Fr, 8. April 2016

Edelweiß und die Straßenmusik

Alicia Edelweiß im Interview

Alicia Edelweiß, eine 23-jährige Österreichin, die in der Alpenrepublik ihr breites Spektrum an Musikwissen und Talent präsentieren möchte. Im Zuge ihres Debüt-Albums ‚Mother, How Could You?‘ haben wir mit der Ausnahme-Musikerin ein kleines Gespräch geführt über Wurzeln, Zirkus-Shows und Straßenmusik!

Hi Alicia, zu allererst interessiert uns, woher denn dein äußerst interessanter Künstlername Alicia Edeweiss kommt. Kannst du uns dazu was sagen? Was verbindet ihn mit deinem Motto ‚The Sound of Music‘?

Hi! Es geschah im Jahre 1992… Meine Eltern hatten die grandiose Idee mir den Vornamen “Edelweiß” zu geben als ich geboren wurde. Mein Vater, ein leidenschaftlicher Bergsteiger, bewunderte die Stärke der edlen Blume, die allen Höhen zu trotzen scheint! Und meine Mutter liebte das Musical “The Sound of Music” sehr, wo es um eine österreichische Familie geht, die im zweiten Weltkrieg über die Alpen in die Schweiz flüchtet. Der Film war in den 60ern ein Hit, besonders in den USA, auch wenn es hier in Österreich kaum jemand zu kennen scheint. Um wieder auf meinen Namen zu kommen – Ein Lied in dem Film heißt “Edelweiß” – darin wird das Edelweiß hochgepriesen und gebeten Österreich zu beschützen! Meine Mutter, die aus England kommt wusste nicht wie die Einheimischen hier auf so eine Namensgebung reagieren würden – ich mache ihr überhaupt keinen Vorwurf. Irgendwann war’s meinen Eltern aber selber auch schon so peinlich, dass ich mir im Alter von fünf Jahren einen neuen aussuchen durfte – was ich damals ziemlich cool fand! So benannte ich mich selber Alicia. Und als ich mir dann einen Künstlernamen aussuchen musste, überredete mich eigentlich ein Freund in Portugal dazu als Alicia Edelweiss aufzutreten. Irgendwie hab ich‘s dann beibehalten. Manche Menschen hier in Österreich denken so einen Künstlernamen zu haben wäre irgendwie ein Akt des Patriotismus, wo bei mir fast eher das Gegenteil der Fall ist. Gerade hier wurde ja mein Name alles andere als akzeptiert. Mittlerweile finde ich, dass es einfach ein echt schöner Name ist und irgendwie zu meiner Freakiness passt. Übrigens, als Junge wäre ich ein “Enzian” geworden!

Deine Wurzeln liegen im Walisisch, Baskischen. Man hört jedoch viel Akkordeon auf dem Album. Woher kommt das?

Meine Entdeckung des Akkordeons kam erst während dem Reisen. Ich begann es mir vor drei Jahren beizubringen als ich in Portugal wohnte. Auf einmal hatte ich das unglaubliche Bedürfnis Akkordeon zu lernen, vielleicht auch weil ich von der Gitarre gelangweilt war und ich mir damit immer sehr leise beim straßenmusizieren vorkam. Ich glaube die Art wie ich spiele erinnert noch am ehesten am französischen Chanson, wobei ich mir nie große Mühe gemacht habe verschiedene Stile zu erlernen. Meistens spiele ich einfach meine eigenen Sachen oder spiele intuitiv. Jedenfalls fühle ich mich unglaublich verbunden mit diesem Instrument.

Du hast dich der ‚Straßenmusik‘ verschrieben. Was ist für dich das Besondere daran?

Besonders liebe ich es akustisch zu spielen und mir meine Seele aus dem Leib zu schreien ohne auf Technik und Mikrofone achten zu müssen. Ich liebe es Kinder in den Bann zu ziehen und ihnen beim Tanzen zuzusehen. Die sind natürlich auch ein toller Münzmagnet! Besonders mag ich‘s wenn die Eltern versuchen sie wegzureißen, aber die Kinder trotzdem stehen bleiben. Wir Erwachsenen sind leider Sklaven der Zeit. Manchmal hört wer zu, manchmal niemand, und oft beobachte ich einfach nur Menschen, die immer gerade versuchen von A nach B zu kommen. Es gibt auch nicht denselben Druck ein Publikum zufrieden zu stellen, wie auf der Bühne. Für mich ist die Straße ein guter Ort zum üben, zum Ausprobieren und neue Lieder aufzufangen. Ich fühle mich dort um Wesentliches freier, gleichzeitig wird es mich aber auch nie vollkommen befriedigen – ich schreibe Lieder und erzähle Geschichten und möchte, dass sie gehört werden. Beides hat seinen Reiz –  ein zuhörendes Publikum bei einem “offiziellen” Konzert und die laute Straße mit all ihren Herausforderungen, Wundern und Überraschungen.

Dein Debütalbum ‚Mother, how could you‘ steht nun in den Startlöchern. Worauf müssen sich unsere Leser einstellen, wenn sie dein Album hören? Hast du dich bei deinen Texten da an die jüngste Neuzeit und Bewegungen in Europa selbst orientiert?

