Mi, 3. Dezember 2014

Die Macher im Hintergrund

VOLUME Freeride Special

Wie verdient man als Freeskier genug Geld, um eine mehrköpfige Familie zu ernähren und einen verhaltensauffälligen Hund durchzufüttern? Man macht auch nach der aktiven Laufbahn Karriere in der Industrie und wird Fotograf, Teammanager, arbeitet bei einem Skimagazin oder schlüpft bei einer Skifirma unter. Noch besser: Man bietet gleich alles auf einmal an. Eine solche Full-Service-Agentur, in der die Angestellten ihren Traum weiterleben können, gibt es in Innsbruck. Sebastian Huber ist einer von ihnen.

Blauer Himmel, gleißender Schnee, die besten Freeskier der Welt – Freeski- Events wie das Nine Knights liefern die Bilder, die das Publikum fesseln und Freeskiing auf höchstem Niveau zeigen. Reiseberichte, Hochglanz-Portfolios der besten Fotografen, Interviews mit den Stars, Tests, Gebietsvorstellungen und sämtliche News: Medien wie ‚downdays‘, ob online oder als klassisches Print-Format, bilden den Status Quo der Szene ab – ja, sie prägen diese sogar nachhaltig mit. Und schließlich diese Videos, die in unverschämt schönen Aufnahmen den wohl spektakulärsten Einblick ins moderne Freeskiing bieten.
Man kann neidisch auf die Protagonisten unseres Sports werden. Professionelle Freeskier leben das personifizierte Klischee – die Berge als Spielplatz, immer dem besten Schnee hinterher, unberührte Hänge, Material umsonst, und im Sommer dann nach Bali. Events wie die Freeride World Tour, Nine Knights / Nine Queens, die X Games oder Dew Tour bieten dabei die Bühne für ihr Können. Selbst das IOC ließ Freeskiing seine olympische Premiere bei den Spielen in Sochi feiern. Aber: Talentbefreite, Trainingsunwillige, Verletzungspechvögel und Schmerzvermeider kommen wohl kaum auf dieses Level. Phrasenalarm: ohne Fleiß kein Preis. Ob Sponsorensuche und Vertragsverhandlungen unabhängig vom skifahrerischen Können unter Umständen durch Geschlecht und/oder Aussehen beeinflusst werden können, sollen andere diskutieren. Es geht hier auch gar nicht um die Rider an sich – nein, dieser Text hat einen anderen Schauplatz, als sonnenbeschienene Berggipfel, Powder-Paradiese und jungfräuliche Pulverhänge.

Es existiert eine weitere Spezies Freeskier, die nicht auf 180 Schneetage im Jahr kommt. Man entdeckt sie hinter den Kulissen: Jene Menschen, die in Marketing- und Event-Agenturen die infrastrukturellen Voraussetzungen schaffen und im Hintergrund agieren. Eines vorweg: Skifahren an sich und Freeskiing im Speziellen sind Nischensportarten, die wirtschaftlich betrachtet auch in einer guten Saison gerade mal sechs Monate im Jahr aktuell sind. Da im Vergleich zu anderen Industrien nur ein Halbjahr zur Verfügung steht, um das Geld für 12 Monate zu verdienen, ist von vornherein schon weniger Kapital im Spiel – egal ob man nun in der Industrie, im Agenturbereich oder als Sportler selbst sein Geld verdienen will.
Wer sind diese Menschen und was treibt sie an, in einer Agentur zu arbeiten, in der man a) einen Nischenmarkt bedient, b) mit knappen Budgets arbeiten muss und c) Umfeld und Eltern auch noch permanent erklären muss, was man da eigentlich macht. Die Berge bedeuten mir viel, wirklich viel – vor allem mit Schnee oben drauf. Seit Juni 2000 hat jede Entscheidung über zukünftige Lebensschritte irgendwie mit den Bergen zu tun gehabt: Zivildienst in Oberstdorf, Studium in Innsbruck, Studium wechseln, aber in Innsbruck bleiben, nach dem Studium arbeiten, aber nicht weggehen. Seit 2004 bin ich im Fischer Freeski Team, zeitweise als der einzige Deutsche der Bande, wir können nämlich doch Skifahren. Dass meine „Skifahrerei“ (Zitat: Mama) schließlich dazu führen sollte, dass ich auch beruflich im Freeskiing bleibe, war anfangs weder der Plan noch absehbar. Schließlich erwartet ja auch keiner, dass man als Chemiker mit Wintersport zu tun hat. Chemie wurde es dann aber doch nicht, sondern klassisch der BWL-Magister. Freundlicherweise spielte mir der Zufall in die Hände, als Freunde ihre eigene Agentur gründeten, samt Freeski-Magazin und –Website. Diplomarbeit fertig – „Basti, magst bei uns arbeiten?“

Inzwischen arbeite ich das vierte Jahr als Senior Project Manager bei The Distillery in Innsbruck. Ich fahre wohl unter der Woche deutlich weniger Ski als zu Studienzeiten, muss Familie, Hund, Arbeit und Sport unter einen Hut bringen – und gehe immer noch gern auf den Berg, zur Not auch mal vor der Arbeit, mit Fellen, bevor die Lifte öffnen. Ich bin jetzt nicht unbedingt aus „Blödhausen“ (wieder, Zitat: Mama), aber es wird auch diese Begeisterung für den Sport sein, die einen gut werden lässt in diesem Job. Ohne den Antrieb, Freeskiing und seine Ausprägungen (noch) besser zu machen, ohne Gespür für die Szene und deren Mitglieder, kann man weder sich noch etwas anderes in diesem Mikrokosmos bewegen. Wenn man zusätzlich auch noch recht kluge Sätze sprechen und diese in noch klügere und durchdachte Konzepte und Strategien gießen kann, dann erkennt eben auch die Industrie, dass sich innerhalb dieser Szene doch einiges an Kompetenz und Expertise finden lässt (in diesem Fall meine ich mich). Nicht umsonst kommen namhafte Skifirmen auf unsere Agentur zu, um sich bei Eventkonzepten, Athleten-Management, Bewegtbild- und Fotoproduktionen, Beratung bis hin zu Presse-Events, Handels-Marketing und Medienplanung helfen zu lassen – von denen, die wissen, welche Sprache die Zielgruppen sprechen, wohin sich die Szene bewegt und eben auch mal deutlich sagen, was einfach nicht funktioniert.
An diesem Job ist nicht alles glamourös. Aber doch einiges, und so soll es auch bleiben.

Sebastian Huber