Sa, 2. Juni 2012

Farin Urlaub im Interview

Arzt ohne Grenzen

Seit genau 30 Jahren kümmern sich Die Ärzte aus Berlin mit ihrem Punkrock um unser musikalisches Wohlbefinden. Zum runden Bandgeburtstag spielen Bela, Farin und Rod gleich drei Shows auf österreichischem Boden – zwei in Wien, eine in Graz. Dass die Herrschaften ihr neues Album ‚auch‘ mit dabei haben, versteht sich von selbst! Farin Urlaub spricht für die beste Band der Welt über grenzenlose Reiselust, sinnvollen Zeitvertreib und hoffnungslose Patienten.

Danke für die 16 sehr neuen Songs. Wie kann sich das ein Normalsterblicher vorstellen, wenn die beste Band der Welt zum allerersten Mal ihr neues Meisterwerk an einem Stück genießt?

Asche auf mein Haupt, ich habe die finale Albumversion bis heute noch nicht durchgehört. Klar ist jeder einzelne Song fertig geschrieben und mehrfach überarbeitet – fünfmal im Durchschnitt. Aber beim Abmischen und Mastering müssen wir heutzutage nicht mehr mit dabei sein. Es reicht, wenn wir online unsere Änderungswünsche bzw. Korrekturen formulieren. Das geht von überall auf der Welt, so lange jeder das vereinbarte Terminfenster einhält. Mit dieser Herangehensweise lässt sich viel Zeit und Aufwand sparen. Rod war de facto als einziger in Berlin während der Endproduktion, Bela und ich sind irgendwo auf dem Planeten herumgegondelt.

Womit wir bei der ersten Single vom aktuellen Langspieler anknüpfen können: Was ist deine größte Zeitverschwendung?

Zeit ist ein kostbares Gut. Darum gehe ich persönlich auch nicht verschwenderisch, sondern bewusst damit um. Wenn ich nicht gerade als Musiker arbeite, versuche ich so viel wie möglich zu reisen und andere Länder bzw. Kulturen kennenzulernen. Wobei ich zugeben muss, dass mich dieses verflixte Internet bereits einige Minuten meines Lebens gekostet hat. Echt fies, wie viel unnötiger Schrott einem da begegnet, bis man zu den wichtigen Informationen gelangt.

Ganz zu schweigen vom Fernsehen. Euer Song ‚Bettmagnet‘ ist eine Ode an den viereckigen Zeitdieb.

Zwangsunterhaltung im degenerierten Hirnmodus gibt es nicht in meinem Leben. Ich habe noch nie ferngesehen, auch als Jugendlicher nicht. Meine Schulkollegen haben damals immer einen halben Nervenzusammenbruch bekommen, wenn sie von ihren Eltern mit Fernsehverbot bestraft wurden. Geht’s noch? Für den Schwachsinn, der da läuft! Und jetzt soll mir bloß keiner mit den tollen Dokus und Reportagen auf arte oder 3sat kommen.

Dann lieber Die Ärzte hören. Kann die Welt mit ‚auch‘ jetzt getrost untergehen, oder ist das Ende noch nicht vorbei?

Ich bin alles andere als abergläubisch, mich amüsiert vielmehr die stetig wachsende Hysterie. Ganz weit vorne dabei ist diese Haustierversicherung für den Weltuntergang. Das Geschäft damit boomt, gerade in Amerika. Es gibt anscheinend genügend Sektenanhänger bzw. Verrückte, die ihre geliebten Vierbeiner versorgt wissen wollen, wenn die Apokalypse auf der Erde tobt und sie als Auserwählte gerade ins Himmelreich aufsteigen. Passiert nichts, wie beispielsweise am 21. Mai, dem angeblichen Tag des Jüngsten Gerichts, behält die Versicherung alle geleisteten Zahlungen. Was für eine geniale Geschäftsidee! Ich muss mir so etwas auch noch unbedingt einfallen lassen.

Was macht Farin Urlaub denn am 21. Dezember?