Macht euch auf eine Reise voller Wahnsinn und Spektakel gefasst! Ihr werdet hoffentlich lachen, bestenfalls weinen und ab und zu ein wenig irritiert sein! Ich würde sagen, dass meine oft sehr persönlichen Texte Geschichten sind, die durch Übertreibung auf die Spitze getrieben werden. Natürlich vermischt sich das alles mit dem was mich umgibt, was gerade in der Welt passiert. Aber mein Fokus hat noch nie auf irgendeiner Bewegung oder Szene gelegen. Eine Zeit lang dachte ich, ich müsste politischer sein und dass meine Texte überhaupt nichts bewegen könnten – dass ich zu sehr mit meinen inneren Themen beschäftigt wäre. Aber jetzt sehe ich ein, dass es eigentlich alles dasselbe ist – innen, außen, unten, oben – sei es politische, gesellschaftskritische Musik oder eher emotionale, die versucht das Unterbewusste auszudrücken. Ich denke, da ich ein Mensch bin der einfach einen sehr “alternativen” Lebensstil hat, wird das immer durch meine Texte scheinen. Egal was man macht, Hauptsache man ist ehrlich dabei – nur so kann man meiner Meinung nach Menschen bewegen und inspirieren.

Ich weiß, dass man Künstler nicht in Schubladen schieben darf, und dennoch kann man sagen, dass das Album sehr in Richtung Folk, Freak-Folk, Psychedelic-Folk geht. Hast du da Vorbilder? Woher kommt diese Affinität?

Als ich zum Schreiben begann war ich noch sehr von der Anti-Folk-Szene beeinflusst und orientierte mich sehr an Musiker wie Jeffrey Lewis und The Moldy Peaches. Irgendwann spürte ich aber, dass sich etwas in meiner Art zu singen und schreiben verändern wollte – so entdeckte ich CocoRosie und Devendra Banhart, die ganz große Vorbilder wurden. Auch Joanna Newsom hat mich inspiriert. Als ich zum ersten Mal einen Track von ihr hörte, veränderte das viel in meiner Art zu singen. Obwohl ich kein Riesenfan von ihr bin und sie nie intensiv gehört habe, wurde mir plötzlich klar wie unendlich die Möglichkeiten sind meine Stimme zu benutzen. Ich hatte mich davor immer sehr auf die Lyrics fokussiert. Es war eine Riesentransformation und eine große Herausforderung mich selber in einem neuen Licht zu sehen – wie ich singe, wie ich schreibe. Zu akzeptieren, dass meine Stimme und Musik nicht in eine Box passen will, sondern von Lied zu Lied komplett anders klingen kann, und dass es auch nicht unbedingt “schön” sein muss. CocoRosie hingegen inspirierte mich mehr mit der Komposition zu spielen und experimentierfreudiger mit Songstrukturen, Instrumenten, Geräuschen etc. zu sein.

Am 24.4. ist im Wiener Chelsea deine Album-Release Party. Als Unterstützung hast du Voodoo Jürgens und eine Zirkuseinlage vom Zirkus Giovanni mitgebracht. Warum gerade ein Zirkus? Was können sich Konzertbesucher von deiner Show erwarten?

Mir ist diese Verbindung zur Performancewelt sehr wichtig, da ich selber bei meinen Konzerten damit spiele. Vor circa einem Jahr habe ich zu fantasieren begonnen einem Zirkus beizutreten. Mit einem Freund von mir habe ich damals viele Straßenshows gemacht – ich spielte Akkordeon während er jonglierte. Für mich war der Zirkus komplett neu und für ihn die Musik, und wir wollten beide unbedingt voneinander lernen. So kam ich zu dieser neuen Leidenschaft – in meinem Fall Clownerie und Hula Hoop – was mir wirklich einen guten Ausgleich zur Musik gibt, beziehungsweise meine Möglichkeiten zu performen erweitert. Vielleicht war es zum Teil auch das Akkordeon das mich näher zum Zirkus gebracht hat, da es ja ein sehr typisches Instrument dafür ist. Ich finde auch die Dark-Cabaret Band “The Tiger Lillies” sehr inspirierend, die ihre Shows oft mit Zirkusartisten verbindet.
Bei der Release Party wird mein Konzert aber nicht gleichzeitig mit den Zirkusshows stattfinden – der Zirkus Giovanni hat sogar eine eigene Zirkusband dabei! Neben ihnen und Voodoo Jürgens wird es auch eine Performance des Zirkus/Clowninnen-duos Violoop geben. Ich denke es wird auf jeden Fall ein sehr amüsanter, bunter Abend! Jeder Act ist ein wahrlicher Genuss, und selber wird Alicia Edelweiss mit Band performen – mit Schlagzeuger und wahrscheinlich Kontrabassisten! Ich werde viele Lieder vom neuen Album spielen, aber auch einige bis jetzt unaufgenommene, die einen Vorgeschmack auf die kommende Ära der Edelweiss geben werden.

Wer mehr über Alicias neues Album erfahren möchte, der hat auf Bandcamp die Möglichkeit ein bisschen in die Musikwelt einzutauchen: LINK