Mi, 21. Feb 2024
„In ein Hotel fahren und wieder mit Sie angesprochen zu werden, ist so gar nicht mein Ding“

„In ein Hotel fahren und wieder mit Sie angesprochen zu werden, ist so gar nicht mein Ding“

Flickentanz im Interview

Flickentanz singt von „Herz zu Herz“ auf ihrer gleichnamigen Tour und berührt mit intensiven und starken Botschaften auf pure und innige Weise. Sie schreibt und singt selbst und produziert mit Hartmut Pfannmüller (ausgezeichnet mit über 70 Gold- und Platin-Platten). Und ja, sie heißt wirklich so: Daniela Flickentanz.

In einem Mix aus Songs ihrer ersten beiden Alben teilt sie Introspektiven und Emotionen, in denen sich die Menschen wiederfinden und verstanden fühlen – als würde man mit einer guten Freundin intimste Geheimnisse teilen.

Das macht die Konzerte von Flickentanz zu berührenden Ereignissen, bei denen der ganze Raum im gemeinsamen Herzschlag mitschwingt.

Wir haben sie zu einem Interview eingeladen und zu ihrer Tour, dem neuen Album und ihrem Crowdfunding befragt.

Du bist derzeit auf „Herz zu Herz“-Tour und spielst deine Konzerte auch von „Herz zu Herz“. Was kann man sich darunter vorstellen?

Dieses Konzept habe ich in der Pandemie entwickelt, wo man fast nirgends spielen durfte, außer man war draußen. Daraufhin habe ich mir eine akkubetriebene Tonanlage besorgt, die ich auch selbst tragen kann. Ich reise öffentlich an und spiele dann ein oder zwei Sets von meinen selbstgeschriebenen Poesie-Pop-Songs. Inzwischen ist die Tour nach dem Schneeballsystem gewachsen und ich bespiele auch wieder die klassischen Musikclubs.

Hat der Name der Tour auch eine persönliche Bedeutung?

Die Tour heißt „Herz zu Herz“, da das meine Musik am Besten beschreibt und ich Ende 2019 eine lebensbedrohliche Herzrhythmusstörung hatte. Anfang 2020 habe ich einen Eingriff mittels Katheter am Herz bekommen und bin seither gesund. Somit ist das Thema Herz für mich ganz plötzlich körperlich geworden. Nach dem Eingriff habe ich mich entschieden, dass ich das, wofür ich hier auf dieser Welt bin (Musik), noch kompromissloser durchzuziehen.

(c) Sabine Stieger

Das heißt, du reist auch alleine, oder?

Physisch reise ich allein, aber mein Team habe ich immer im Herzen mit dabei. Meine Bookerin hat mal gesagt: „Schatzi, wenn irgendetwas passiert, hole ich dich ab.“ Das bedeutet mir viel, da ich manchmal in Osttirol spiele oder auch an der Ostsee in Pommerby oder an der Nordsee in Föhr. Das sind schon weite Strecken. Mit meinem Produzenten bin ich ebenfalls in engem Kontakt und wir besprechen die Auftritte vor und nach. Ich reise zwar allein, aber ich fühle mich nicht allein. Manchmal reisen auch meine Fans ein bisschen mit mir weiter, immer holen sie mich vom Zug ab oder bringen mich hin.

Wie bewegst du dein Equipment von A nach B?

Ich trage alles, was ich brauche, mit mir. Am Anfang der Tour ist mein Gepäck schwerer wegen der CDs und LPs. Oft ist es aber schon passiert, dass ich den leeren Platz im Koffer mit Geschenken füllen durfte. Von Niedersachsen zum Beispiel habe ich plötzlich ganz viel Kleidung mit nach Hause geschleppt.

Was darf nicht fehlen, wenn du auf Tour gehst?

Ich habe einen großen Koffer für die Tontechnik, Kabel, Mikrofon und meinen Merchandise immer dabei. Bei weiteren Reisen kommt ein kleiner Koffer für meine private Kleidung mit dazu. Das wichtigste ist meine Gitarre.

(c) Capture the Show

Neben deiner Musik bist du auch Künstlerin. Ging beides Hand in Hand?

