Schönbrunn Calling

Bilderbuch im Interview

Schön, wenn sich jahrelange Arbeit bezahlt macht – noch schöner, wenn Träume wahr werden: Die Band Bilderbuch hat innerhalb kürzester Zeit zwei neue Alben veröffentlicht und spielt diesen Mai gleich zwei Shows hintereinander beim Schloss Schönbrunn, der wohl schönsten Konzertkulisse Österreichs. Das ist mal eine Ansage! Natürlich gehört zu so einem erfolgreichen Werdegang auch immer eine Portion Glück, gesteht Frontmann Maurice Ernst. Aber wenn es jemand verdient hat, dann die fantastischen Vier aus Oberösterreich. Oder? Im Interview beantwortet der mittlerweile schwarzhaarige Zuckerbub alle wichtigen Fragen dazu.

Alles Gute nachträglich zum 30er! Wird’s jetzt langsam ernst, Herr Ernst?

Klar lädt so ein runder Geburtstag auch dazu ein, das eigene Leben ein Stück weit Revue passieren zu lassen. Meine persönliche Conclusio lautet, dass es schon ganz cool ist, bis zum 30. Geburtstag fünf Alben veröffentlicht zu haben und Musiker als seinen Job bezeichnen zu können. Stress mit dem Alter habe ich nicht. Bis der körperliche Verfall einsetzt, dauert es ja hoffentlich noch eine Weile. Ich bin weder am Anfang noch am Ende – um ehrlich zu sein, stehe ich gerade im sprichwörtlichen Saft so gut wie noch nie.

Läuft ja auch ganz passabel für die Herren von Bilderbuch. Vor zehn Jahren ist das Debütalbum „Nelken & Schillinge“ erschienen, 2019 wird eure Band so hoch gehandelt wie kaum eine andere im deutschsprachigen Feuilleton. Masterplan oder Zufall?

Aufmerksamkeit und lobende Worte von der Presse sind nette Begleiterscheinungen. Ich schätze den Diskurs, die Diskussionen und Interpretationen. Aber wir schreiben unsere Songs nicht, um im Kulturteil zu stehen. In erster Linie beruht der Erfolg auf der jahrelangen, konsequenten Arbeit, die wir in das große Ganze gesteckt haben. Zugegebenermaßen gehört auch immer eine Portion Glück dazu. Keine Frage!

(c) Hendrik Schneider

2019 heißt es „vernissage my heart“. Mit welchen Worten würdest du eure musikalische Entwicklung beschreiben?

Wir alle in der Band haben unsere persönlichen Idole, denen jeder von uns in jungen Jahren auf seine Art und Weise nachgeeifert hat. Demnach lässt sich bei den bisherigen Alben eine gewisse Verwandtschaft zu diesen Vorbildern auch nicht abstreiten. Bei „mea culpa“ 2018 und jetzt „vernissage my heart“ hingegen habe ich erstmals das Gefühl, dass diese Referenzen nicht mehr so deutlich erkennbar sind. Der Punkt ist erreicht, an dem Bilderbuch nur nach Bilderbuch klingt. Eine Schublade für uns gibt es also nicht mehr, wir sind freier denn je.

Warum zwei Alben kurz hintereinander?

Zum einen war unser künstlerischer Output der letzten Jahre einfach zu groß, um aus dem ganzen angesammelten Material nur ein Album zu formen, ohne dabei auf einige Songs verzichten zu müssen – aus platztechnischen oder thematischen Gründen. Das ist die pragmatische Antwort. Der romantische Ansatz jedoch lautet, dass wir die grenzenlose Vielfalt von Musik unterstreichen wollen. „mea culpa“ sucht nach innerem Frieden – realistisch und introvertiert. „vernissage my heart“ hingegen ist utopisch – ein Hippie, der den Weltfrieden will. Dabei hüpfen Pille, Mike, Peter und ich durch diverseste Genres, dem geschuldet, dass wir unseren musikalischen Horizont in den letzten Jahren bewusst erweitert haben.

Wie hat das mit der Auswahl funktioniert, welche Songs auf welchem Album landen?

Es hat sich früh angedeutet, dass viele Ideen im Raum stehen, aber auch zwei inhaltliche Strömungen zu spüren sind. Als der Plan für die zwei separaten Veröffentlichungen fixiert war, hat sich der Nebel endgültig gelichtet und ich konnte innerhalb von fünf Minuten aufteilen.

Wann war deiner Meinung nach der erste Checkpoint erreicht, an dem sich allgemeine Zufriedenheit mit dem neuen Material eingestellt hat?

