Do., 12. März 2026

"Bei mir gibt es Female Rage in sanft."

Interview mit Fraeulein Astrid

Dass manche Fans ihre Auftritte als feenhaft bezeichnen, ist nachvollziehbar. In einem Märchen wäre Fraeulein Astrid wohl eine höchst kompetente Fee. Eine, die so zu dir singt, dass du dich verstanden und verzaubert fühlst. Eine, die dir ein special Kleid auf den Leib beschwört. Eine Fee, die mit dir zusammen periodenblutbemalt das Thema medical gaslighting anzündet.

Die in Wien lebende Electronic Singer-Songwriterin Fraeulein Astrid (immer mit ae) schreibt und produziert seit Jahren selbst und mischt auf Bühne und Social Media Hochpersönliches mit Gesellschaftskritischem. Schon ihre Debüt-EP „my therapist says you’re an asshole“ aus dem Jahr 2024 macht das deutlich: Songs, die gleichzeitig weich und unbequem sein können und stets einen magischen Vibe mitbringen.

Aktuell arbeitet Fraeulein Astrid an ihrem ersten Album. Ihr Sound bringt Synthflächen und E-Gitarre mit intime Klavier-Momenten zusammen, „sad girl“-Melancholie mit einem wohlberechtigten Grant, der nicht laut werden muss um zu hitten. Mit ihrer neuen Single „sag mir du erinnerst dich“, ihrem ersten deutschsprachigen Song, richtet sich diese Energie nun auf ein Thema, über das lange zu wenig gesprochen wurde.

(c) Michelle Rassnitzer

Eine Krankheit, die lange überhört wurde

Endometriose betrifft laut Schätzungen etwa jede zehnte menstruierende Person. Dabei wächst gebärmutterschleimhautähnliches Gewebe außerhalb der Gebärmutter, was chronische Schmerzen, Entzündungen und massive Einschränkungen im Alltag verursachen kann.

Trotz dieser hohen Betroffenenzahl dauert es im Durchschnitt sieben bis zehn Jahre, bis eine Diagnose gestellt wird. Viele berichten von Erfahrungen, die heute unter dem Begriff medical gaslighting diskutiert werden: Beschwerden werden relativiert, Schmerzen als übertrieben dargestellt oder psychologisch erklärt.

Währenddessen bleibt die Forschungslage vergleichsweise dünn. Neue Studien und Initiativen bringen zwar Bewegung in das Thema, doch der Abstand zu anderen chronischen Erkrankungen ist weiterhin groß. Noch unbekannter: das Thema Adenomyose. Wir haben mit Fraeulein Astrid darüber geredet. Und über ein paar andere Sachen.

Interview mit Fraeulein Astrid

Grüß dich, Astrid! Wie geht es dir gerade?

Mir geht es inzwischen deutlich stabiler als noch 2025. Letztes Jahr war gesundheitlich wirklich intensiv. Ich war sehr viel krank, dann kam noch eine Autoimmunerkrankung dazu und irgendwann hatte ich das Gefühl, mein Körper versucht gerade mehrere Baustellen gleichzeitig zu regeln.

Das war anstrengend für mich, aber auch ein Moment, in dem ich begonnen habe, genauer hinzuhören. Ich verstehe heute besser, was mein Körper eigentlich braucht und wo meine Grenzen liegen. Das tut gut.

(c) Nick Limberger

Wann hast du gemerkt, dass deine Beschwerden mehr sind als „normale“ Periodenschmerzen?

Das war tatsächlich ein Prozess. Die Endometriose und die damit zusammenhängenden Schmerzen haben sich bei mir erst im Laufe der Zeit entwickelt. Meine Mama war die Erste, die irgendwann das Wort Endometriose in den Raum gestellt hat.

Ich habe da eh „Glück“ gehabt, weil ich Vergleichswerte zu früher hatte und deswegen gemerkt habe, dass sich bei mir etwas verändert hat. Früher war mein Körper anders. Da habe ich angefangen, mir selbst zuzuhören und zu sagen: vielleicht stimmt hier wirklich etwas nicht.

Viele Betroffene sprechen von medical gaslighting. War das auch Teil deiner Erfahrung?

Ich würde es auf jeden Fall so nennen. Dieses Gefühl, nicht ernst genommen zu werden, ist etwas, das viele kennen. Man sitzt in einer Praxis, beschreibt seine Schmerzen und bekommt dann Antworten, die einen eher beruhigen sollen als wirklich hinzuschauen.

Zum Beispiel: „Das ist halt so.“ Oder „Nehmen Sie die Pille und setzen Sie die Periode aus.“ Das Problem ist, dass man irgendwann beginnt, an sich selbst zu zweifeln. Man denkt: Vielleicht übertreibe ich wirklich. Vielleicht ist das einfach mein Schmerzlevel und das ist jetzt für immer so.

Dieses Zweifeln ist eigentlich das Gefährlichste an der ganzen Sache. Weil es dich davon abhält, weiterzufragen.

Dein Song heißt „Sag mir, du erinnerst dich“. Wer ist „du“?

Das ist absichtlich offen gehalten. Im Refrain spreche ich die Krankheit direkt an, weil sie diejenige ist, die immer wieder auftaucht, mich einschränkt, aber gleichzeitig auch Teil meiner Realität ist.

