Di, 21. Dezember 2010

Skunk Anansie im Interview - Hochzeit verbindet

Ein im Rausch gegebenes Versprechen und die Plattenfirmenpolitik, Backkataloge auszuquetschen, hat Skunk Anansie nach neun Jahren Pause wieder ins Tonstudio getrieben. „Wonderlustre“ heißt ihr neues Album – melodiöser aber mindestens noch genauso energiegeladen wie bei ihren früheren Hits „Weak“ oder „Hedonism“. Bevor die Band am 18. Februar im Wiener Gasometer gastiert, erklärt Sängerin Skin, warum die neuen Songs weniger politisch sind und was eine Hochzeit in Kenia damit zu tun hat.

Eine Reunion plus Album nach neun Jahren Pause – wieso?

Die Plattenfirma hat uns angerufen und gesagt, dass sie ein Greatest-Hits-Album machen werden. Das wollten wir für die Fans ein bisschen aufwerten und haben uns deshalb zusammengesetzt, um dafür neue Songs zu schreiben. Und das lief so gut, dass wir schnell sehr viele Songs hatten. Auf einmal warenwir wieder zusammen, ohne je diese Absicht gehabt zu haben, uns zu reformieren.

Das endgültige Comeback auf die Konzertbühnen hat dann ein Fan ausgelöst, stimmt das?

Allerdings, der Herr ist ein Riesenfan von uns, den ich vor Jahren beim Urlaub machen kennengelernt habe. Er war damals zum ersten Mal mit seiner Freundin unterwegs, ein ganz liebenswertes Mädchen und ich – ich war schon etwas betrunken – sagte, wenn ihr je heiratet, werden wir auf eurer Hochzeit spielen. Zehn Jahre später hat er darauf bestanden, dass ich mein Wort halte. Also sind wir alle zur Hochzeit nach Lamu in Kenia gefahren, haben dort ein bisschen Urlaub gemacht und ein Konzert gespielt. Das war dann der Moment, an dem wir gemerkt haben, wie viel Spaß wir miteinander haben und dass die Chemie nach wie vor stimmt.

Warum habt ihr euch dann überhaupt getrennt? Was für Probleme gab es damals?

Erschöpfung und Burn-Out. Wir waren acht Jahre permanent auf Tour, hatten viel Spaß dabei, aber waren eben ausgelaugt und erschöpft. Wir hatten aber nie Streit. Wir haben uns wirklich freundschaftlich getrennt, wollten einfach nicht mehr in einer Band sein. Und wir hatten vor der Trennung auch keine schlecht verkauften Alben oder schwierige Jahre, haben uns nie über die Medien befetzt. Schon ein Jahr nach dem Split, nach dem wir auf Urlaub waren und uns genug ausgeruht hatten, begannen wir wieder, uns regelmäßig als Freunde zu sehen.

In den neuen Jahren hat sich die Szene drastisch verändert. Habt ihr darüber nachgedacht,ob und wie ihr darin nach all der Zeit euren Platz finden könnt?

Neben dem Probelokal gab es ein kleines Cafe – dort sind wir zusammengesessen und haben darüber gesprochen, was sich alles verändert hat und welchen Sound wir anstreben. Dass wir eigentlich bei unserem Sound bleiben, aber ihn verbessern wollen. Durch Melodien, die besser fließen, breitere Refrains und nicht mehr so halb gerappt, halb gesungen.

Bei den Themen der Songs fällt auf, dass sie weit weniger politisch sind als vor der Pause.

Stimmt, die Songs sind diesmal mehr eine Innenschau, handeln in der Mehrzahl von uns selbst. Das liegt daran, dass wir lange Zeit nicht zu viert zusammen gewesen waren und uns bei den Proben viele Stories zu erzählen hatten. Darüber, was in der Zwischenzeit passiert ist, oder auch darüber, was einer am Abend davor erlebt hatte. Und das ist dann in die Songs eingeflossen.

Ihr habt das Label der politischen Band aber ohnehin nie gemocht.

