Mo, 13. Oktober 2014

Liebe gegen Langeweile

Caribou im Interview

Frei nach Rudi Carrell: Eben versorgte einen Daniel Snaith noch mit feinen Clubtracks, jetzt steht er als Caribou auf der Showbühne. Mit dabei: ‚Our Love‘, Nachfolger von ‚Swim‘, das seiner Karriere den nötigen Schubser verpasste. Die neuen Stücke überzeugen mit einer wohlig-warmen, glitzernden Mixtur aus Soul, HipHop, R&B und UK Garage. Auch Hits gibt es: „Can’t Do Without You“ ist so einer. Aber Chartplatzierungen verfolgt der Kanadier aus Zeitgründen nicht. Denn wenn er nicht gerade mit Journalisten plaudert, den DJ gibt oder live spielt, ist der Jungvater zu Hause bei seiner Tochter, die auf die neuen Songs einen wesentlichen Einfluss hatte. Welchen? VOLUME hat die Antwort darauf und noch viel mehr!

Du bist ein leidenschaftlicher DJ, einer der gerne mal die ganze Nacht hinter den Plattenspielern steht. Was fasziniert dich daran?

Ich liebe es, in einem kleinen Club hinter den Turntables zu stehen und für rund 300 Besucher aufzulegen. Ich mache das gerne die ganze Nacht, also für acht Stunden an einem Stück. Dadurch habe ich alles selbst in der Hand, kann das Publikum mal auf diese, mal auf eine andere Reise mitnehmen. Zu Beginn des Abends läuft eine andere Musik als gegen Ende oder zur Primetime. Musikalisch kann sich ein DJ dadurch bestens entfalten, die Stimmung im Publikum steuern, verschiedenste Stile mischen, die Leute auch überraschen – zum Beispiel das Tempo zur Primetime drosseln. Manchmal wird man dann zwar blöd von Leuten angesprochen und gefragt, ob man nicht die Black Eyed Peas spielen könnte. Aber das ist zum Glück die Ausnahme.

Wie oft wirst du als DJ gebucht?

Zurzeit gar nicht, denn aktuell nehme ich keine Bookings für DJ-Sets an, da ich mit Caribou auf Tour gehe, Pressetermine wahrnehmen muss und gerne viel Zeit mit meiner kleinen Tochter verbringe.

Dein neues Album klingt weniger in Richtung Dancefloor gebürstet. Wolltest du dich damit klar von Daphni, deinem anderen Projekt, abgrenzen?

Ja, Daphni war ausschließlich so konzipiert, um im Club zu funktionieren. Das war mir wirklich sehr wichtig. Mit Caribou ist das anders, vielschichtiger, offener – es gibt keine Einschränkungen. Natürlich findet man auf dem neuen Album wieder einige Tracks, die sich in Richtung Club orientieren, aber das liegt einfach daran, dass mich diese Art von Musik interessiert. Für die Arbeiten zum Album „Swim“ habe ich mich vor allem mit Produktionen von Künstlern wie Pearson Sound, Jamie xx, Joy Orbison oder Floating Points beschäftigt. Das wurden dann auch Freunde von mir, wir haben Sachen probiert und auch zusammen aufgelegt. Diese Zeit war für mich sehr faszinierend und intensiv. Nun ist sie aber vorbei bzw. mein Sound nicht mehr so essenziell davon beeinflusst. Ich verfolge zwar noch immer ihre Produktionen und die neuesten Strömungen im elektronischen Bereich, aber auf dem aktuellen Album habe ich mich von diesem Sound wegbewegt.

Viele halten Alben im Single- und Spotify-Zeitalter für nicht mehr zeitgemäß. Was denkst du darüber?

Wenn Leute zu einzelnen Songs auf der Tanzfläche ihren Spaß haben, freut mich das natürlich. Aber mir ist das Album als Ganzes sehr wichtig. Es soll über 40 Minuten funktionieren. Ich möchte, dass sich die Leute nicht nur einen oder zwei Songs davon anhören. Ich will den Hörer über die ganze Länge des Albums fesseln. Man soll sich ja in der Musik verlieren und dabei den Alltag vergessen können.

Der Song „Can’t Do Without You“ grenzt sich von den anderen ab, ist ein melodiöser Clubtrack. Hast du ihn deshalb auch an den Anfang des Albums gestellt?

Wie ich „Can’t Do Without You“ produziert habe, war mir bewusst, dass der Track als Singleauskoppelung wunderbar funktionieren wird. Ich habe ihn dann auch absichtlich bei  Konzerten eingebaut, um die Reaktionen der Menschen darauf zu sehen. Das war schon einmalig, denn man sah, dass der Funke sofort übergesprungen ist. „Can’t Do Without You“ steht dann auch bewusst am Anfang des Albums. Er ist dann auch eine Art Brücke zwischen „Swim“ und dem neuen Longplayer.

Welche Musik bzw. äußeren Einflüsse haben „Our Love“ geprägt?

Am Anfang der Produktion habe ich sehr viele aktuelle R&B und HipHop-Songs gehört. Da war vom Mainstream bis hin zu völlig unbekannten Künstlern alles dabei. Diese Inspirationen habe ich zum Beispiel in Songs wie „Dive“ oder „Silver“ verarbeitet. Man hört darin diese funkelnden, aufpolierten Keyboardsounds. Das Album wurde aber auch von meiner kleinen Tochter beeinflusst – in irgendeiner Art und Weise. Denn wir haben in den letzten Monaten viel Zeit miteinander verbracht und dabei auch Musik gehört. Dabei habe ich mich immer wieder gefragt: „Was soll ich meiner Tochter bloß vorspielen? Welche Musik will man als Kind  hören?“ Ich habe mit ihr dann vorrangig Klassiker angehört, alte Soul-Platten, Alben von Stevie Wonder, die gute Laune und Liebe vermitteln. Wenn ich mir das aktuelle Album nun anhöre, dann merke ich, wie sich das auf meine Musik ausgewirkt hat. Der Sound klingt souliger, analoger und wärmer.

Auf dem Album befinden sich auch zwei Kollaborationen…

…genau, Owen Pallett hat alle Streicherparts eingespielt. Und Jessy Lanza hat mir ihre Stimme für „Second Chance“ geborgt. Beide sind gute Freunde von mir und haben für die Arbeiten am Album auch extra bei mir zu Hause vorbeigeschaut. Da sie aber selbst immer unterwegs, auf Tour sind, mussten wir uns über das Internet austauschen.

Wie wirst du dein neues Album live umsetzen?

Für die Konzerte von Caribou konnte ich wieder alle Musiker der letzten Tour verpflichten. Das freut mich. Sie waren zwar bei der Produktion der neuen Tracks nicht dabei, sind aber schon lange Zeit an meiner Seite. Wir sind gerade dabei, die Songs für die kommenden Shows in ihre Einzelteile zu zerlegen – wir werden sie für die Shows neu zusammensetzen. Das ist aber nur das Ausgangsgerüst, denn es wird von Auftritt zu Auftritt wieder Veränderungen geben. Bei uns gleicht kein Konzert dem anderen, es ist jedes Mal aufs neue eine Überraschung. Wir wollen uns ja auf der Bühne nicht langweilen!

Dann ist die Vorfreude auf Caribou live am 18. Oktober im Wiener Museumsquartier jetzt noch größer. Bis zum Electronic Beats Festival!