Nuclear Jazz im Kernkraftwerk
Interview mit Pipeline Punch aus Graz
Was passiert, wenn man drei top ausgebildete Musiker für eine Live Session in ein Kernkraftwerk steckt? Sowas wie eine musikalische Kettenreaktion. Mag auch die Genrebezeichnung noch etwas instabil sein, sind Pipeline Punch für uns der Inbegriff von Nuclear Jazz. Komplett instrumental, unvorhersehbar und derart mitreißend, dass die YouTube-Kommentare unter ihrer frisch veröffentlichten „AKW Session Vol. 1“ aus Zwentendorf zwischen „Pink Floyd von 2026“ und „ultrasexy“ oszillieren. VOLUME hat zwei von den drei Grazern getroffen, um über Liebe auf den ersten Jam, rote Knöpfe und die Magie von 20 Sekunden Reaktor-Hall zu reden.

Die Initialzündung: Ihr habt euch Ende 2025 getroffen und binnen 48 Stunden 15 Songs geschrieben. Das klingt, als hätte da dringend was rausgemusst?
Roli: Es war absolut wie ein Blind Date, wir haben uns davor ja gar nicht wirklich gekannt und zuerst habe ich auch nur mit Felix gejammt. Wir haben aber schnell gemerkt, dass da noch was fehlt. Dann kam Fabio dazu und im Grunde haben wir direkt beim Jammen die Record-Taste gedrückt und alles aufgenommen.
Felix: Ja, das hatte echt was von einer romantischen ATV-Sendung. Wir hatten uns davor genau einmal kurz gesehen. Aber beim Spielen hat es sofort geklickt. Man kann das gar nicht genau erklären: Wir haben zuerst das ganze Equipment aufgebaut, uns danach erst so richtig kennengelernt und beim Musikmachen direkt aufgenommen. Es ist einfach so aus uns herausgesprudelt.
Roli: Von uns allen sind die Augen beim Spielen einfach immer größer geworden, weil es so funktioniert hat.
Was passiert da im Kopf, ihr seid immerhin top ausgebildete Musiker?
Roli: Wir denken da einfach nicht viel nach. Bei unserer Musik ist Improvisation ein großer Bestandteil. Wir spielen nie einen Song zweimal komplett gleich, es gibt immer Elemente, die sich – auch spontan – verändern können.
Felix: Wir vertrauen ziemlich blind darauf, dass die anderen beiden verdammt gut sind. Alles, was sonst passiert, passiert.

