Mo, 18. März 2019
Cole's on fire

Cole's on fire

SWMRS im Interview

Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier, dann steht SWMRS vor mir. Die Nachwuchspunker aus Oakland sind momentan auf Tournee und haben ihr neues Album „Berkeley’s On Fire“ im Gepäck. Trotz vollgepackten Terminkalender hatten sie vor ihrem Konzert in Wien Zeit für ein paar Fragen – der eine halt mehr, der andere weniger.

Wie war die Tour bisher? Gibt’s schon lustige Anekdoten?

Cole: Ja, es war schon ein bisschen verrückt. Ich habe zum Beispiel versucht, ein Loch in eines meiner T-Shirts zu brennen und habe aus Versehen das ganze Shirt in Brand gesteckt. Blöderweise hatte ich das T-Shirt zu dem Zeitpunkt an, also habe ich mich dabei fast selbst in Brand gesteckt. Das war kurz vor unserem Auftritt in Barcelona, aber ich glaube, dass das wohl ein sehr passender Start für eine Tour namens „Berkley’s On Fire“ war.

„I drank too much coffee and I didn’t eat breakfast“ – Wer hatte heute die meisten Tassen Kaffee?

Cole: Seb ist eigentlich der größte Coffee-Addict. Er meint, er hat die letzten zehn Jahre nicht einen einzigen Tag ohne Kaffee überstanden. Aber heute habe ich die meisten getrunken – ich hatte sechs Tassen Kaffee und bin noch immer erschöpft. (lacht)

Was ist sonst noch essentiell auf einer Tour neben Koffein?

Cole: Wir machen viele Dehnübungen. Wir lieben Yoga und Meditation. Es ist ein guter Weg, um präsent zu bleiben.

Wo macht ihr das? Im Tourbus ist es ein bisschen eng dafür, oder?

Cole: Ja, das stimmt, man muss schon kreativ werden. Wir müssen uns jeden Tag einen neuen Platz dafür überlegen, aber ich versuche, immer etwas für uns alle zu finden, zum Beispiel eine Yoga-Stunde in der Stadt, in der wir gerade sind.

Ihr habt eure Band sehr jung gegründet und könnt jetzt schon auf 15 Jahre Erfahrung zurückblicken, obwohl ihr gerade erst Anfang 20 seid. Wie hat euch das beeinflusst?

Cole: Ich denke, dass viele Bands vielleicht auf ihre ersten paar Alben zurückblicken und nicht damit zufrieden sind, weil sie zu diesem Zeitpunkt, vielleicht Anfang 20, gerade erst ihre Beziehung zur Musik und ihre Identität als Musiker entwickelt haben. Wir hatten das Glück, das bereits mit 13, 14, 15 machen zu können. Jetzt sind wir 23 und haben gerade unser zweites Album als SWMRS veröffentlicht. Wir wissen mittlerweile genau, was wir machen wollen und wie wir es machen wollen. Das verleiht uns Selbstbewusstsein.

Auf eurem Album thematisiert ihr auch, wie die Medien unsere Wahrnehmung der Umwelt beeinflussen. Wenn man aber den Mainstream-Medien nicht trauen kann, wo soll man dann Informationen herbekommen? Habt ihr Strategien, um die Wahrheit herauszufiltern?

Cole: Um fair zu bleiben, Zeitungen und Printpublikationen mit richtigen Journalisten leisten einen ziemlich guten Job. Doch ich denke, wenn es zu negativ wird, wenn die Medien dich wütend machen, dann ist es Zeit einen Schritt zurückzutreten und weitere Quellen zu finden. Fernsehen macht Geld, indem es dich wütend macht, sodass du weiter schaust. Meiner Meinung nach ist es zwar wichtig, alle negativen Informationen zu bedenken, aber man darf dadurch nicht zu einer negativen Person zu werden. Stattdessen ist es wichtig, herauszufinden, wie man positive Energie in die Welt und in seine Beziehungen bringen kann. Wir sind aus Amerika – bei uns sind die Nachrichten schon richtig dumm.