In den Verses richtet sich das „du“ eher an Ärztinnen und Ärzte, die mich nicht ernst genommen haben. Das Thema medical gaslighting zieht sich da sehr stark durch. Ich wollte diese beiden Ebenen nebeneinanderstellen. Den Körper und das System.

Wie wurde das Thema Endometriose zu einem Lied?

Am 30.12.2025 habe ich angefangen, diesen Song zu schreiben und zu recorden. Am 3.1.2026 um 23:00 habe ich den Song bei Fm4 für den Protestsongcontest eingereicht und es tatsächlich bis ins Finale geschafft.

Generell entstehen meine Songs selten geplant. Ich habe viele Notizen im Handy, kleine Textfragmente oder Gedanken, die ich irgendwann festhalte. In den letzten Jahren habe ich viel mehr deutschsprachige Musik gehört. Das fühlt sich für mich direkter an. Intimer. Irgendwann war da der Gedanke, dass ich gerne eine Art Hymne zu diesem Thema hätte.

Eigentlich wollte ich mit einem anderen Song zum Protestsongcontest gehen, „Silenced“. Während ich daran gearbeitet habe, wurde mir klar, dass „sag mir du erinnerst dich“ gerade der wichtigere Song ist. Ich habe ihn am 3. Jänner um 23 Uhr abgeschickt. Das war wirklich die letzte Minute. Felix Paschke hat die Drums gemacht und den Rest habe ich selbst produziert.

Irgendwann war da der Gedanke, dass ich gerne eine Art Hymne zu diesem Thema hätte.

Das Cover zeigt dein eigenes Periodenblut.

Oh ja. Die tolle Minna Rothbart hat den Schriftzug mit meinem eigenen Blut gemalt – ein echter Freundschaftsbeweis. Für mich war das kein Schockmoment oder eine Provokation, eher eine logische Entscheidung.

Wenn man über den Körper spricht, über Blut, über Schmerzen, dann kann man das auch sichtbar machen. Es ist ein sehr persönliches Bild geworden. Und das Lustige ist: Das Blut steht jetzt noch bei mir zu Hause. In einem kleinen Behälter. Und ich kann mich irgendwie nicht davon trennen.

(c) Michelle Rassnitzer

Du bringst eine Mischung aus Feenhaftem und Wut, wie hat sich das bei dir entwickelt?

Ich finde, diese beiden Dinge passen wunderbar zusammen. Für mich kann Wut auch ruhig sein. Sie muss nicht laut sein oder zerstörerisch. Meine früheren Songs sind deutlicher „sad girl“. Jetzt merke ich, dass ich Dinge besser benennen kann, die mich eigentlich wütend machen und nicht sad. Female Rage beschreibt das ganz gut – bei mir gibt es Female Rage in sanft.

Du arbeitest komplett unabhängig?

Genau, ich schreibe und produziere meine Musik selbst. Das gibt mir viel Freiheit, weil ich meine Ideen sofort umsetzen kann. Gleichzeitig ist es natürlich auch viel Arbeit, weil man alle, wirklich alle Rollen gleichzeitig übernimmt. Das ausüben zu können, erfüllt mich trotzdem täglich mit Dankbarkeit und Freude – egal, wie viel los ist.

In 2027 will ich mein Album veröffentlichen. Ob ich das komplett indie mache oder mit einem Label, weiss ich noch nicht. Außerdem werd ich natürlich mein Glück beim Musikfond probieren.

Du sprichst auch offen über Bezahlung in der Musikbranche?

Ja, weil das Thema einfach real ist. Als Solokünstlerin steht man oft ganz hinten in der Futterkette. Viele Dinge werden erwartet, aber nicht immer fair bezahlt. Ich finde, dass alle, die an einer Produktion oder einem Auftritt beteiligt sind, auch entsprechend entlohnt werden sollten und das will ich gewährleisten, dafür setz ich mich ein.

(c) Aaron-Stangl

Neben der Musik arbeitest du auch als Stylistin?

Ja, und das macht mir gerade extrem viel Spaß. Ich baue mein Portfolio auf und arbeite mit verschiedenen Künstlerinnen und Künstlern.

Dabei lege ich echt Wert darauf, dass sich Menschen nicht verkleidet fühlen und dass es auf jeden Fall zur Person passt. Styling sollte nichts überstülpen, sondern etwas sichtbar machen, das schon da ist. Dieses Vertrauen, das man bekommt, wenn jemand sagt „ich fühle mich wohl in dem, was du ausgesucht hast“, ist soo schön.

(c) Michelle Rassnitzer

Wo kann man dich das nächste Mal live sehen?

Am 29. Mai in Graz beim La Strada, im Rahmen von UniVibes an der Kunstuni. Das wird eine spezielle Performance im alten Unibibliothekssaal. Wir arbeiten dort mit verschiedenen Stationen aus dem EP-Video, also eher eine begehbare Performance als ein klassisches Konzert. Es gibt zwei Spielzeiten, damit mehr Leute die Möglichkeit haben, das zu sehen.

Und am 17. Juni spiele ich in Linz, open air im Musikpavillon.

Danke für das Gespräch und frohes Weiterzaubern!