Vollkommene Zufriedenheit wird so gut wie nie erreicht, höchstens temporär. Es geht aber viel eher darum, irgendwann loszulassen und das Endergebnis zu akzeptieren. Auch, wenn nicht alle Ziele erreicht wurden – es geht trotzdem immer weiter.

Der erste Song aus euren neuen Alben heißt „Sandwishes“, das dazugehörige Video habt ihr in Stuhleck gedreht. Schifoan?

Bei mir eher Snowboard! Wobei es ein bandinternes Abkommen gibt, das diese Art von Freizeitvergnügen untersagt. Wäre doch ärgerlich, die Konzerte in Schönbrunn wegen einer gebrochenen Hand absagen zu müssen.

Allerdings! Im Frühling wollen 30.000 Kids im Park bzw. Fans beim Schloss Schönbrunn mit euch feiern. Wie proud sind Mama und Papa?

Natürlich sind unsere Eltern schon sehr stolz auf ihre Buben. Wobei wir alle wissen, dass das nicht normal ist, was da gerade passiert. Mit Verlaub, aber es gibt in Österreich wohl keine coolere Konzertkulisse als Schloss Schönbrunn. Trotzdem wollen wir uns nicht blenden lassen oder selbstverliebt zurücklehnen, nur weil sich gerade vermeintliche Jugendträume erfüllen. Jetzt geht es erst recht darum, sich als Künstler weiterzuentwickeln und neue Ziele zu setzen.

Wäre es nicht auch einmal interessant, euer Glück in anderssprachigen Ländern zu versuchen? YouTube oder Instagram zufolge habt ihr ja mittlerweile Fans auf der ganzen Welt …

Positives Feedback und Anfragen aus dem Ausland kommen immer wieder rein. Es ehrt uns, wenn Filmproduktionen in Hollywood unsere Songs verwenden, Bilderbuch auf Modenschauen von Versace läuft oder Festivals aus Übersee wegen Bookings anklopfen. Lindsey Lohan hat sich auch schon einmal bei uns gemeldet. Sie wollte, dass wir in ihrem Club auf Mykonos spielen. Sehr lustig das Ganze! Doch wie heißt es so schön: Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Was aber nicht ausschließt, dass wir eines Tages weiter durch Europa touren als nur durch den deutschsprachigen Raum. Vielleicht wird es ja auch einmal ein ganz anderer Kontinent, wer weiß. Wenn wir so konzentriert und fokussiert weiterarbeiten wie bisher, bleibt alles möglich.

Europa ist ein spannendes Thema in Zeiten von Brexit und nationalistischen Bewegungen im Aufwind. In einem eurer Pressefotos ist die Europaflagge eingebaut, der letzte Song auf eurem Album „vernissage my heart“ heißt „Europa 22“ …

… weil wir uns alle glücklich schätzen dürfen, in ein friedliches Europa hineingeboren worden zu sein, das mehr Vor- als Nachteile bringt. Dafür lohnt es sich, wieder ein kollektives Bewusstsein zu schaffen. Gerade jetzt, wo diese Utopie meiner Meinung nach völlig zu unrecht angezweifelt wird. Denn was kann es Besseres geben als unterschiedliche Kulturen, die friedvoll in einer grenzenlosen Gemeinschaft zusammenleben? Angst und Abneigung vor dem Fremden haben noch nie zu einer Weiterentwicklung beigetragen, Kriege erst recht nicht. Zur Erinnerung: Es ist noch nicht allzu lange her, da war es um den Frieden in Europa nicht gut bestellt.

(c) Hendrik Schneider

Ist das europäische „Magic Life“ wieder in Gefahr?

Freiheit, Frieden und Demokratie sind nie selbstverständlich. Jeder bzw. jede von uns trägt hier Verantwortung, damit wir auch weiterhin mit geschlossenen Augen und gedankenlos über Grenzen fahren können, ohne aufgehalten zu werden. Selbst wenn das bedeutet, an etwas zu glauben, was nicht zu fassen bzw. zu greifen ist. Wenn wir diesen Glauben nicht verteidigen und jetzt aufgeben, nur weil die Aktien angeblich gerade schlecht stehen, dann sind wir schöne Trotteln. Der Song „Europa 22“ will aber nicht kritisieren, sondern steht für die Hoffnung, dass auch in Zukunft ein Leben ohne Grenzen möglich sein wird.

Diese Hoffnung teilen wir sehr gerne! Bis bald irgendwo in Europa bzw. im Mai in Schönbrunn …