Auf „Berkeley’s On Fire“ spielt ihr oft mit den Lyrics, zum Beispiel in „Hellboy“. Der Übergang von „Hellboy“ zu „Help This Boy“ soll zeigen, dass viele junge Leute oft keinen gesunden Weg kennen, ihre Wut und Frustration herauszulassen.

Seb: Hi!
Max: Hi! Tut mir leid, dass wir zu spät sind, das Essen kam verspätet.

Kein Problem, Essen hat natürlich Priorität. Wir reden gerade über Plattformen für junge Menschen, in denen sie frei reden können. Wie seht ihr eure Rolle darin?

Cole: Ich denke, es gibt nicht viele Orte, wo junge Menschen auch ernst genommen werden, sie selbst sein können und wo sie alles, was sie fühlen, auch ausdrücken können. Doch es ist wirklich wichtig, dass jeder Jugendliche diese Möglichkeit hat, denn wenn du deine Gefühle nie herauslässt, dann stauen sie sich an und überrollen dich irgendwann. Sie werden schlimmer und schlimmer und sie haben das Potenzial, schrecklich werden. Genau darüber reden wir in „Hellboy“.

Ist das nicht sehr viel Verantwortung für vier Jungs Anfang 20?

Cole: Schon, aber es ist natürlich für uns. Es ist das, was Musik macht für Menschen.
Max: Darüber hinaus gibt es niemand anderen. Ich denke, 20-Jährige sind die perfekten Leute dafür. Wir sind diejenigen, die wirklich wissen was los ist.
Cole: Wir sind gerade über den Berg. (lacht)
Max: Und wir sind dort, wir sehen was los ist. Wir reden mit den Menschen.
Cole: Unsere eigenen Erfahrungen sind noch nicht so lange her, also können wir verstehen, was sie durchmachen. Aber wir haben mehr Perspektive, weil wir selbst nicht mehr mitten drinnen sind.

Auf „Berkeley’s On Fire” behandelt ihr auch die Aufstände gegen Milo Yiannopoulos und zivilen Ungehorsam. Wofür setzt ihr euch ein und wo zieht ihr die Linie zwischen zivilen Ungehorsam und Kriminalität?

Max: Wir respektieren Redefreiheit, so lang es keine Hassrede ist. Doch wenn es Hass wird, dann stehen wir verdammt noch mal auf und sagen etwas dagegen, denn das ist nicht ok. In unserem Land gibt es seit Ewigkeiten eine ganze Diskussion rund um Rede- und Meinungsfreiheit. Es gibt vereinfacht gesagt zwei Seiten: Einerseits Leute, die sie als Schutzschild verwenden, um einfach zu sagen, was auch immer sie wollen und auf der anderen Seite Menschen, die Redefreiheit verwenden, um für Randgruppen und unterdrückten Menschen zu sprechen und auf Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen. Letzteres ist sehr wichtig, aber momentan gibt es viele Leute, die Redefreiheit als eine Art Entschuldigung für viele schlechte Dinge benutzen.
Cole: Genau. Und zum Thema zivilen Ungehorsam: Wir haben Freunde, die an die Antifa Bewegung glauben, und das ist nicht unser Ding, denn schlussendlich sind wir keine gewaltsamen Menschen. Aber wir verstehen auch bis zu einem gewissen Grad Gewalt als Antwort, also versuchen wir, Antifa nicht allzu sehr zu kritisieren. Denn es ist im Endeffekt nur eine Reaktion auf ein viel größeres Problem und darauf sollten wir uns eigentlich konzentrieren. Antifa ist einfach nur die Antwort von manchen Menschen auf ein faschistisches System.  Wir versuchen aber, zu gewaltfreie Lösungen zu ermutigen. Die Welt ist einfach so, wie sie ist, und wir müssen unser Bestes geben, um darauf aufzubauen.

„2019 is a fucking disaster” – Was sind eure Hoffnungen für die Zukunft? Was können und müssen wir besser machen?

