Mi, 28. Februar 2018

Saunieren statt differenzieren

Leyya im Interview

Die Sauna ist ein Melting Pot ohne soziale und materialistische Schranken, wo die Nacktheit aller auch eine ultimative Gleichheit schafft. Sinnbildlich auf die grundsätzliche Gleichwertigkeit diverser Sounds umgelegt, hätten Leyya in Kombination mit ihrem Regenbogen-Cover kaum eine bessere Metapher für ihren heißen Debütnachfolger finden können. Beim Interview-Aufguss waren deshalb Wellenformen, Genredenken, Drumsolos und das Hören von Farben Thema.

Die Sauna im Titel und der Regenbogen am Cover – darf man euer neues Album als sozialkritisches Statement verstehen?

Marco: Genau, es leitet alles darauf hin, dass sich die Leute darüber Gedanken machen.
Sophie:
Die Kombination soll etwas Positives ausstrahlen und die Gleichheit betonen.
M.:
Grundsätzlich haben wir uns sehr von anderen Kulturen und verschiedenen Sounds inspirieren lassen. Die Frage nach dem respektvollen Umgang damit hat uns zu der Antwort geführt: Es ist alles nur Sound, es ist alles nur eine Wellenform. Es hat grundsätzlich alles denselben Ursprung. Es sind Schwingungen. Die Sauna steht auch sinnbildlich dafür. Sie ist ein Ort der Gleichheit, an dem verschiedene Menschen zusammenkommen, wo es nicht darum geht, sich durch materialistische Dinge abzuheben. Jeder sitzt halbnackt in einem Raum und entgiftet gemeinsam. Es ist eine gute Metapher und an sich ein schönes, rundes Wort. Das hat irgendwie alles zusammengepasst.
S.:
Man bekommt als Band auch sehr schnell ein Genre zugewiesen. Wir wollen nicht nur in einem existieren, sondern bedienen uns an jedem Genre, das uns gefällt. Für uns hat alles den gleichen Stellenwert. So haben wir in diesem Album einfach alles zusammengesammelt. Sauna und das Cover runden diesen Gleichheitsgedanken ab.

Apropos verschiedene Genres … Wikipedia behauptet, ihr würdet Trip-Hop machen.

M.: Das verstehen wir auch nicht. (lacht) 
S.:
Wir hatten zwei oder drei Songs am ersten Album, die vielleicht Trip-Hop ähnlich waren. Das hat uns damals einfach irgendjemand draufgestempelt. Wenn man unser neues Album hört, würde man nicht mehr auf Trip-Hop kommen. Wir sollten vielleicht irgendwann einmal weitere Genres dazuschreiben.
M.:
Aber was? 
S.:
Alternativ, Pop, Rock, Trip-Hop, Electronic… alle Genres mit einem Bindestrich und dann passt’s. (lacht)
M.:
Wir haben einmal aufgelistet, was wir nicht sind. Das war einfacher als zu sagen, was wir sind. (lacht) 
S.:
Keine Volksmusik und kein Metal. 
M.:
Alles dazwischen. (lacht) Ich finde es immer ein bisschen lächerlich, wenn es Musikrichtungen gibt, die sehr klar definiert sind. Das wäre mir so zu blöd, weil es eine Limitation in der Musik symbolisiert. Es ist immer nur dieser Bereich, den man abdecken kann. Je schwieriger wir einzuordnen sind, desto besser für uns.

Ist die fehlende Zuordenbarkeit eine logische Konsequenz des von euch betonten Innovationsfaktor Naivität?

M.: Wir haben sehr naiv angefangen Musik zu machen. Vieles hat anfangs natürlich nur mäßig gut funktioniert, aber wir haben es einfach ausprobiert. Beispielsweise ein bestimmtes Instrument nicht im konservativen Sinne zu spielen, sondern einfach so, wie man es sich denkt. Wir sind so auf unsere besten Ideen gekommen und haben uns diesen kindlichen Ansatz behalten. Wir wollen immer wieder aus unserer Komfortzone raus, weil das der interessante Bereich ist. Wir versuchen das Ganze nie Routine werden zu lassen und progressiv zu bleiben. Keiner bleibt automatisch progressiv. Man ist experimentell, aber man experimentiert meistens immer in dieselbe Richtung, ohne dass man es merkt. Das wollen wir vermeiden. Das Wichtigste ist, dass es für uns interessant bleibt.

