dahintersteckt. Aber was willst mit all diesen Sachen, wenn das Ergebnis keinen Spaß macht? Alles Mittel zum Zweck! Es gibt Leute, die glauben, es gibt entweder lustig oder qualitativ hochwertig. Aber ich glaub, die versäumen was.


Was ist für euch das unehrlichste Klischee in der aktuellen österreichischen Musiklandschaft, das ihr mit Retourkutsche gern zerlegen wollt?

Karlin: Alles im Text von Rock On!

Zenz: Quasi ein Klischee-Bingo 🙂


Wenn das Album eine von Fiakern gezogene Wiener Retourkutsche wäre: wo fährt sie hin, wer sitzt am Kutscherbock und wer wird auf dem Weg dorthin überfahren?

Doc: Zenz & ich sitzen am Kutschbock, Karlin & Koala in der Kutsche. Wir fahren quer durch Wien – vom Museumsquartier über die Mariahilferstraße, von der Oper bis nach Simmering. und von der Hofburg bis nach Favoriten. Man kann sich bei der Fahrt von allen Facetten des Wiener Lebens beeindrucken lassen. Die Reise verläuft natürlich gemütlich und mit Stil. Überfahren werden dabei möglicherweise KI-generierte Grafiken und Songs sowie Schnelllebigkeit und Oberflächlichkeit.

Zenz: Wir würden dabei natürlich schauen, dass wir zumindest ungefähr dort ankommen, wo wir hinwollen. Karlin & Koala sitzen dabei in Fahrtrichtung verkehrt und erteilen laufend und unaufgefordert von hinten Verbesserungsvorschläge 😀


Österreichische Rockmusik wird ja gern mal in ein klischeehaftes Eck gestellt. Habt ihr das Gefühl, dass man sich mit Wiener Dialekt im Rockbereich doppelt so hart beweisen muss?

Karlin: Rockmusik im Wiener Dialekt stellt sich oft als ironisch, besoffen und dilettantisch dar, wenn Du diese Klischees meinst. Unsere Sachen sind meistens ironisch, manchmal besoffen, aber niemals dilettantisch!

Was den internationalen Rockbereich betrifft: Englisch verstehen mehr Leute. Da kannst das Wienerische schwer beweisen.

Zenz: Klar, international setzt einem der Dialekt natürlich Grenzen – einen wienerischen Text kannst du nicht einfach eins zu eins überallhin exportieren – nicht mal nach Deutschland. Andererseits gibt uns genau der eine Identität, die wir verlieren würden, wenn wir plötzlich versuchen wie die hunderttausendste englischsprachige Rockband zu klingen. Und spätestens bei Wacken haben wir gemerkt: die Energie von unseren Songs funktioniert auch dann, wenn nicht jeder im Publikum jedes wienerische Wort bzw. jeden Ausdruck oder jede Pointe versteht. Gute Musik, bzw. ein gutes Gitarrenriff braucht dann auch keinen Untertitel.


Gab es einen witzigen Moment während der Aufnahmen, den ihr mit uns teilen wollt?

Karlin: Beim Einsingen war ich mir nicht sicher, wann genau der Wiedereinstieg nach dem Jazzteil bei Grammatikpolizei kommt. Also hab ich immer wieder probiert: “A… a… Ans zwa drei”. Es wäre fast so am Album gelandet, ich konnte es im letzten Moment noch verhindern!


Wenn die Leute das Album jetzt durchgehört haben: Mit welchem Gefühl oder welcher Lebensweisheit sollen sie aus dieser Retourkutsche aussteigen?

Karlin: Ich will, dass die Leute geflasht und inspiriert davon sind, wie leiwand eine Band sein kann.

Doc: Das Album endet mit dem Titel “Goa ned so zwida”. Der Song bildet den perfekten Abschluss, weil nach grantigen Beobachtungen, großen Sehnsüchten, Kindheitstraumata und Gefahren in dunklen Grätzeln am Ende die Erkenntnis siegt, dass ja doch alles ziemlich leiwand ist. Das Leben, so wie auch die Stadt Wien, ist voller Gegensätze. Prunk und Verfall, Glück und Pech, Opernball und Würstelstand, Hochkultur und Beisl – alles liegt nah beieinander. Genau diese Mischung ist spannend und macht das Leben in dieser Stadt aus. Du kannst in Wien an einem wunderschönen Palais vorbeigehen und fünf Minuten später steht jemand neben dir mit einem Dosenbier in der Hand und schreit „Oida, geh scheißen!“. Das ist kulturelle Vielfalt. Genau diese Gegensätze spiegeln wir in unserer Musik wider.

Zenz: Im idealfall mit dem Gefühl, dass sie gerade wirklich ein Album gehört haben und nicht nur eine Sammlung von Songs. Es darf gelacht werden, es darf ein bissl weh tun, und vielleicht bleibt neben irgendeinem deppaten Reim auch noch der ein oder andere ernstere Gedanken hängen. Wenn jemand danach Lust hat, die Platte gleich nochmal von vorne aufzulegen, hätten wir gegen eine zweite Kutschenfahrt natürlich auch nichts einzuwenden!


Wann kann man euch das nächste Mal live sehen?

13.11.2026 – Tschocherl Wien (Unplugged)

20.02.2027 – Schwechat

14.04.2027 – Cinema Paradiso Baden (Unplugged)

Danke Tschau!