"Wir brauchen Wut und wir brauchen Wholesomeness"
Interview mit Marley Wildthing
Wenn eine Ein-Frau-Show ihre Bässe, Beats und Harmonien derart gekonnt in die Loop-Station schichtet, kann auch die VOLUME-Redaktion schon mal vergessen, dass da nur eine Person auf der Bühne steht: Marley Wildthing will nicht still sein und das kriegen wir auf mehreren Ebenen zu spüren. Wir finden sie allzeit on the move, zwischen Wien und Prag, zwischen Pop-Rock und feministischem Indie, und ganz aktuell zwischen den Stühlen gesellschaftlicher Erwartungen. Mit ihrer neuen Single „Come out“ hat sie nicht nur einen verdammt eingängigen Song geschrieben, sondern auch einen persönlichen Befreiungsschlag für sich und viele andere gelandet. Wir haben über chaotische innere Monologe geredet, über die Tücken der Bühnentontechnik und warum AI bitteschön den Haushalt machen soll, während wir über Feelings singen.

Grüß dich, Marley! Du hast gerade eine Show hinter dir. Große oder kleine Konzerte, was ist für dich da der markanteste Unterschied?
Ich spiele irrsinnig gerne in kleinen Bars. Da lernt man die Leute richtig kennen, man hat den Abend und das Publikum für sich, ganz anders als in großen Clubs. Bei den größeren Shows hab ich das Gefühl, es fallen selbst die kleinsten Missgeschicke sofort auf. Ich hab neulich bei einem Kurt-Cobain-Tribute-Abend im Chelsea schon vorher befürchtet, dass ich Textpatzer haben werde. Und genau so ist es dann auch gekommen. Bei kleineren Gigs merk ich dann auch selbst, dass ich weniger nervös bin und mich mehr darauf freuen kann.
Wenn dich jemand gar nicht kennt und fragt, was du da eigentlich machst, wie beschreibst du deinen Sound?
Meine neueren Sachen würde ich als Queer Indie Rock bezeichnen. Es geht viel um feministische Themen und Selbstakzeptanz. Ich liebe es, mich neu zu erfinden; ich brauche diesen Wechsel in Stil und Thema. Da halte ich es wie David Bowie: Wenn man sich zu wohl fühlt, muss man ein Stück weiter an die Kante gehen. In der Komfortzone lernt man nichts über sich selbst, da wird mir auch schnell langweilig.
In deinem neuen Song „Come out“ wird es sehr persönlich. Du hast sogar einen Monolog eingebaut.
Genau, der Song ist für mich die Möglichkeit, diese vielen Gefühle rund um mein Coming-out zu sortieren. Ich hab ihn zu Hause geschrieben, nachdem ich davor bei einer Gelegenheit eher nur herumgestammelt habe, als ich das Ganze jemandem erklären wollte. Der Song ist jetzt mein Sprachrohr und ich bin schon richtig aufgeregt, ihn live möglichst vielen Menschen zu zeigen. Diese Aufregung, vor allem, wenn es um was Neues, in dem Fall um so etwas Persönliches geht, brauche ich auch ein bisschen. Das ist für mich eher positive Energie, kein unangenehmer Stress.
Wie ist die Resonanz zu deinen neueren Songs bisher? Du wurdest ja auch schon auf FM4 gespielt?
Jaa, das mit FM4 war definitiv ein Punkt auf meiner Bucket List! Allgemein ist das Feedback sehr gut. Das Schönste ist, wenn Leute mir sagen, dass sie sich in dem Song wiederfinden. Das ist wahnsinnig schön mitzubekommen.
Du thematisiert auch das „Raum einnehmen“. War das für dich als Solokünstlerin ein Prozess?
Absolut. Ich war früher in einer Beziehung, in der ich eher lieb und leise sein musste. Das hat sich lange in meine Musik gezogen. Erst danach bin ich draufgekommen, wie wichtig es ist, laut zu sein. Aber das erfordert Übung. Alleine auf der Bühne zu stehen und den Tontechnikern – die ja oft Männer sind, die sich dann „schwer getan“ haben, meine Stimme richtig einzustellen – genau zu sagen, was ich brauche, erfordert Selbstbewusstsein. Mein Setup mit der Loop-Station, dem Bass, der Ukulele und den Drum-Samples ist komplex und da kenne ich mich halt am besten aus. Ich weiß genau, wie das funktioniert, und das fordere ich heute auch ein.

