Mi, 3. Dezember 2014

Kaffee mit Lorraine

VOLUME Freeride Special

Lorraine Huber ist eine Pionierin der österreichischen Freeride Szene. Und das sagt nicht nur sie über sich, sondern auch andere. Was im ersten Moment unbescheiden und kokett klingen mag, ist bei näherer Betrachtung nichts als die reine Wahrheit. Aktuell ist Lorraine Vizeweltmeisterin im Freeriden. Eine beeindruckende Leistung, das Ergebnis harter Arbeit. Doch Loris Geschichte als Freeriderin ist viel länger und vielseitiger, und so ist es kein Wunder, dass sie in der Szene jeden kennt und umgekehrt. Die Wege von Huber und dem Schreiber dieser Zeilen kreuzten sich immer wieder. Viele gemeinsame Skitage in Neuseeland und Österreich und zahlreiche Diskussionen über das Freeriden später traf man sich also an einem lauen Spätsommernachmittag im schönen Ladis bei Kaffee und Kuchen, um wieder mal über ihr Leben als Freeride-Profi zu plaudern.

Lorraine wirkt tiefenentspannt und ausgeglichen. Dieser Zustand ist nach einigen Jahren voller Verletzungen und körperlichen Berg- und Talfahrten keine Selbstverständlichkeit. Hinter ihr liegt ihre – aus wettkampfmäßiger Sicht – erfolgreichste Saison. Nach einem starken Winter 12/13 auf der Qualifier Tour ist Lori mental und körperlich topfit in die Freeride World Tour gegangen, hat dort ein bissl aufgemischt, in Snowbird ihren ersten Toursieg einfahren können und ist schließlich als Vizeweltmeisterin in ihren Heimatort Lech zurückgekehrt.

Lorraine, es ist Ende August. Was machst du den ganzen Tag?
Trainieren. Das Niveau auf der Freeride World Tour erreicht jedes Jahr neue Höhen, gleichzeitig steigt die körperliche Komponente. Ein starker Körper gepaart mit der entsprechenden Ausdauer ist inzwischen unbedingte Voraussetzung, um erstens im Spitzenfeld mitfahren zu können und zweitens – ganz wichtig – verletzungsfrei durch die Saison zu kommen. Im Sommer trainiere ich konsequent mit meinem Trainer Phil Anker. Und das macht erstaunlich viel Spaß. Phil setzt für mich und Kollegen wie Stefan Häusl permanent neue Trainingsreize. Vorgestern waren wir auf der Highline. War lässig. Ein weiterer signifikanter Zeitvertreib ist, das Leben als Freeride Profi zu organisieren. Sponsorensuche und Management, Medienbetreuung und Portfolioerstellung, die richtigen Kommunikationsstrategien. Etliche Kollegen haben inzwischen eigene Manager, ich mache das selbst.
Daher also die Ausgeglichenheit. Körperlich bist du topfit, man sieht es dir auch an. Wechseln wir zum Sozialen. Eine der verbreitetsten Mythen ist ja, dass die FWT Athleten dauerbekiffte Partyaffen sind, die sich – das Über-Ich ausschaltend – über 80 Meter Klippen werfen, um unten ein Dosenbier wegzukippen. Und wie immer steckt da ein Körnchen Wahrheit drinnen. Aber…

Natürlich bewegen sich auf der Tour Profiathleten. Es steckt unglaublich viel seriöse Vorbereitung in jedem Wettkampf, die richtige Linienwahl muss zu den persönlichen und technischen Vorlieben passen. Es wird taktiert, und die Konkurrentinnen werden genau beobachtet. Aber es gibt Freundschaften, die auch in ernsten Wettkampfsituationen nicht ihre Vertrautheit verlieren. Im Speziellen tausche ich mich vor Contests mit Janina Kuzma und Matilda Rapaport aus und spreche mit ihnen offen über Linienwahl und Möglichkeiten, auch wenn sie wenig später Gegnerinnen sind. Stefan Häusl und ich vergleichen ebenfalls gerne unsere Strategien vor dem Start.
Lori, du bezeichnest dich als Pionierin des Freeridens in Österreich. Eine selbstbewusste Ansage. Wie rechtfertigst du diese Selbstbezeichnung?
Durch Erfahrung. Mein Leben hat sich immer stark um das Skifahren gedreht, als Skilehrertochter aus Lech war das natürlich naheliegend. Gleichzeitig hat mich meine Herkunft (Lorraines Mutter ist aus Australien) auch recht früh kosmopolitisches Denken gelehrt, eine Eigenschaft die man Freeridern ja gerne nachsagt. Ich bin staatlich geprüfte Skilehrerin und Skiführerin und habe schon vor zehn Jahren eines der ersten Freeride Center Österreichs mit aufgebaut und geleitet. Neben den didaktischen und methodischen Fertigkeiten habe ich in diesen Jahren auch ein Gespür für Entscheidungsstrategien im Gelände entwickelt.

Diese Erfahrungen sind auch das Um und Auf, um als Wettkampfathletin erfolgreich zu sein und als Freeriderin alt zu werden. Der Kaffee ist getrunken, der Kuchen verputzt, die Sonne verschwindet Richtung Paznaun. Das Gespräch dreht sich weiter, es geht um zukünftige alpine Projekte, aber auch alltäglichen Gossip. Darüber ein ander Mal. Lorraine kann man in zahllosen prämierten Filmen sehen und diesen Winter auf der Freeride World Tour verfolgen.
Mehr Infos: www.lorrainehuber.com

Stephan Skrobar