So, 1. März 2015

Nitro Daddy

Travis Pastrana im Interview

Travis Pastrana ist einer der wenigen Namen, die man auch weit über die Grenzen des Mikrokosmos ‚Dirtbike‘ kennt, denn mit seinen Tricks, Stunts und vor allem TV-Shows wie ‚Nitro Circus‘ konnte er auch Leute ohne Benzin im Blut in seinen Bann ziehen. Diesen Sommer kommt er mit seiner neuen Show ‚Nitro Circus – Moto Mayhem‘ am 18. Juni nach Wien. Und weil er seine zwei Erzbergteilnahmen respektvoll als ‚Alptraum‘ bezeichnet, hat er VOLUME eine Audienz gegeben.

Travis chillt im Hotel in der Weltmetropole Madrid, er befindet sich kurzzeitig auf Pressetour. ‚Man, was für blöde Fragen, immer dasselbe‘, ächzt er, als er den Telefonhörer ablegt und das vorhergehende Telefoninterview beendet. Travis sieht sehr entspannt aus, ausgeglichen und wirkt eher wie ein Urlauber mit seinem Mehrtagesbart. Dabei muss er eigentlich eine Tour vorbereiten, wird zum zweiten Mal Vater und nebenbei dann immer diese nervigen Pressetermine.

Doch Travis fühlt sich sauwohl. ‚Mir geht es super und zu Hause ist auch alles gut. Vater zu sein, ist super. Ich bin selbst noch ein Kind, also war ich anfangs echt nervös. Aber unsere Tochter Addy ist sehr robust und macht alles mit! Unser zweites Kind ist auf dem Weg und wird im Februar auf die Welt kommen.‘ Für Travis ist das kein Grund, einen Gang herunterzuschalten. ‚Als Daddy habe ich natürlich eine größere Verantwortung, aber meine Rolle bei den Shows ist nicht, die härtesten Stunts zu vollführen, sondern eher, die anderen dazu anzustiften, das Verrückteste und Beste zu zeigen. Deshalb haben wir auch ständig Gäste bei uns im Haus, die Jungs probieren andauernd neue Sachen aus. Wir bauen ständig neue Rampen und schauen mit den Besten der Welt, was man damit so anstellen kann.‘

JOBBESCHREIBUNG

Travis ist als Motocrosser aufgewachsen, hat sich jedoch schon vor seiner Profikarriere in den ersten aufkommenden MX-Videos wie ‚Terrafirma‘, ‚Crusty Demons of Dirt‘ und so weiter einen Namen als Freidenker und Freestyler gemacht. Nachdem er seine MX- und SX-Karriere als permanente Einnahmequelle wegen seiner zahlreichen Verletzungen beendete, fand er andere Spielfelder.

Er wurde mehrfacher amerikanischer Rallye-Meister, im Auto wohlgemerkt, schuf die ‚Nitro Circus‘-Videos, woraus später eine TV-Show auf MTV wurde, fuhr Nascar und sorgte immer wieder mit verrückt anmutenden Aktionen für Aufsehen – zum Beispiel als er mit einem Rallye Auto über 80 Meter weit über den Hafen in Long Beach sprang. Bei der Frage nach seiner Jobbeschreibung zuckt er nur die Schultern. ‚Ich habe den Überblick verloren, womit ich meinen Lebensunterhalt verdiene. Das ist das Schöne an Nitro Circus – ich musste nie erwachsen werden! Ich wache jeden Morgen mit Leidenschaft auf, momentan besteht diese daraus, neue Rampen zu entwickeln und den Actionsport voranzutreiben. Die Rampen bei den FMX-Wettkämpfen sind sehr standardisiert, was super für den Wettkampf ist, aber die Grundlage von Freestyle ist Freiheit: Du kannst tun, was du willst und suchst dir die Sprünge dafür. Ich möchte das, was es jetzt gibt, nicht abschaffen, aber mit dem Nitro Circus neue Elemente dazu bringen. Wenn wir für einen bestimmten Trick eine gewisse Rampe benötigen oder die vorhandenen näher ran oder weiter wegstellen müssen, dann tun wir das. Nitro Circus ist X-Games auf Steroiden!‘

