Di, 28. März 2017

Lauter als der DJ

Billy Talent im Interview

‘Afraid of Heigths’? Da niemand von Billy Talent wirklich schwindelfrei ist, stürzten sich die Kanadier im letzten Jahr mit ihrem fünften Album nur metaphorisch aus luftigen Höhen in die tiefsten Abgründe und damit in den Kampf – gleichermaßen in die innere Auseinandersetzung mit sich selbst als auch in jene mit der Gesellschaft, in der wir alle zusammenleben. Mit der puren Macht des Rock’n’Roll im Rücken landen sie 2017 als Headliner am FM4 Frequency Festival, um dort zu verkünden: Habt keine Angst vor Veränderung! VOLUME hat mit Ian und Jon den Sprung gewagt.

Seid ihr schwindelfrei?

Ian: Nicht wirklich. Ich habe zwar keine schlimme Höhenangst, aber besonders wohl fühle ich mich hoch oben auch nicht.

Der Titel eures aktuellen Albums steht in diesem Kontext als Metapher wofür?

Ian: ‘Afraid of Heigths’ steht für die Angst, Dinge anzugehen und zu verändern. Es geht darum, Fragen zu stellen, um Freundschaft und Loyalität und darum, sich bewusst dafür zu entscheiden, die Dinge, die uns nicht passen und die uns nicht repräsentieren, nicht einfach hinzunehmen.

Es ist mittlerweile das zweite Album, das ihr nicht wie früher chronologisch nummeriert…

Ian: Ja, der Schmäh ist irgendwann vorbei. Bei den ersten Platten haben wir einfach nicht so viel über die Titel nachgedacht.
Jon:
Aber nach ‘III’ war es an der Zeit, ein bisschen kreativer in der Namensgebung zu werden.
Ian:
Damals wollten alle immer wissen, was die Nummern bedeuten. Dabei gab es dahinter keine besondere Bedeutung. Als wir unser letztes Album dann ‘Dead Silence’ betitelt haben, waren alle verwundert und haben gefragt, wieso wir unsere Platten nicht mehr nummerieren. So oder so scheinen unsere Albumtitel Verwirrung zu stiften.

Und wie war das diesmal?

Ian: ‘Afraid of Heights’ war der erste Song, den wir für dieses Album geschrieben haben. Er reflektiert die Platte insgesamt sehr gut.
Jon:
Er steht exemplarisch für die Themen des Albums und bringt sie in aller Kürze auf den Punkt.
Ian:
Der Titel subsummiert jede Nummer der Platte unter einem Begriff.

Es geht dabei um Kämpfe und Veränderung – welche sind derzeit die schwierigsten Kämpfe innerhalb der Gesellschaft?

Ian: Menschen können andere Menschen heutzutage einfach nicht als das akzeptieren, was sie sind oder würdigen woher sie kommen. Alles und jeder hat ein Label in der heutigen Welt – mit guter oder schlechter Konnotation. Auf ‘Afraid of Heights’ gibt es keine Labels! Menschen sind Menschen! Wir sollten uns alle in mehr Akzeptanz üben.
Jon: Die Welt braucht mehr Mitgefühl und Empathie!

Absolut! Welche persönlichen Kämpfe musstet ihr während der Entstehung der Platte ausfechten?

Ian: Der schwierigste Kampf war wohl, das Album ohne unseren Drummer Aaron aufzunehmen – zum ersten Mal seit es Billy Talent gibt. Er hatte einen schlimmen Rückfall seiner Multiplen Sklerose und konnte nicht Schlagzeug spielen. Er lebt seit fast 20 Jahren mit dieser Krankheit und hat schon einige Rückschläge überstanden, aber diesmal war es besonders schlimm und er musste um seiner Gesundheit Willen pausieren. Es war gleichzeitig auch für uns ein Kampf, ohne ihn weiterzumachen. Aber wir sind sehr glücklich mit unserem Ersatzmann Jordan Hastings von Alexisonfire.

Wir wünschen Aaron an dieser Stelle alles Gute! In Kombination mit gesellschaftlichen Kämpfen war Rock immer an vorderster Front. Wie steht es derzeit um die Macht des Rock’n’Roll?

Jon: Derzeit scheint es so, als würde der Rock brodelnd in der Ecke stehen, jederzeit bereit, zuzuschlagen. Über Generationen hatte Rock’n’Roll die Kraft, Menschen zusammenzubringen, Einstellungen zu verändern und Revolutionen zu begleiten. Ich glaube nicht,dass sich dies grundsätzlich jemals ändern wird, aber derzeit scheint der Rock quasi auf der Ersatzbank zu sitzen.

Ian: Rock’n’Roll kämpfte seit 1968 bei politischen Revolutionen immer an vorderster Front, doch seine Rolle im Mainstream hat sich in den letzten Jahren verändert. Wir haben den Song ‘Louder than the DJ’ geschrieben, um junge Menschen wieder für das Genre zu begeistern. Dass sie vielleicht ein Instrument in die Hand nehmen, eine Band gründen und damit möglicherweise auch andere inspirieren und beeinflussen. Rock hat immer Menschen zusammengebracht, die sich Gedanken über Politik und Gesellschaft machen. Es ist zwar’nur’ Musik, aber in ihr steckt so viel Potenzial und Macht – immer noch!

Ihr werdet am FM4 Frequency Festival 2017 bestimmt auch lauter als der DJ sein. Rock on und bis bald im Hochsommer!