Max: Umweltschutz.
Cole: Ja genau, wir haben noch 12 Jahre.
Max: Wir sagen 2019 ist ein Desaster und hoffen, dass 2020 bis 20-alles was noch kommt …
Seb: … großartig werden. (lacht)
Max: Generell sind wir sehr positive Menschen. Wir hoffen, dass Positivität und allgemein die Idee, dass Menschen ihre Umwelt positiv beeinflussen können, zu einer größeren Veränderung führen. Die Umstände sind ziemlich schlecht im Moment, aber behaltet einfach im Hinterkopf: Schaut in die Zukunft, versucht, euer Bestes zu geben, verwendet weniger Wasserflaschen. Auch kleine Dinge sind wichtig! Es nervt, dass wir uns mit dem ganzen verrückten Rassismus-Scheiß beschäftigen müssen, weil es so viele Dinge gibt, die uns beschäftigen sollten. Rassismus hätte schon vor Jahren gelöst werden sollen. Homophobie hätte schon lange abgeschafft werden sollen. Das sind Dinge, die heutzutage kein Problem mehr sein sollten. Aber sie sind es und offensichtlich müssen sie behandelt werden, aber ab einem gewissen Punkt ist es so: Wir sind alle nur Menschen und jetzt lasst uns gemeinsam den Planeten retten!

„Trashbag Baby” ist inspiriert von einem überhörten Telefongespräch. Wer ist der Star des Liedes?

Seb: Es war ein Mädchen, das mit ihrem Freund Schluss gemacht hat. Passierte in genau diesem Bus.
Max: Wir haben viele junge weibliche Fans, die oft gerade in ihrer ersten Beziehung sind.
Cole: Und vielen Jungs wird beigebracht, furchtbare Freunde zu sein.
Max: Ja, und deswegen haben wir entschieden, dass es für uns interessant wäre, zu versuchen, aus dieser Perspektive zu schreiben. Wenn man jung ist, sind die ersten paar Beziehungen voller Lust, aber sie sind oft emotional nicht gesund. Junge Menschen laden oft ihren Ballast auf ihrem Partner ab und erwarten, dass dieser sie heilen kann. Doch so sollte es nicht sein. Beziehung sollten aus zwei gesunden Personen bestehen und manchmal muss man sich zuerst auf sich selbst konzentrieren. Wir hatten das Gefühl, wir müssen darüber reden. Es kann jedem passieren, aber vielleicht führt dieser Song dazu, dass jemand erkennt: „Ok ja, das ist mir gerade passiert und ich sollte raus aus dieser Beziehung – diese Person behandelt mich wie ein Trashbag.“
Cole: Darüber hinaus sind wir diese ganzen Pop-Punk-Songs übers Schlussmachen leid. Sie sind oft sehr misogyn.
Max: Oh mein Gott, wir sind keine Pop-Punk-Band. (lacht)
Cole: Wir sind keine Pop-Punk-Band, aber wir schreiben poppigen Punk. Wir wollten einfach, dass es eine Alternative für Leute gibt, die gerade durch eine Trennung gehen. Oft entwickelt sich eine Beziehung einfach nicht so, wie man es wollte, aber das heißt nicht, dass man seine Ex-Freundin eine Bitch nennen muss.

Richtig! Letzte Frage: Ihr hört selbst viele verschiedene Genres und werdet von verschiedenen Stilen beeinflusst.

Joey: Hi, ich habe es zur letzten Frage noch geschafft. Schieß los! (lacht)

Wenn SWMRS ein Festival abhalten würde, welche Bands würden spielen? Unbegrenztes Budget natürlich.

Cole: Das ist die perfekte letzte Frage.
Joey: Wir haben nämlich gerade heute darüber geredet. (lacht) Ich denke, wir würden definitiv Headliner sein. Wir würden ganz oben stehen, gemeinsam mit den Gorillaz. Es wäre auch Spaß, Bands wie Destiny’s Child oder M.I.A zu haben.
Cole: Oasis würde dafür wieder zusammenkommen.
Max: Und Tierra Whack.
Joey: The Marias und The Garden.
Cole: Und Princess Nokia, Day Glow, Anteros, The Amazons, Skepta und Lady Leshurr.
Max: Wie wärs mit dem, den wir heute angehört haben … er fängt mit einem F an? Der Mann von hier?
Seb: Falco
Alle: Yeah, Falco! (lachen)
Cole: Wir brauchten eh noch ein pièce de résistance.

Wir kommen definitv! Danke fürs Gespräch.