Nachdem die Welt nicht untergeht und ich das ganze Jahr viel gearbeitet habe, kann ich wieder auf Reisen gehen. Sinnvoll Zeitverschwenden sozusagen.

Davor steht noch eine ausgiebige Konzert bzw. Festivaltour ins Haus. Wie ölen Die Ärzte ihre Rockmaschine?

 

Dieses Mal versuchen wir etwas ganz anders: Wir proben vorher einmal alles und gehen dann erst auf die Bühne.

Klingt nach einem revolutionären Fortschritt! Wie viele euer neuen Albumsongs streut ihr in eurer sommerliches Konzertrepertoire mit ein?

Fünf bis sechs Nummern aus ‚auch‘ sind auf jeden Fall im Set. Klarerweise variieren wir während der Tour.

Testet ihr das neue Material schon vor Albumveröffentlichung auf seine Konzerttauglichkeit?

Das hat keinen Sinn. Wenn wir unveröffentlichte Songs anspielen, passiert meist Folgendes: Die eine Hälfte zückt Handy oder Kamera, um das unbekannte Etwas auf Band festzuhalten. Die andere Hälfte nützt die Gunst der Stunde, um sich ein neues Bier zu holen – mitsingen können sie ja nicht. Und das war’s dann mit der Stimmung. Dann lieber doch ein Konzert, bei dem alle von vorne bis hinten dabei sind.

Die Ärzte haben seit ‚auch‘ einen Superhelden in ihren Reihen bzw. in ihrem Songrepertoire: Captain Metal. Wer ist sein größter Erzfeind?

Einfach das Radio aufdrehen, dann hat sich die Frage von selbst beantwortet. Letztens im Supermarkt habe ich erst wieder eine volle Ladung Hirnwäsche abbekommen. Bitte! Wie konnte es nur soweit kommen? Genau deswegen brauchen wir Captain Metal.

Wo bleibt er denn? Der Einheitsbrei im Radio wird unüberhörbar schlimmer als besser.

Keine Angst! Darum haben wir jetzt auch ein neues Album veröffentlicht.

Halleluja! Ist das noch Punkrock, wie euer Herz schlägt, wenn Die Ärzte in Österreich ordinieren?

Ordinieren gehört zu den verbotenen Wörtern in einem Interview mit Die Ärzte. Drei ausverkaufte Shows, bevor wir überhaupt einen neuen Ton von uns hören haben lassen, entschuldigen für diesen Fauxpas und zeugen von einer langjährigen, gegenseitigen Liebesbeziehung.

Trotz der erfolgreichen Tour durch die Alpenrepublik: Vergeht euch nicht auch die Laune, wenn sich hier rechte Politiker öffentlich als Opfer bezeichnen und Vergleiche mit der Judenverfolgung anbringen wollen?

Pfui, einfach nur widerlich! Aber was in Deutschland im Zuge der Ermittlungen gegen die Zwickauer Terrorzelle ans Licht kam, ist nicht weniger zum Kotzen.

Wie sehr frustriert dich die Tatsache, dass es einige Patienten anscheinend immer noch nicht kapiert haben, wohin rechtes Gedankengut führt?

Es wird immer Arschlöcher geben, denen selbst Die Ärzte nicht mehr helfen können. Aber ich habe prinzipiell ein gutes Gefühl, wenn ich darüber nachdenke, wie verdammt viele Besucher auf unsere Konzerte kommen. Das sind alles gute Menschen – es gibt also noch Hoffnung. Aus persönlichem Interesse befasse ich mich mit Soziologie. Dabei bin ich auf die Erkenntnistheorie gestoßen, dass Menschen negative Strömungen in ihrer Gesellschaft brauchen, um positive Werte hochzuhalten und zu manifestieren. Wie ein Kind, das ruhig ein wenig Dreck verträgt, um resistenter gegenüber Krankheiten zu werden und gesund zu bleiben.

Deine Worte in österreichischen Wählerohren! Mahlzeit und bis im Sommer zur Massenordination mit Die Ärzte.