Die Musik war zuerst da, die Malerei kam im Jahr 2007 dazu. Ich habe Soziale Arbeit studiert und ein Seminar mit dem Thema „Einführung in die Kunsttherapie“ gemacht. Mein damaliger Lehrer hat mich sehr ermutigt, auf größere Formate zu wechseln, und dadurch war ich von der Kunst endgültig fasziniert. Mit der Zeit habe ich dann meine gemalten Bilder gegen beispielsweise  Waschmaschinen und Laptops eingetauscht. Somit wurde die Malerei ein immer größeres Thema für mich, und irgendwann durfte ich sogar ausstellen. Die Anfragen für Käufe haben sich gehäuft und jetzt ist das Atelier Flickentanz mein zweites Standbein. Meine Kunst hat so ihr Eigenleben entwickelt.

Bis heute hast du zwei Alben veröffentlicht. Können wir bald mit neuer Musik rechnen?

Ja, endlich! Ab Mai 2024 beginnen wir mit dem Release neuer Lieder. Für das neue Album läuft derzeit ein Crowdfunding und wir haben bereits die Hälfte der Summe erreicht. Es ist unglaublich viel Geld, und ich bin meinen Unterstützerinnen und Unterstützern unendlich dankbar. Wir beginnen den Release unter dem Label TICA Music, was mich sehr freut.

Von welchen Themen handeln deine Songs, und woher nimmst du deine Inspiration?

Alles, was das Menschsein betrifft. Es ist nicht immer „Es darf nur alles schön sein“. Mir geht es darum, alles, was man als Mensch erleben kann, aufzuschreiben. Ich lasse mich dabei vom Umfeld und meinem Leben inspirieren und versuche über mein persönliches Erleben so tief einzutauchen, dass ich abstrakt an die Sache rangehen kann. Damit jede und jeder sich etwas dabei herausnehmen kann. Mit jeder Erkenntnis folgt ein Lied. Meine Texte schreibe ich mit der Hand auf normalem Papier. Notizen mache ich mir manchmal sogar auf Einkaufszettel, da die Ideen ja überall und zu jeder Zeit kommen können. Wenn eine Hookline da ist, musst du sofort bereit sein!

 

Apropos Einkaufen: Auf welches Gemüse kannst du verzichten?

Sellerie. Ich mag keinen Sellerie. Er landet zwar immer in meiner Suppe, aber essen tu ich ihn nie. Und Knoblauch. Den vertrage ich nicht, und mir wird schwindelig davon.

Arbeitest du auch mit anderen Musikerinnen und Musikern zusammen?

Für Konzerte schon, aber das Songwriting mache ich alleine. Es könnte aber sein, dass sich am neuen Album ein kleines Duett ergibt.

Du spielst ja auch sogenannte Wohnzimmerkonzerte. Wie bist du auf diese Idee gekommen?

Das hat sich durch Corona und das Crowdfunding zum zweiten Album ergeben. Eine Fanin hat mich angerufen und gesagt: „Hey, ich brauche eine Lagerfeuereinlage. Magst du nicht mit deiner Gitarre vorbeikommen?“ Ich bin dann zu ihr gefahren und habe ein Konzert gespielt. Das war dann der Ursprung dieser Idee zum Wohnzimmerkonzert. Oft übernachte ich dann direkt am Spielort. Nach einem Auftritt ist alles wohlig warm, und du bist in einer wundervollen Gemeinschaft untergebracht. In ein Hotel fahren und wieder mit „Sie“ angesprochen zu werden, ist so gar nicht mein Ding. Nachdem ich gespielt habe, kann ich sowieso nicht richtig einschlafen.

(c) Sabine Stieger

Am 29.02.2024 trittst du beim 1st femme jam – Vienna’s female songwriter summit mit anderen Künstlerinnen auf. Werden wir hier schon einen Song vom neuen Album zu hören bekommen?

Noch nicht. Aber ich spiele einen Song vom zweiten Album, welches im März digital neu veröffentlicht wird. Der Titel lautet „Unsichtbar“ und soll passend zum 1st femme jam und zum anstehenden Frauentag auf die Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit von Frauen im Musikbusiness hinweisen. Das wird eine große Party!