Do, 2. April 2015

Mut zum Blues!

Jesper Munk im Interview

Zwei Jahre sind seit seinem großartigen Debütalbum vergangen – deutlich gereift meldet sich das Raubein mit dem Babyface zurück. ‚Claim‘ überrascht neben schmutzigen Bluesnummern mit einer großen Portion Rock und Soul. Warum Jesper Munk keinen Führerschein hat, was ein ‚Smalltalk Gentlemen‘ ist und dass er die Wiener Clubszene besser kennt, als man erwarten mag – bitte hier nachlesen!

Wo hat es dir am besten gefallen, als du dein zweites Album aufgenommen hast – Los Angeles, New York? oder doch daheim in München und Niederding?

Schwierig zu sagen, da das überall ganz unterschiedliche Herangehensweisen gewesen sind – verschiedene Ansätze, verschiedene Qualitäten, verschiedene Blickwinkel, die sich zu meinem Album addiert haben. Ich habe selbst sehr viel dazu lernen können. Außerdem kann man diese Orte natürlich schwer vergleichen.

Jon Spencer hat dein Album nicht nur mitproduziert, sondern er hat dein musikalisches Schaffen bereits davor schon inspiriert. Was ist das Besondere an ihm?

Diese Intention, die hinter seiner Musik steckt. Im Endeffekt habe ich dann einfach mal ohne ihn zu kennen, ein Konzert von ihm gesehen. Ich war damals 18 Jahre, habe selbst gerade erst angefangen, Gitarre zu spielen und Songs zu schreiben. Ich bin dann also auf das Konzert und da hat es mir einfach den Schalter rausgehaun! Das war unglaublich. Das Tolle an Jon Spencers Blues Explosion ist, dass sie sehr auf die Essenz der Songs und auf deren Aussagekraft reduziert sind – das finde ich perfekt.

Wie war’s mit Mocky? Der Kollege hat ja schon mit Größen wie Feist zusammengearbeitet…

Unser Aufeinandertreffen war toll, da ich ja nie wirklich klassisch gelernt habe, Musik zu schreiben oder ein Instrument zu spielen. Mocky kommt da ja aus einer ganz anderen Bildungsebene, was Musik anbelangt. Er hat aber trotzdem keine Berührungsängste, seine entworfenen großen Harmoniesprünge auch mal zu zerstören oder rhetorische Pausen einzubauen, um den Song zu fördern. Also diese beiden Produzenten, Jon Spencer und Mocky, haben schon auch gemeinsame Nenner, obwohl sie aus verschiedenen Richtungen stammen.

Mit Sepalot vom Blumentopf hast du ja auch mit jemanden aus der Hip-Hop-Ecke zusammengearbeitet – kannst du privat überhaupt etwas mit dem Sound anfangen?

Im Alter von 14, 15 habe ich selbst viel Blumentopf gehört, war also ganz witzig, dass wir uns kennengelernt haben. Wir sind beim gleichen Management, haben uns im Büro zufällig getroffen und beschlossen, ‚wir machen zusammen Musik‘. Sepalot ist ein wahnsinnig sympathischer Kerl. Mit Hip-Hop konnte ich also schon was anfangen, als ich jünger war. Ich glaube mein erstes selbst gekauftes Album war ‚The Eminem Show‘ (lacht). Später hatte ich dann aber ein Problem mit diesen modernen Sounds und habe dann einfach zugemacht, mir Scheuklappen aufgesetzt.

War es denn überhaupt notwendig, ‚Blues‘ für deine Generation neu aufzuarbeiten, wie das viele Kritiker sagen – oder findest du, hat solch eine Genrefrage nichts mit dem Alter zu tun?

Ich glaube, das kommt auf die Person und nicht aufs Alter an, wie weit etwas für einen zugänglich ist. Aber ich merke schon, dass bei mir im Laufe der Zeit einfach eine gewisse Entwicklung passiert ist, mit einem gewissen Interesse an diesem selbst gemachten, reduzierten Sound. Diese Renaissance des Blues hat ja mit Jon Spencer schon angefangen, was dann über etwa Jack White im Mainstream Fuß gefasst hat. Also ich denke, dass Blues durchaus vorher schon in der Musikwelt da war.

Hältst du dich auch immer an das klassische 12-Takt Blues-Schema?

Überhaupt nicht – ich habe sogar ein Problem, mich darin zu bewegen. So bald es das Blues-Schema gibt, wird es einfach schwierig für mich, das einzuhalten.