War der Druck bei dem angeblich immer schwierigen zweiten Album dank dieser naiven Herangehensweise gar nicht so gegeben? 

S.: Ich glaube, einen gewissen Druck hat jeder beim zweiten Album. Beim ersten arbeitest du einfach so lange bis es fertig ist. Da erwartet keiner irgendetwas. Beim zweiten Album musst du nach einer gewissen Zeit schon wieder etwas liefern, sonst vergisst man dich. Du hast einen gewissen Zeitdruck. Gleichzeitig haben wir bereits bei den ersten neuen Songs gemerkt, dass sie in eine andere Richtung gehen. Wir haben überlegt: Können wir das machen? Wäre es komisch, wenn das plötzlich irgendwie so ganz anders ist? Wir sind dann irgendwann zu dem Punkt gekommen, an dem klar war: Es kommt eben gerade so aus uns raus und deshalb machen wir das so. Ab da war es dann relativ einfach.M.: Egal, wie das erste Album angekommen ist, beim Nachfolger sind immer gewisse Erwartungen vorhanden – auch von einem selbst. Es ist aber auch gut, dass man reflektiert. Das Album ist uns schon extrem wichtig gewesen und das merkt man, glaube ich, auch.

Steckt in eurem ersten Vorboten „Zoo“ auch ein Stück Reflexion eures Daseins in der Musikindustrie? Von wegen „Oh don’t believe a thing they are talking“ …

S.: Ja, „Zoo“ war der erste Song, der wirklich fertig war und die musikalische Soundrichtung vorgegeben hat. Wir haben uns bewusst für diese Richtung entschieden und es im Text verarbeitet: Wir machen das jetzt so und wenn es irgendjemandem nicht gefällt, dann ist das einfach so und es ist uns egal. Wir haben es einfach witzig gefunden, das genauso reinzuschreiben: So sind wir jetzt. Redet’s ruhig, uns egal! (lacht)
M.:
Man darf „Zoo“ fast wie eine ironische Antwort verstehen.

Insgesamt klingt „Sauna“ ein bisschen bunter als „Spanish Disco“. Welche Farben des Regenbogens würdet ihr „Drumsolo“ oder „Zoo“ zuordnen?

S.: Spontan würde ich sagen, „Drumsolo“ ist Rot, Gelb und Gold.
M.:
Ja, und Orange.
S.:
„Zoo“ wäre Grün und Blau.

Neben Leyya: Wem hat die Menschheit das beste Drumsolo aller Zeiten zu verdanken?

M.: Das beste Drumsolo, das ich je gehört habe, war von Stevie Wonder. Obwohl er blind ist, weiß er genau, wo sich jede Trommel und jedes Becken befindet. Unglaublich! Stevie Wonder ist grundsätzlich ein großes Vorbild für uns.
S.:
Vor allem was das Songwriting betrifft. Er ist extrem einfallsreich.

Ihr spielt oft mit Gegensätzen: Chaos vs. Routine. Komplexität vs. Simplizität. Was wäre charakterlich der größte Gegensatz zwischen euch?

M.: Ich bin sehr ungeduldig. Das ist ein großer Gegensatz zwischen uns. Wenn wir zum Beispiel schon lange an einem Song arbeiten, dann möchte ich immer auch noch die Vocals sofort aufnehmen, damit das erledigt ist. Obwohl es viel gescheiter wäre, es an einem anderen Tag zu machen.

Sophie kann dich dann ein bisschen bremsen?

S.: Nicht immer, aber oft. Meistens nehmen wir die Vocals dann trotzdem noch auf, aber es klingt nicht gut, weil jeder schon so fertig ist. Dann gibt er zu, dass ich recht hatte. (lacht)
M.:
Meistens sind wir dann schon hangry, weil wir den ganzen Tag nichts gegessen haben. (lacht) Wir streiten uns eigentlich nur, wenn wir hangry sind.
S.:
Streiten?
M.:
Naja, vielleicht mehr so: „Das ist scheiße! Das ist auch scheiße! Essen wir was!“ (lacht)

Mahlzeit! Wir sehen uns im November im Wiener Konzerthaus.

— Amy Mahmoudi — Philipp Heinkel