Di., 17. Feb. 2026
Auch für Nichtschwimmer - 100 Jahre Amalienbad und das Bäderwesen im Roten Wien

Auch für Nichtschwimmer - 100 Jahre Amalienbad und das Bäderwesen im Roten Wien

Sonderausstellung im Waschsalon Karl-Marx-Hof

Im Juli 2026 feiert das Amalienbad seinen 100. Geburtstag. Der Waschsalon Karl-Marx-Hof nimmt dieses Jubiläum zum Anlass, in das Bäderwesen im Roten Wien einzutauchen.


05.03.2026

ERÖFFNUNG MIT EINEM TAG DER OFFENEN TÜR


Kurator:innen-Führungen (jeweils 18:00 Uhr)

26.03.2026 – 09.04.2026 – 07.05.2026 – 22.10.2026 – 12.11.2026 – 18.03.2027 – 15.04.2027 – 17.06.2027

Eintritt & Führung: € 12,- pro Person


Wir besuchen all jene städtischen Badeanstalten, die den Wienerinnen und Wienern während der Ersten Republik zur Verfügung stehen – die als „Tröpferlbäder“ bekannt gewordenen Volksbäder, die Strom-, Strand- und Sommerbäder, die Kinderfreibäder sowie die Hallen- und Warmbäder. Ihre jeweilige Entstehungsgeschichte spiegelt die technischen Entwicklungen und gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts wider.


„Das Luxusbad der Arbeiterschaft“

Prunkstück der Bäderbautätigkeit im Roten Wien ist das prächtige Amalienbad.

1923 beschließt die Gemeindeverwaltung den Bau einer „modernen Badeanlage in Favoriten“, die die größte in Wien werden soll. Bereits am 8. Juli 1926 kann Bürgermeister Karl Seitz das nach der Favoritner Gemeinderätin Amalie Pölzer benannte Bad eröffnen.

„Warum baut ihr dieses Bad hier, fragt man. Ja just, in diesem Proletarierbezirk haben wir dieses Bad gebaut […], weil wir wollen, dass Körperkultur in die breitesten Massen des Volkes dringe.“
(Bürgermeister Karl Seitz, 8.6.1926)

Das Amalienbad ist jedoch mehr als „nur“ ein Hallenbad. Bereits seine avantgardistische Architektur inmitten eines Arbeiterbezirks ist eine Provokation. „Österreichischer Konstruktivismus“, urteilt der Kulturpublizist Max Ermers 1926.

Wien Museum, Inventarnummer HMW 238149/55

„Das Bad im Proletenviertel“

Von konservativer Seite hagelt es Kritik – nicht nur in Bezug auf die Standortwahl oder die Baukosten. Vor allem die prachtvolle Ausstattung stößt auf Ablehnung.

„Fast möchte man meinen, daß dieser Prunkbau mit seiner monumentalen Fassade und seiner luxuriösen Einrichtung ins unrechte Milieu geraten sei“, schreibt das Neue Wiener Tagblatt.

Und in der christlichsozialen Reichspost heißt es:
„Auch Proletarier brauchen Bäder. Also baute man ihnen einen kostspieligen Badepalast, in dem sie sich gar nicht heimisch fühlen.“

Die überglaste Schwimmhalle des Amalienbades ist auch für Sportveranstaltungen konzipiert.

Neu sind die eingebauten Zuschauertribünen, deren Bänke versenkt werden können. Im Keller befindet sich außerdem eine moderne Heil- und Kurabteilung – die erste in einer städtischen Badeanstalt.

„Und was das wichtigste ist: die Preise für die Heilbäder sind weitaus billiger als anderswo, auch der kleine Mann wird sich den Luxus leisten dürfen, im Amalienbad sich seine Gesundheit zurückzuholen.“
(Illustrierte Kronen Zeitung, 27.10.1926)


100 Jahre „obligatorischer Schwimmunterricht“

Nur wenige Wochen nach der Eröffnung beschließt der Gemeinderat 1926 den „obligatorischen Schwimmunterricht für die Wiener Schuljugend“.

Die teilnehmenden Kinder weisen anschließend eine „größere Widerstandskraft gegen bacilläre Infektionen der Atmungsorgane“ und damit „geringere Schulversäumnisse“ auf.