PROGRESSIVER WAHNSINN

Um den Fortschritt in Sachen neue Tricks zu fördern, baut Travis ständig neue Rampen. Sein neuestes Bauwerk konnte man bereits im Internet bewundern. Die Landung besteht aus einem 4 Meter dicken, riesigen Luftkissen, in das man fällt. ‚Der Bag Jump ist wirklich geil: ein 11 Meter hoher Absprung mit einem Absprungwinkel von 82 Grad, man springt mit um die 90 km/h ab und fliegt dann 30 Meter über dem Erdboden! Das Luftkissen befindet sich 16 Meter über dem Erdboden, man fällt also 14 Meter in das Kissen hinein. Alles ist da möglich und wir haben echt coole Tricks eingebaut. Das Schöne an meiner momentanen Position ist, dass mein Job bei Nitro Circus ja ist, das Verrückteste und Abgefahrenste möglich zu machen.

ERZBERG

Auch in Sachen Extrem Enduro kann Travis ein Wörtchen mitreden – er trat 2004 und
2005 beim legendären Erzberg Rodeo an und kam sogar ins Ziel. Es war eines der härtesten Rennen seines Lebens. ‚Das war einer dieser Alptraumerfahrungen, die so schlimm waren, dass man vergisst, wie schlimm es einem wirklich ging und man nach ein paar Tagen wieder dorthin zurück möchte und sich denkt:

Ich kann das noch besser. Dann ist man im nächsten Jahr wieder dabei und fragt sich schon nach ein paar Minuten: Warum zum Teufel bin ich wieder hierhergekommen? Das ist eines der verrücktesten und härtesten Events in meinem Leben gewesen. David Knight war damals nach 1,5 Stunden im Ziel. Ich habe drei Stunden benötigt und Jeremy McGrath fünf! Knight hätte das Rennen drei Mal beenden können, bevor Jeremy im Ziel war, und der ist ja kein so schlechter Motorradfahrer…Diese Fahrer stammen aus einer komplett anderen Brut. Ohne Trial-Hintergrund geht das wohl kaum. Schon beim Endurocross denke ich mir, wenn ich das angucke: Warum schmeißt ihr Steine und Bäume auf eine perfekte Motocross-Strecke? Es ist einfach brutal, aber ich schaue es mir sehr gerne an.‘

MOTO MAYHEM TOUR

Die Nitro Circus Live Show tourt inzwischen einen Großteil des Jahres rund um die Welt. Für 2015 wurde ein neues Konzept namens ‚Moto Mayhem‘ entwickelt, bei dem noch mehr motorisierte Fahrzeuge durch die Luft fliegen werden. Deshalb muss man jetzt auf größere Stadien setzen, um genügend Platz zu haben. Was gibt es am 18. Juni beim Gastspiel in Wien zu erwarten? „Ich bin wirklich aufgeregt. Wir blasen alles noch mehr auf. All unsere verrückten Vehikel haben jetzt Motoren eingebaut bekommen! Unser Barbie Auto besitzt jetzt einen 250-cm3-Motor! Es hat immer noch die Plastikräder dran, aber wir springen schon 15 Meter weit damit. Es macht viel Spaß mit solchen Dingen zu experimentieren, auch wenn wir viele Crashs bauen. Es lohnt sich auf jeden Fall, sich die neue Nitro Circus Show anzuschauen – auch wenn man schon mal da war. Aber auch ohne Motor sind wir auf einem neuen Level angekommen.

Ryan Williams springt zum Beispiel einen 720, also zwei volle Drehungen um die eigene Achse, und vollführt dabei noch einen Frontflip! Das ist völlig abgefahren! Unser Godfrey Clan springt jetzt mit dem Mountainbike einen Double Backflip mit Kiss of Death dabei, alles gerät aus den Fugen. Ich werde übrigens auch wieder selbst mitfahren – also ich werde zumindest zu Beginn der Tour starten und mich dann hoffentlich nicht verletzen. Aber mein Plan ist es schon, die ganze Tour durchzufahren.‘ Guter Plan, Travis! Bis bald in Wien…