Wir waren auch nie eine rein politische Band. Wir hatten immer wieder Songs über politische und soziale Themen. Aber wir hatten auch Songs, die einfach nur Spaß machten. Es war nur so, dass die politischen Songs so gut waren, dass sie alles andere überschattet haben. Andererseits waren unsere größten Hits „Weak As I Am“ und „Hedonism“ reine Liebeslieder. Wir hatten also immer eine gute Mischung. Und auch auf „Wonderlustre“ sind wieder zwei politische Songs drauf.

„God Loves Only You“ ist einer davon, richtig?

Genau. Da geht es darum, dass wir in Zeiten wie diesen einen Mangel an politischer und religiöser Diskussion haben. Denn kaum erwähnt man die Worte Christentum oder Muslime, fühlt sich schon irgendwer angegriffen. Weil diese Konflikte, die wir in der Welt haben, zwar auf Geld basieren, aber als religiös verkleidet werden, haben dabei alle ein Nervenkostüm dünn wie Papier. Und ein genauso dünnes Selbstbewusstsein, weshalb keiner sachlich bleiben kann, sondern gleich in tiefe Emotionen kippt. Dabei ist das der älteste Trick der Welt: Politiker verblenden die Leute mit Religion, damit sie uns kontrollieren können. Doch wenn wir nicht mehr darüber diskutieren und uns mit dem Unbekannten beschäftigen und auseinandersetzen können, ist die Gefahr noch viel größer, dass wir wieder auf Religionskriege zusteuern.

Das Thema Rassismus, das bei euch immer sehr präsent war, ist diesmal ganz ausgeklammert. Warum ist das nicht mehr relevant?

Es ist natürlich nach wie vor relevant – leider. Das Thema wird nur heutzutage weniger diskutiert, weil es so viele Probleme gibt, die noch dringender sind. Aber für uns war es so: Wir haben 55 Songs geschrieben und die besten davon aufs Album genommen. Wenn wir angefangen hätten, darüber nachzudenken, worüber wir schreiben könnten, damit uns die Leute immer noch als radikal, jung und beherzt sehen, hätten wir beschissene Musik gemacht. Und nur deshalb einen Anti-Rassismussong aufs Album zu nehmen, der aber schlecht ist und den dann ohnehin keiner hören will, hätte den Zweck verfehlt.

Vollkommen richtig. Wir freuen uns auf eine konzertliche Wiedervereinigung am 18. Februar in Wien.

FACTS

Besetzung

Deborah „Skin“ Dyer (v), Martin Ivor „Ace“ Kent (g), Richard Keith „Cass“ Lewis (b), Mark Richardson (d)

Karriere

Die Band formierte sich 1994 im Splash Club im Norden von London. Ace war der Manager und freundete sich mit Skin und Cass an, die mit ihrer Band regelmäßig dort auftraten. Schlagzeuger Mark Richardson kam 1995 dazu. Das „Anansie“ im Namen stammt von einer Art Spiderman aus westafrikanischen Mythen. „Skunk“ wurde hinzugefügt, damit es „widerlicher“ klingt.

Erfolge

Aufmerksamkeit erregten Skunk Anansie schon 1995 mit ihrer Debütsingle „Little Baby Swastikkka“. Der Durchbruch gelang ihnen noch im selben Jahr mit dem genauso kontroversiellen Song „Selling Jesus“. Das Debütalbum „Paranoid And Sunburnt“ erschien im September 1995. Bis zur Auflösung 2001 veröffentlichten sie zwei weitere Alben, etablierten sich mit ihrem druckvollen Rocksound und Songs über Feminismus, Rassismus und sonstige soziale Ungerechtigkeiten als eine der beliebtesten Bands Englands. 2004, drei Jahre nach der Auflösung, vermerkte das „Guinness Book Of British Hit Singles & Albums“, dass Skunk Anansie insgesamt 141 Wochen in den Charts waren, wobei das Album „Stoosh“ mit 55 Wochen die längste Erfolgssträhne hatte.

Soloprojekte

Nach der Trennung veröffentlichte Skin die beiden Soloalben „Fleshwounds“ und „Fake Chemical States“. Cass nahm mit Gary Moore auf und widmete sich ansonsten der Fotografie. Ace schloss sich der Band Inner Mantra an und unterrichtete – mit Mark Richardson – am Brighton Insitute of Modern Music.