Do, 9. Juli 2015

Atmosphäre. Pathos. Feiner Zwirn.

Interpol im Interview

Trotz oder gerade wegen des minimalistischen Bühnenbilds und der unaufdringlichen Showeffekte: Interpol werden seit ihrem gefeierten Debütalbum ‚Turn On The Bright Lights‘ als neue Joy Divison gefeiert. VOLUME hat die Herren am Primavera Sound Festival in Barcelona besucht. Wie immer wird mit dem Publikum meist wenig interagiert, die Musik und der dichte Sound sprechen für sich. Drei Gentleman, elegant gewandet – eine Szenerie aus einem Guss. Umso erfreulicher, dass der charismatische Frontmann Paul Banks uns im Hinblick auf ihren Auftritt am diesjährigen Frequency Festival sympathisch und locker Rede und Antwort stand. Interpol über ihr aktuelles Album „El Pintor“, Songwriting, Tourblues und eine Reise im DeLorean.

Interpol stehen für progressive Melancholie. Kannst du an ein Kunstwerk, einen Song oder Film oder irgendetwas Ähnliches denken, das dich so sehr berührt hat, dass du Tränen in den Augen hattest?

In letzter Zeit? Ich habe bei Interstellar geweint. Ja, ich bin manchmal etwas nah am Wasser gebaut. (grinst)

Wie würdest du dein Songwriting beschreiben? Näherst du dich der Materie eher wie ein Dichter oder ein Musiker?

Eher als Musiker, da ich der Meinung bin, die Melodie ist König. Man sagt, in der Rockmusik kannst du immer durchkommen, wenn man einfach nur ‚hey ya‘ oder ‚uh lala‘ singt. Weil alles geht, wenn nur das Gefühl stimmt. Das ist also wichtiger.

Du fängst also mit der Melodie an und denkst danach über den Text nach?

Genau.

Und wo kommt nun euer spezieller Sound her?

Von seinem Gitarrenspiel (zeigt zu Daniel Kessler), von Sam’s Drums und der Verbindung all unserer Einflüsse. So einfach ist das Ganze!

Wenn man sich den Titel des aktuellen Albums ‚El Pintor‘ (zu Deutsch: der Maler) anschaut – ein Anagramm von Interpol: Ist das für dich ein verspielter Wortwitz oder eure Annäherung an Musik und das Komponieren?

Ich glaube, der Titel spricht für sich selbst. Wir haben ihn verwendet, da er auf allen Ebenen funktioniert. Das Ganze ist ein Gemeinschaftsding. Würde ich mich wie ein Maler fühlen, gäbe es zwei weitere Menschen, die an derselben Leinwand arbeiten. Es ist aber zu keinem Zeitpunkt nur mein Projekt. Ich denke, du bewegst den Sound so, als würdest du Farbe verteilen. Ein weiterer Faktor ist, dass das Artwork, das wir als Cover ausgewählt haben, mit dem Titel Hand in Hand geht. Der Name musste also wiederum auf verschiedenen Ebenen passen, bevor wir sagen konnten – das ist er definitiv! Wir haben nicht einfach nur gesagt ‚Hey, lasst uns ein Anagramm kreieren‘ (lächelt). Es funktionierte einfach auf allen Ebenen.

Wie siehst du das? Die meisten Kritiker vergleichen euer aktuelles Album mit eurem Erstling ‚Turn on the Bright Lights‘. Ärgernis oder richtige Erkenntnis?

Natürlich ärgert es mich nicht. In erster Linie denke ich, sobald jemand eine positive Geschichte zu deinem Album schreibt – egal ob du als Musiker zustimmst oder nicht – ist es großartig! Wie der Vergleich mit dem ersten Album – cool! Ich kann diese Auffassung nur vertreten.

Liest und befasst du dich mit Kritiken?

Nö, lese ich nicht. Aber in gewissen Punkten kann ich diesen Aussagen etwas abgewinnen. Unser erstes Album versprühte eine Energie, die du nur beim ersten Album zustande bringst. Und das aktuelle Album war im Wesentlichen unser erstes Album als ’neue Band‘. Deswegen glaube ich, es könnte eine ähnliche Art von Kühnheit zu hören sein, die normalerweise nur beim Outing funktioniert.

Reden wir über eure Bühnenshows. Was ist der Unterschied zwischen einem Clubkonzert und einer Festivalshow vor tausenden Menschen?

Beides ist ein Vergnügen, aber natürlich unterschiedlicher Ausprägung – ein anderes Paar Schuhe sozusagen (lacht). Es ist cool, in einem engen Raum aufzutreten, wo es richtig heiß wird, raucht, der Sound vibriert und es gesteckt voll ist. Dann gibt es diesen komplett anderen Trip – vor dir ein Meer an Menschen und über dir nur noch der Himmel. Die beiden Szenarien sind sich nicht wirklich ähnlich, aber man kann nicht sagen, dass eines ist besser.

Wie bereitest du dich auf deinen Auftritt vor? Gibt’s ein gewisses Ritual?

Ich wärme mich ein wenig an der Gitarre auf. Arbeite an der Stimme. Mimimimiiii…

Immer noch nervös?

Nur manchmal ein kleines bisschen.

Hast du nach der Tour so etwas wie einen Tourblues? Ist es schwer für dich, wieder in dein ‚gewöhnliches‘ Leben zurückzufinden?

Definitiv! Ich habe mich in letzter Zeit quasi von Projekt zu Projekt gehantelt. Es ist ein ’niemals zur Ruhe kommen‘, was wieder eine andere Geschichte ist. Aber es gibt auf jeden Fall so etwas wie einen Tourblues. Du kommst zuhause an und stellst dir Fragen wie ‚Was ist meine Bestimmung?‘ oder ‚Was bringt der Tag?‘. Es gibt plötzlich unendlich viele Möglichkeiten – es ist nicht ’nur‘ ein Konzert nach dem anderen zu spielen.

Themenwechsel: Du kennst sicher den Film ‚Zurück in die Zukunft‘. Wenn du mit Marty McFly in jede erdenkliche Epoche reisen könntest – mit welchem Musiker würdest du gerne spielen? Tot oder lebendig?

Wenn ich eine Zeitreise im DeLorean machen könnte? Das wäre eine schräge Sache. Ich überlege gerade, mit wem ich zusammenpassen würde, der nicht total außerhalb meiner Liga ist. Wenn ich jetzt sage Jimmy Hendrix – WTF könnte ich mit Jimmy Hendrix machen? Also entscheide ich mich für Syd Barrett!

Wie schaut ein besonders guter Tourtag für dich aus?

So ein Tag beinhaltet ein Hotel in der Innenstadt – in einer vibrierenden Nachbarschaft mit einem guten Coffeeshop, einem guten Fitnessstudio oder einem guten Schwimmbad.

Also entspannst du gerne tagsüber?

Oh ja! Dann ein gutes Essen und eine gute Show spielen. Es klingt sehr langweilig, aber so einfach ist es. Wenn du ein leckeres Essen und eine feine Tasse Kaffee bekommst, ist es ein guter Tag.

Danke Paul. Wir setzen dann schon mal Kaffee auf und freuen uns sehr auf euren Auftritt am Frequency Festival!