Was ändert das Major Label an deiner Musik, das du jetzt im Rücken hast?

Es wurde mir überhaupt nicht reingequatscht, ich kann mich an keine Situation bis jetzt erinnern, wo ich nicht einfach meinen Stiefel durchziehen konnte. Das Album ist also so geworden, wie ich Bock drauf hatte. Die einzigen spürbaren Veränderungen sind, dass ich einfach mehr Ansprechpartner habe. Du hast einfach einen größeren Apparat hinter dir, dadurch fließen dir auch mehr Mittel zu und du kannst deine Interessen besser verfolgen.

Mittlerweile warst Du schon zusammen mit Legenden wie Eric Burdon & The Animals unterwegs – was war dein persönliches Highlight bisher?

Für mich ist es immer schwierig, sich auf nur eine herausragende Erfahrung festzulegen. Mit Jon Spencer aufzunehmen, war für mich einfach eine sehr bereichernde Zeit. Aber natürlich war auch die Tour mit Eric Burdon etwas Besonderes. Ich bin sehr dankbar, dass ich solche Leute kennen lernen darf.

Hast du dich selbst auch schon mal dabei erwischt, ein ‚Smalltalk Gentlemen‘ zu sein? Woher kam die Inspiration zu diesem Song?

Klar entsteht so ein Song aus eigenen Erlebnissen! Oft denkt man sich doch, warum erzähle ich den Schmarrn überhaupt – ich mach das doch nur, um irgendwas zu reden. (lacht) Aber ‚Smalltalk Gentlemen‘ ist auch aus Beobachtungen entstanden. Für mich ist das der einzig lustige Song auf dem Album.

Welcher Song auf ‚Claim‘ drückt am besten deine persönliche Botschaft aus?

Das Album funktioniert wirklich nur als Ganzes für mich. Weil das einfach meine ganze Reise seit dem Debüt dokumentiert. Meine Entwicklung spiegelt sich in der Musik wider.

Oft wirst du als Halbdäne vorgestellt. Aufgewachsen in München – fühlst du dich trotzdem zu Dänemark verbunden?

Ich bin in München geboren und dort aufgewachsen. Aber ich habe ein sehr enges Verhältnis zu meinem Opa in Dänemark – meine Mutter stammt ja von dort. Außerdem hatte ich bis vor kurzem nur einen dänischen Pass, erst jetzt habe ich einen deutschen. Lustige Gesichte: Fast hätte ich einen Einbürgerungstest machen müssen. Schlimm, oder? Wären meine Eltern verheiratet gewesen, wäre das einfacher gewesen. Auf jeden Fall habe ich mir auch gleich einen Personalausweis machen lassen, einen Führerschein habe ich nämlich noch nicht. War wohl ein bisschen naiv von mir zu glauben, für das bleibt noch Zeit. (lacht)

Du bist ja selbst erst 22 Jahre jung. Wie fühlst du dich bei Meet and Greets, wenn da teilweise gleichaltrige oder jüngere Fans auf Dich zukommen?

Das ist total angenehm, wenn da teilweise 17- bzw. 18-jährige meine Musik kaufen und da auch Bock drauf haben. Ich höre selbst so gerne Vinylplatten, dass es mich dann richtig freut, wenn das andere junge Menschen auch tun. Ich fühle mich dann verbunden. Aber an sich erkenne ich gar keine Altersgruppe in meinem Publikum, das ist komplett durchgemischt – von 17 bis 70 würde ich sagen!

Wie wird’s musikalisch bei dir weitergehen? Arbeitest du schon an einem dritten Album?

Ich schreibe die ganze Zeit – wenn ich nicht am schreiben bin, läuft etwas schief. Theoretisch arbeite ich also schon am dritten Album. Oft gibt es ja auch Songs, die ewig in der Versenkung bleiben, weil man sie erst zwei Jahre später braucht.

Am 28. April kommst nach Wien. Warst Du schon mal aus hier?

Ja ich war schon im Donau. Gestern war ich in so einem neuen Club – Vii Ei Pi. Im Flex hab ich mal gespielt als Support vor Bosse. Ich kenne mich also schon ein bisschen aus hier, auf jeden Fall so gut, dass ich Wien gerne näher kennenlernen möchte.

So soll es sein! Dann auf ein baldiges Wiedersehen am 28. April im Wiener Chelsea!