Das Amalienbad wird bald zu einer „mitteleuropäischen Sehenswürdigkeit“.

Bereits im Juni 1927 kann der einmillionste Badegast begrüßt werden. Internationale Delegationen besuchen das Bad, darunter 1928 eine chinesische Studienkommission, der Wohlfahrtsausschuss der Stadt Leipzig sowie der Maharadscha von Palanpur.


Das Amalienbad in Zahlen

Zur Errichtung werden 430 Waggon Zement, 2.000 Waggon Betonschotter und 910 Waggon Ziegel herangeschafft.

Die keramische Ausstattung misst 35.000 m², wiegt über 1.200 Tonnen und erfordert 170.000 Arbeitsstunden.

Eingebaut sind unter anderem:

  • 70 Wannen

  • 250 Brausen

  • 60 Fußwannen

  • 65 Klosetts

  • 40 Pissoirs

  • etwa 70 Wandbrunnen und Waschtische

Den Gästen stehen zur Verfügung:

  • 900 Spiegel

  • über 600 Badevorleger

  • 90 elektrische Uhren

Insgesamt finden 1.300 Badegäste gleichzeitig Platz.

Täglich werden bis zu 25 Tonnen Kohle verheizt.


Hygiene und Badespaß für alle

Als ältestes Bad Wiens gilt das Theresienbad in Meidling, dessen Schwefelquelle bereits den Römern bekannt war.

Das älteste Hallenbad ist das 1914 eröffnete Jörgerbad.

Das Dianabad, ursprünglich 1806 eröffnet und 1917 neu gebaut, gilt als nobelstes Hallenbad seiner Zeit, mit eigener Kuranstalt und Hotel.

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts ist Baden ein „Luxusbedürfnis der Reichen“.

1887 eröffnet das erste „Tröpferlbad“, bis zum Ersten Weltkrieg entstehen 18 weitere Volksbäder.

Im Roten Wien werden diese modernisiert, und bis 1932 entstehen 62 Gemeinschaftsbäder in Wohnhausanlagen.


Strombäder – Baden im Kanal

Nach der Errichtung von Hauptsammelkanälen bestehen „keine hygienischen Bedenken mehr“ gegen Strombäder.

Bis 1905 entstehen vier städtische Strombäder im Donaukanal.

Im Roten Wien gibt es Strombäder bei der Aspern-, Rotunden- und Augartenbrücke sowie in Nußdorf.

Das Strombad im Kuchelauer Hafen wird ein „beliebtes Ausflugsziel zahlreicher badelustiger Wiener“.

„Da kommen die Stenotypistinnen und Verkäuferinnen […] raus aus dem verschwitzten Zeug und hinein ins Kühle.“
(Arbeiter-Zeitung, 1933)


Strandbäder und Sommerbäder

Die Gemeinde übernimmt das Gänsehäufel und baut es zum größten Freibad des Kontinents aus.

In den westlichen Bezirken entstehen große Sommerbäder:

  • 1923 Krapfenwaldlbad

  • 1926 Ottakringer Schwimmbad

  • 1927 Hohe-Warte-Bad

  • 1928 Kongreßbad

Anlässlich der 2. Arbeiter-Olympiade 1931 wird das Praterstadion mit Bad errichtet.


Kinderfreibäder – für viele „der schönste Ferienaufenthalt“

Die Kinderfreibäder sind eine Errungenschaft des Roten Wien und werden durch die „Breitner-Steuern“ finanziert.

Bis 1932 entstehen 23 Kinderfreibäder, meist in Parkanlagen und nahe den Wohngebieten der Kinder.


Die Bäderhauptstadt Wien heute

Der Zweite Weltkrieg hinterlässt große Schäden.

1951 besitzen nur 13,7 Prozent der Wiener Wohnungen ein eigenes Badezimmer, und noch 1955 verzeichnen die Brausebäder 4,7 Millionen Besucher.

Ab den 1970er-Jahren werden Volksbäder in Saunabäder umgewandelt.

Heute gibt es in Wien 38 städtische Badeanstalten mit rund 3,5 Millionen Badegästen jährlich.