Du wirkst wie eine gesamte Band auf der Bühne und bringst auch dementsprechende Energy mit.
Viele haben mich schon gefragt, warum ich eigentlich keine Band habe. Aber ich stehe ja gerne alleine dort. Mit den Stimmharmonien und den Loops klingt es ja eh wie eine Gruppe an Leuten. Ein Wendepunkt war dafür sicher das Donauinselfest vor vier Jahren beim „Rock the Island“-Contest. Da stand ich auf dieser riesigen Bühne, damals noch zu dritt, und technisch ist so viel schiefgelaufen. Da wollte ich wissen: Wie mache ich das so, dass ich die volle Kontrolle habe über das, was passiert? ich war dann auch in einem „Pop Camp“ Coaching und hab dort viel über mich gelernt. Da habe ich mir selbst bewiesen, ich kann das allein. Das ist ein sehr befreiendes Gefühl.
„Come Out“ bringt deepe Themen mit positiver Energie zusammen. Warum brauchen wir mehr Wholesomeness?
Wir brauchen Wut UND wir brauchen Wholesomeness. Beides ist wichtig. Man muss Dinge rauslassen und auch mal schreien dürfen. Viele von uns haben viel zu lange Angst davor gehabt, wütend zu sein, weil es verletzlich macht. Und es ist genauso wichtig, das, was man ist, zu feiern, da kommt die Wholesomeness ins Spiel. Meine letzten songs sind positiv und sollen viel Energie geben, füreinander und für sich selbst da zu sein.
Viele von uns haben viel zu lange Angst davor gehabt, wütend zu sein, weil es verletzlich macht.
Ein aktuelles Reizthema: AI in der Musik. Wie stehst du dazu?
Diese Gespräche hatte ich in letzter Zeit öfter und treffe da auf unterschiedliche Perspektiven. Ich persönlich MUSS aufschreiben, singen was in mir vorgeht, das muss einfach aus mir raus. Wenn der ganze Songwriterinnen-Prozess verloren geht, verstehe ich nicht, warum man das macht. Beim Musikmachen geht es ja nicht ums Ankommen, sondern um den Weg dorthin. Viele AI-Songs klingen lieblos, bestehen nur aus Hooks ohne Tiefe und sind merklich dafür konzipiert, den Algo zu befeuern. Ganz ehrlich: Ich hätte gerne, dass die AI meinen Haushalt schmeißt, damit ich Zeit für die lustigen, kreativen Sachen habe!
„Come out“ ist der zweite Teil deiner Konzept-EP „Happy Birthday to me“. Das Video dazu sieht nach viel Arbeit aus.
Wir haben in verlassenen Hotels in Kroatien gedreht. Dieses Schloss-Motiv aus dem ersten Video wird immer wiederkehren, es verfließt alles ineinander. Der Song selbst ist wie ein Gefühlschaos, er fängt ruhig an, hat einen rockigen Refrain und dann diesen dichten Monolog. Man muss ihn mit Aufmerksamkeit hören.

Wo kann man dich demnächst live sehen?
Am 10. Juli spiele ich beim Kultursommer im Hyblerpark. Da gibt es dann wahrscheinlich schon den dritten Song der EP „Happy Birthday to me“ zu hören. Und am 20. Oktober feiern wir das große EP-Releasekonzert im Chelsea!
Da sehen wir uns fix! Mehr Infos zu kommenden Veranstaltungen in unserem Eventkalender.