Graz hat ja eine extrem starke, traditionelle Jazz-Schule. Seid ihr jetzt die „jungen Wilden“, die das Genre gerade mit Synthies und Rock aufmischen?
Felix: Das Schöne ist, dass wir alle aus völlig verschiedenen musikalischen Ecken kommen, aber in dieser Band eine gemeinsame Sprache finden. Dadurch wird es zu einem großen Ganzen. Reiner „Jazz“ ist es ja nicht, dafür haben wir viel zu viele elektronische und rockige Elemente drin. Wir suchen da selbst noch nach dem passenden Begriff.
Roli: Es ist eine Art „Alternativ-Jazz-Rock“?
Felix: Aber auch irgendwie „Experimental-Electronic-Jazz-Rock“?
Zu eurer AKW Session: Ein Kernkraftwerk, das nach einer Volksabstimmung in den 70ern nie ans Netz ging, ist das ultimative Symbol für ungenutzte Energie. War eure Live-Session im Kontrollraum von Zwentendorf eine Art musikalisches Nachholen der Kernschmelze?
Felix: Die Geschichte dahinter ist auch super spontan: In den zwei Tagen, in denen wir die ersten Songs kreiert haben, haben wir ein bisserl herumgeblödelt. Roli meinte so nebenbei: „Ein Atomkraftwerk wäre doch eine tolle Location.“ Und am nächsten Tag hatte er das tatsächlich organisiert.
Roli: Das war so eine klassische Idee beim zweiten oder dritten Bier. Ich habe am nächsten Tag kurz herumtelefoniert, und plötzlich war die Sache fix: Wir dürfen dort drehen.
Wer von euch dreien ist im Kontrollraum zwischen all den historischen Reglern am ehesten der Typ: „Ich drück jetzt diesen fetten roten Knopf und schau, was passiert“?
Roli: Ich glaube, das hat es jeden von uns dreien massiv in den Fingern gejuckt.
Ihr habt davor nur im Studio und bei Roli daheim gespielt. In Zwentendorf hattet ihr eine komplett surreale Kulisse. Was hat dieser Ort mit eurer Dynamik gemacht?
Felix: Wir haben vor der Session eine Führung bekommen und alle Räume gespottet. Unter anderem waren wir in dieser riesigen Halle mit dem Zylinder, direkt beim Reaktor. Dort hatten wir einen natürlichen Hall von 20 Sekunden, das war heftig. in dem Raum, den wir dann genutzt haben, wars dann super.
Roli: Es war extrem spannend. Wir haben da echt Zugang zu einem Raum bekommen, in dem noch nie zuvor Musik stattgefunden hat. Da ist nur nackter Beton und massiver Stahl. Das macht was mit einem. Auch der Gedanke, dass Tschernobyl jetzt gerade genau 40 Jahre her ist, war arg. Unsere Musik passt da irgendwie dazu, die Energie kam richtig schön raus.
Ein Fan hat unter eurem Post kommentiert, ihr seid die „Pink Floyd 2026“ und ihr bringt „Harmony in Chaos“.
Roli: Das passt eigentlich perfekt. Wir sind im Grunde drei Chaoten, die zusammen Musik machen, und auf einer mysteriösen Ebene funktioniert das einfach.
Ein anderer Kommentar lautete und ich zitiere: „Ultrasexy!“ Wie sichert ihr diesen gemeinsamen Vibe trotz unterschiedlicher professioneller Ausbildung?
Felix: Geh bitte, wir sind privat ja eh auch alle so!
Roli: Die Antwort muss jetzt eigentlich Felix geben, der aus der Klassik kommt, weil Jazz ist immer ein bissl dreckig, und wir ziehen das einfach konsequent durch. Im Endeffekt wollen wir mit dem Ganzen eine Geschichte erzählen. Es geht um den Vibe, den wir im Raum kreieren. Da ist eben nicht jeder Schlag exakt gleich wie in der Popmusik.
Wie reagieren die Leute bei euren Konzerten auf diesen instrumentalen Trip?
Felix: Viele sagen uns nach den Shows, dass es sich wie eine Reise angefühlt hat und dass man im Publikum einfach mitgerissen wird.
Roli: Das Spannende ist ja, dass wir selbst live oft nicht wissen, wohin die Reise eigentlich geht. Wir malen mit der Musik Bilder. Wir wissen im Vorfeld vielleicht, ob das Bild im Groben rot wird, aber ob es am Ende heller oder dunkler schattiert ist, bleibt völlig frei. Das macht jedes einzelne Konzert und jedes gemeinsame Spielen absolut einzigartig.

Was habt ihr selbst vor Augen, wenn ihr rein instrumental spielt?
Felix: Ich persönlich spüre die einzelnen musikalischen Nuancen viel intensiver, wenn kein Gesang da ist. Es fällt mir leichter, mich voll in den Sound hineinkippen zu lassen, weil keine Vocals im Weg stehen, die den Raum einnehmen. Man hört genauer zu: Da ist viel Synthie, da sind extrem viele Details, die man live erst so richtig herausmeißelt. Es ist, als hätten wir drei verschiedene Pinsel in der Hand und würden in Echtzeit zusammen ein Bild malen.
Wie sehen die Pläne für das restliche Jahr aus?
Felix: Vor dem Sommer wollen wir hoffentlich die zweite Session im AKW rausbringen, und das fertige Album kommt dann im Herbst. Wer uns live sehen will: Am 04. Juni spielen wir im Parkhouse in Graz.
Roli: Unser riesiger Vorteil ist, dass wir durch die vielen Improvisations-Elemente machen können, was wir wollen. Wir müssen nicht ins Radio passen, wir müssen im Vorfeld nicht stundenlang proben und diskutieren. Es zählt nur der Moment, der aufgenommen wird. Das merkt man auch auf den Konzerten: Wenn du als Zuschauer da bist, weißt du ganz genau: So wie jetzt wird es nie wieder klingen. Dadurch bleiben wir immer frisch. Und ultrasexy natürlich.
Wir sind jetzt schon am Strahlen und freuen uns aufs Event!
